• 11.05.2001, 09:00:02
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  • OTS0027 OTW0015

Angehörige der Gletscherbahn-Opfer fordern Antworten auf offene Fragen

Sechs Monate nach der Katastrophe heute Errichtung von 155 Holzkreuzen in Kaprun

Wien (OTS) - Väter, Mütter und weitere Angehörige von Opfern des
Unglücks im Tunnel der Gletscherbahn Kaprun errichten heute, Freitag,
11. Mai 2001, um 9.00 Uhr, in Kaprun an der zur Gletscherbahn
führenden Straße 155 Holzkreuze im Gedenken an die bei der
Katastrophe ums Leben gekommenen Menschen. Die Katastrophe hat am 11.
November 2000, also vor einem halben Jahr, stattgefunden.

Mit dieser privaten Initiative wehren sich die Angehörigen dieser
Opfer gegen den Versuch der Gletscherbahn Kaprun AG, sie mittels
einer Umfrage über Veranstaltungen, Besichtigungen und Errichtung
einer Gedenkstätte und deren Interpretation zu instrumentalisieren
und sie hinsichtlich ihrer weiteren Vorgangsweise zu entmündigen.

Die Gletscherbahnen Kaprun AG hatte den Angehörigen Anfang April
in einem Brief mitgeteilt, dass sie einen Schweizer Therapeuten mit
der Erhebung der Bedürfnisse der Angehörigen in Bezug auf regionale
Informationstreffen, eine Besichtigung des Wracks in Linz, eine
Begehung des Tunnels sowie eine Veranstaltung zum Jahrestag der
Katastrophe beauftragt habe. Dieser hatte daraufhin völlig unsensibel
für die Situation der Angehörigen einen Fragebogen (wie für eine
Verbraucher-Umfrage) versandt, auf dem die Angehörigen ankreuzen
sollten, wen sie verloren hatten. Sie sollten durch ja/nein Fragen
"abstimmen", ob sie an Besichtigungen des Wracks und des Tunnels
interessiert seien, ob und welche Art der Gedenkstätte ihrer Ansicht
nach in Kaprun errichtet werden sollte.

Dass sich Angehörige aus Wien nun zu der Errichtung von 155
Holzkreuzen entschlossen, ist aber nicht nur durch diese
Unsensibilität des vor einem Strafprozeß stehenden Managements der
Bahn, sondern auch durch einen Passus in dem Fragebogen veranlaßt,
der die Angehörigen in Bezug auf die weitere Vorgangsweise in
mehreren Bereichen völlig entmündigt. In dem Fragebogen heißt es
wörtlich (zum Ankreuzen): "Ich habe Vertrauen in die (von der
Kitzsteinhorn Gletscherbahn Kaprun AG) eingesetzte Arbeitsgruppe und
schließe mich deren Entscheidungen an."

Die Überraschung für alle Angehörigen, die ohne Argwohn den
Fragebogen ausgefüllt hatten, kam per Rundfunk: Der beauftragte
Therapeut interpretierte nämlich jene Antworten, die er erhalten
hatte, ohne die Zustimmung der Befragten einzuholen, im
Mittagsjournal als "positive Reaktion der meisten Angehörigen".

In einer Zeitungsmeldung kündigte er ein Treffen der Angehörigen
Ende Mai an - ohne mit diesen gesprochen zu haben.

Ein Angehöriger dazu: "In einer Situation, in der die Angehörigen
darauf warten, dass die Täter bestraft werden, versucht das
Management der Gletscherbahnen Kaprun AG, aus seiner Rolle als
Verantwortliche für das Unglück in die Rolle des neutralen Dritten
überzuwechseln. Daß die für das Unglück Verantwortlichen die
Angehörigen über einen "Therapeuten" per Kurz-Fragebogen ansprechen
und deren Zuschriften dann öffentlich interpretieren, ist eine
einmalige, unerhörte und unglaublich schamlose Vorgangsweise."

Die Angehörigen der Opfer aus Wien, die in Kaprun nun die
Holzkreuze errichten, fordern alle Angehörigen von Opfern auf, sich
von dieser Aktion der Gletscherbahnen Kaprun AG zu distanzieren.

Ein Angehöriger: "Ein Lenker eines Autos, der alkoholisiert eine
Gruppe von 30 Kindern niedergefahren hat, bestellt auch nicht
Therapeuten für diese oder startet eine Fragebogenaktion, in der die
Eltern gefragt werden, ob und welche Gedenkstätte sie für ihre Kinder
wünschen. Vielmehr bekennt er seine Schuld und wartet dann auf seinen
Strafprozeß."

Die öffentliche Interpretation der Fragebögen ist nach Auffassung
der Wiener Angehörigen nicht Sache der Gletscherbahnen Kaprun AG,
sondern ausschließlich jene der Angehörigen. Auch die weiteren
Maßnahmen - Errichtung einer Gedenkstätte, möglicherweise
Besichtigung des Wracks in Linz, Begehung des Tunnels, weitere
Informationstreffen sowie eine Veranstaltung zum Jahrestag der
Katastrophe - dürften nicht von der Gletscherbahnen Kaprun AG, die
für den Tod ihrer Angehörigen verantwortlich ist, vereinnahmt werden,
sondern sei ihre eigene Angelegenheit, betonen die Angehörigen der
verunglückten Buben aus Wien.

Die Angehörigen der Opfer aus Wien, die heute in Kaprun die
Holzkreuze errichten, erwarten aufgrund der bisher bekannten Fakten
über den Unfall sowie der respektlosen Vorgangsweise gegenüber den
Angehörigen einen raschen Rücktritt bzw. die Abberufung des
Managements der Gletscherbahnen Kaprun AG.

Der Versuch, mittels Bestellung eines "Angehörigen-Therapeuten"
die Gefühle der Angehörigen zu vereinnahmen, diese eigenmächtig zu
interpretieren und darüber öffentlich Aussagen zu machen, empfinden
die heute in Kaprun anwesenden Angehörigen der Wiener Opfer der
Katastrophe als Affront.

Aus Sicht dieser Angehörigen wäre es schon kurz nach dem Unglück
die moralische Pflicht des Managements der Gesellschaft gegenüber den
Opfern gewesen, die Unfallursachen öffentlich darzulegen. Ein
Angehörigenvertreter: "Die Ursachen, nämlich unglaubliche
Schlamperei, Verantwortungslosigkeit gegenüber den Passagieren und
Verzicht auf sämtliche in Tunnels sonst vorgeschriebenen
Sicherheitseinrichtungen, treten aufgrund der bisher vereinzelt an
die Öffentlichkeit gedrungenen Details deutlich zutage. Es ist Zeit,
dass die Mauer des Schweigens, die sich in Kaprun gebildet hat,
niedergerissen wird. Wir hoffen, dass, wenn diese unglaubliche
Vorgangsweise des Managements der Gletscherbahnen Kaprun AG bekannt
wird, viele Zeugen aus Kaprun, die von den Vorgängen wissen, zur
lückenlosen Aufklärung und damit zur einzigen moralisch vertretbaren
Aufarbeitung des Unglücks beitragen. Ein Reduzieren der Schuldfrage
auf den nachträglichen Einbau eines Heizstrahlers durch einen
Mitarbeiter - dessen Kurzschluß aber nicht die Karosserie in Brand
gesetzt haben kann -, kann nicht alles bleiben, was wir zur
Verantwortung der Gletscherbahn Kaprun zu hören bekommen."

Die Angehörigen haben einen Fragenkatalog aller jener Fragen
erstellt, die in Zeitungsmeldungen über die Brandursache bisher nicht
berücksichtigt wurden und zu deren Beantwortung das Management ihrer
Auffassung nach moralisch verpflichtet wäre.

Fragen an Management und Aufsichtsrat der Kitzsteinhorn
Gletscherbahn Kaprun AG, an die Repräsentanten des Haupteigentümers
ÖIAG und die Oberste Seilbahnbehörde:

1. Welche Brandmasse befand sich im oberen Abteil des Unglückszuges?
(Erklärung: Ein Brand dieser Größenordnung erfordert eine erhebliche
"Brandmasse" (größere Mengen stark brennbarer Flüssigkeit/brennbaren
Isoliermaterials u.ä.) und ist laut Brandschutzexperten definitiv
nicht durch die Entzündung eines Heizofens, dahinterliegender
Holzverkleidungen oder die Erstentflammung von Kunststoffen oder
Schianzügen zu erklären.)

2. Warum wurden in den Unglückszug nicht - obwohl erheblicher
Andrang an der Talstation herrschte - wie üblich 180, sondern nur 167
Personen eingelassen?

3. Was wurde neben Personen in der Bahn noch transportiert?

4. Warum waren die Mitarbeiter der Gletscherbahn vom Management
offensichtlich nicht ausgebildet bzw. nicht instruiert, die Tore in
der Bergstation, die eine Ausbreitung des Brandes verhindert hätten,
geschlossen zu halten?

5. Warum wurde die Bahn nicht sofort nach dem Unglück aus dem
Tunnel herausgeführt (dies hätte maximal zwei Minuten gedauert und
allen Insassen das Leben gerettet)?

6. Warum unterlag die Bahn nicht den allgemeinen
Brandschutzbestimmungen, wie sie z.B. für U-Bahnen und Bahntunnels
gelten?

7. Wurde den Ursachen der im strafrechtlichen Verfahren zu
Protokoll gegebenen mehrfachen unerklärlichen Aufenthalte der Züge im
Tunnel an den Vortagen des Unglücks, die der Direktion gemeldet
wurden, nachgegangen?

8. Warum war 26 Jahre lang während des Betriebes der Bahn niemals
die Feuerwehr vor Ort?

9. Warum wurde bei der Renovierung der Bahn in den 90er Jahren der
alte Boden der Bahn nicht ausgetauscht, obwohl er aus brennbarem
Polyester bestand?

10. Wußten die Direktoren der Gesellschaft, dass die Führerkabine
des Unglückszuges aus brennbarem Kunststoff bestand?

11. Warum wurden alle Mängel - brennbare Karosserie und Unterboden,
fehlende Feuerlöscher, nicht zu öffnende Fenster, das Fehlen von
Fluchtwegen, kein Schließen des Tores in der Bergstation - vom
Management bewusst toleriert und damit die vorgefallene Katastrophe
bewusst in Kauf genommen?

12. Wieso gab es in der Gletscherbahn Kaprun keine
Brandschutzregelung, keine Notbeleuchtung und keine Fluchtwege?

13. Warum war zum Zeitpunkt im unteren Abteil des Unglückszuges kein
zweiter Betriebsangehöriger, der ein kleines, flackerndes Feuer -
laut Zeugenaussage 6x10 cm - ohne weiteres mit dem Fuß austreten
hätte können?

14. Was war die Ursache der Stromausfälle, die vorher laut
Zeitungsberichten im Tunnel immer wieder stattfanden? Warum wurde die
Ursache nicht repariert?

15. Warum gab es in den Zügen keinen Türöffnungsmechanismus und
keine Nothämmer?

16. Warum war die Fahrerkabine entgegen den Vorschriften aus
Kunststoff gefertigt?

17. Warum gab es in dem Tunnel keine Sprinkleranlage?

18. Warum waren in dem Tunnel keine Fluchtwege angezeigt?

19. Warum wurde die mit Öl vollgesaugte Gleisbeschüttung nie
gereinigt?

20. Warum sorgt die ÖIAG als Hauptaktionär nicht für eine
Blockierung der Reserven der Gesellschaft in Höhe von etwa 400 Mio. S
zur vorläufigen Abdeckung materieller Ansprüche von Witwen und Waisen
(wie dies andere Gesellschaften in ähnlicher Situation machten) und
ermutigt die Bahn stattdessen durch Aufsichtsratsbeschluß, dieses
Geld für neue Investitionen zu verwenden?

21. Wieso hat das Management der ÖIAG die für die offensichtlichen
Mißstände, die zu dem Unglück geführt haben, verantwortlichen
Direktoren noch nicht abberufen?

22. Warum ist das Management der Bahn trotz schwerwiegender
Verdachtsmomente, die auf grob fahrlässiges Verhalten schließen
lassen, nach wie vor im Amt und darf den Seilbahnbetrieb weiter
leiten? Warum vertraut man diesen Personen weiterhin das Leben
tausender Passagiere an?

23. Warum behauptete das Management in der ersten Stellungnahme, mit
der Bahn wäre am Abend vor dem Unglück kein Material geführt worden -
was sich später aufgrund der Protokolle als Lüge erwies?

24. Ist es richtig, daß die Gletscherbahn ursprünglich als
Materialseilbahn konzipiert war?

Zur jüngsten "Angehörigen-Therapeuten-Aktion" der Gletscherbahnen
Kaprun AG stellt sich eine weitere Frage: Wieso behauptet die
Gletscherbahn Kaprun AG über ihren Sprecher, den Therapeuten
Faessler-Weibel, in der Öffentlichkeit, Ende Mai werde es ein Treffen
der Angehörigen der Opfer geben, ohne daß die Angehörigen etwas davon
wissen?

Alle diese Fragen könnte das Management der Gletscherbahn
beantworten, tut dies aber nicht. Um eine Antwort zu geben, bedürfte
es nicht eines Strafprozesses, sondern nur der Wahrnehmung der
eigenen persönlichen Verantwortung.

Rückfragehinweis: Dr. Johannes Stieldorf
Tel.: 0699 1 404 30 28
e-mail: ra-stieldorf@netway.at

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

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