- 22.03.2001, 17:02:03
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"Die Presse"-Kommentar: "Spionage-Déjà-vu" (von Burkhard Bischof)
Ausgabe vom 23.3.2001
WIEN (OTS). Vom "Ende der Geschichte" konnten nach dem Kollaps des
Kommunismus vor zehn Jahren wirklich nur abstrakte Theoretiker
träumen. Und noch etwas naivere Gemüter glaubten sogar, mit dem Ende
des Kalten Krieges werde allmählich auch die Welt der Geheimdienste
untergehen. Mitnichten!
Die Geheimdienste in aller Welt fanden rasch neue Gebiete und neue
Aufgaben. Vor allem US-Spione waren überaus erfolgreich dabei, den
Geldgebern am Capitol Hill klarzumachen, daß sie weiterhin
unentbehrlich seien. Wirtschaftsspionage war das neue Zauberwort -
die amerikanischen Lauscher hören ab, was sie nur können, um mit den
so erworbenen Informationen der eigenen Wirtschaft mögliche
strategische Vorteile zu verschaffen.
Auch die Nachfolger des sowjetischen KGB sind niemals untätig
geblieben. Zwar darf man laut fragen, was für Vorteile
Wirtschaftsspionage etwa der russischen Industrie bringen sollte.
Aber gerade bei der Rüstungsentwicklung haben Spione durch ihre
Tätigkeit Moskau unermeßliche Summen erspart - und sie tun das wohl
noch immer. Robert Hanssen, der sowjetisch/russische Spion, der
ausgerechnet führender Mitarbeiter der amerikanischen Spionageabwehr
war, war zwar kein Wirtschafts- oder Rüstungsspion, aber er konnte
Moskau stets darüber unterrichten, welche seiner Agenten in den USA
gerade in den Verdacht des FBI geraten waren.
Gerade der Fall Hanssen traf die Amerikaner ins Mark. Genau das
erklärt die rabiate Reaktion Washingtons - die Ankündigung, 50
russische Diplomaten wegen Spionagetätigkeit des Landes zu
verweisen. Dazu kommt, daß sich die jetzige US-Administration in
ihrem Verhältnis zu Rußland offenkundig nicht die geringste
Zurückhaltung auferlegen will. Sie fürchtet sich auch nicht im
geringsten vor einem Klimasturz in den Beziehungen zu Moskau - und
den wird es in den nächsten Tagen und Wochen mit Sicherheit geben.
Denn der Ex-KGB-Mann Wladimir Putin kann es sich nicht gefallen
lassen, daß so mit russischen Geheimdienstleuten umgesprungen wird.
Warten auf ein Déjà vu: In der Welt der Spione war der Kalte Krieg
vielleicht unterbrochen, aber niemals wirklich beendet.
Rückfragehinweis: Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
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