- 06.05.2001, 11:21:02
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Fischer in Mauthausen: Aus der Geschichte lernen - Demokratie täglich pflegen!
Europa ist Gegenthese zu den Katastrophen der Vergangenheit
Wien (SK) "Die unmenschlichen Verbrechen des Nationalsozialismus
sind Ereignisse, die nicht vergessen werden können und nicht
vergessen werden dürfen", erklärte Nationalratspräsident Heinz
Fischer am Sonntag anlässlich der Gedenkkundgebung in Mauthausen.
Beim alljährlichen Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers
Mauthausen vor nunmehr 56 Jahren bewege einerseits die Freude über
diese erlösende Befreiung und andererseits das Entsetzen über das,
was dieser Befreiung vorangegangen ist, so Fischer. ****
Man könne nicht hier stehen, so Fischer weiter, "ohne sich immer
wieder die Frage zu stellen, wie es eigentlich geschehen konnte, dass
im 20. Jahrhundert, das auch ein Jahrhundert des Fortschrittes, des
Kampfes um soziale Gerechtigkeit, ein Jahrhundert der Demokratie und
ein Jahrhundert der Völkerverständigung war, die totale Barbarei
triumphierte".
Eine Antwort auf diese Frage zu finden, hätten Schriftsteller wie
Solschenizyn und Boris Pasternak oder Philosophen wie Karl Popper
versucht, wenn sie in ihren Werken beschrieben, "wie nahe in der
menschlichen Natur das Böse und das Gute beisammen liegen; wie groß
die Gefahr ist, dass uns gerade diejenigen zur Hölle schicken die
behaupten, das alleinige Rezept für die totale Beglückung zu haben
und wie sehr wir uns der Gefahr bewusst sein müssen, dass aus
Nationalismus und Fanatismus, aus Angst und Aggression, aus sozialer
Notlage und Intoleranz jenes gefährliche Gemisch des Totalitarismus
entstehen kann, das sich besonders unheilvoll auswirkt, wenn es auf
Gleichgültigkeit in anderen Teilen der Bevölkerung stößt".
Einige der Lehren, die man daraus ziehen müsse, lägen auf der Hand,
erklärte Fischer: "Erstens: Die Menschenrechte sind unteilbar.
Rassismus, Chauvinismus und Fremdenfeindlichkeit sind Verstöße gegen
Grundrechte, die man von Anfang an konsequent und mit Festigkeit
bekämpfen muss.
Zweitens: Die Demokratie ist wie eine Pflanze, um deren Wachstum und
Pflege wir jahraus, jahrein bemüht sein müssen. Im Kampf um die
offene Gesellschaft und gegen ihre Feinde müssen sich die
Grundprinzipien der Demokratie daher immer wieder aufs Neue bewähren.
Demokratie muss Tag für Tag gelebt und verteidigt werden.
Drittens: Der Grundsatz, wonach der Zweck die Mittel heiligt, gehört
zu den falschesten und gefährlichsten Thesen, die man in der Politik
vertreten kann, weil am Ende nicht der gute Zweck die schlechten
Mittel heiligt, sondern vielmehr die schlechten Mittel den guten
Zweck vergiften", führte Fischer aus.
Trotz des langen Disputes, der über die Frage geführt werde, ob die
Menschen aus der Geschichte lernen könnten, zeigte sich Fischer
überzeugt, dass dies möglich ist. In Abwandlung eines Satzes eines
amerikanischen Präsidenten meinte der Nationalratspräsident: "Es ist
möglich, dass einzelne Menschen niemals aus der Geschichte lernen und
es ist möglich, dass alle Menschen einzelne Lehren der Geschichte
vergessen, aber es ist sicher, dass einzelne Botschaften der
Geschichte verstanden werden. Bei dieser Chance müssen wir ansetzen
und ich denke, dass manches, was wir in den letzten Jahren zustande
gebracht haben, als Beweis für eine solche Lernfähigkeit dienen
kann."
Fischer erinnerte in diesem Zusammenhang an die Einrichtung des
Nationalfonds für die Opfer des Nationalsozialismus, an die
beschlossenen Schritte in Richtung Entschädigung für Opfer des
Nationalsozialismus, deren Umsetzung gerade begonnen worden sei und
an das einstimmig beschlossene Projekt zur Entschädigung von
Zwangsarbeitern. Letzteres betreffe rund 150.000 Überlebende, die in
der NS-Zeit unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten
mussten. Es betreffe mehr als 40.000 Ukrainer, 21.000 Polen,
zehntausende Russen sowie Ungarn, Tschechen, Slowaken und zahlreiche
andere Nationalitäten.
Hoffnung erwachse aber auch aus den vielen Initiativen, Büchern,
Filmen, Workshops, Projekten und Aktionen von jungen Menschen, die
lange nach 1945 geboren wurden und die sich mit Idealismus,
Sensibilität und historischem Interesse im Sinne einer
antifaschistischen, demokratischen und europäischen Gesinnung
engagieren und die bereit sind, jede Form von Antisemitismus zu
bekämpfen, unterstrich Fischer.
Das Gedenken in Mauthausen solle aber nicht nur mit einem Blick in
die Vergangenheit, sondern auch mit einem Blick in die Zukunft
verbunden werden, so Fischer. "Wenn die Spaltung und Entzweiung der
Völker Europas durch Nationalismus und Chauvinismus Ursachen für
Krieg und Faschismus waren, dann ist die Verständigung zwischen den
Völkern Europas, das Zusammenführen und Zusammenarbeiten die
Gegenthese dazu." Europa sei groß genug für die Vielfalt der
Kulturen, der Regionen, der Sprachen, Sitten und Gebräuche. Es könne
nicht um Nivellierung, Entwurzelung oder Einheitskultur gehen. Aber
es gebe genügend europäische Werte und europäische Gemeinsamkeiten,
"um daraus eine europäische Gesinnung, ein demokratisches,
europäisches Verantwortungsbewusstsein zu entwickeln", unterstrich
Fischer.
Die EU habe sich trotz all ihrer Probleme als Zone des Friedens und
der Stabilität erwiesen. Dies sei eine Chance, "die Geisel des
Krieges in Europa in die Mottenkiste der Geschichte zu verbannen".
Und es sei der logische Gegenentwurf zu den Katastrophen, die aus
Chauvinismus und Totalitarismus geboren wurden.
Für ihn, Fischer, sei Europa eine Gegenthese zu den Katastrophen der
Vergangenheit. "Und wir sollten dieses Europa nicht eng definieren,
sondern erweitern. Natürlich gibt es Probleme auf dem Weg zu dieser
Erweiterung. Aber sie sind nicht im entferntesten vergleichbar mit
den Problemen, die entstehen können, wenn man in der Sackgasse des
Nationalismus landet", betonte der Nationalratspräsident.
"Wir dürfen und werden die Vergangenheit niemals vergessen, aber
gerade deshalb werden wir unseren Blick auch in die Zukunft richten,
um unsere europäische Chance zu nutzen", so Fischer
abschließend.(Schluss) ml/mh
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Tel.: (01) 53427-275
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