"Die Presse"-Kommentar: "Klestil spricht, und keiner hört zu" von Anneliese Rohrer

Ausgabe von 22.3.2001

WIEN (OTS).Eine Art politischer Klimasturz ist in Österreich zu vermerken -
parallel zum meteorologischen. Wegen des Wiener Urnengangs am Sonntag steigt die parteipolitische Temperatur auf Hitze, die vernunftmäßige sinkt auf Null.
Was Spitzenpolitiker seit einer Woche bei Pressekonferenzen und im Parlament so von sich geben, läßt an deren Verstand zweifeln. Was auf der Straße propagiert wird, stellt den Intellekt der Demonstranten in Frage: "Tötet Haider", "Tötet Schüssel" ist heute so inakzeptabel wie es "Schüssel, Haider an die Wand" vor mehr als einem Jahr war.
Von "bürgerkriegsähnlichen Zuständen" in Österreich zu sprechen, grüne und sozialdemokratische Politiker als "Kumpanen der Gewalt" zu bezeichnen wie FP-Klubchef Westenthaler, die Oppositionsparteien als Vizekanzlerin der Republik der Aufbereitung von Gewalt zu bezichtigen, ist so schwachsinnig wie provinziell. Mazedonien ist am Rande eines Bürgerkriegs im Moment, Gewalt bestimmt an anderen Orten in Europa das Geschehen - wie im Baskenland zum Beispiel. Da macht sich Österreich mit seiner überzogenen Ausdrucksweise - der einen wie der anderen Seite - nur lächerlich.
Es gab in den letzten Wochen nicht wenige, die meinten: Irgendjemand müßte dem niveaulosen Treiben der gegenseitigen Anschüttungen vom "Dreck am Stecken" am Aschermittwoch bis zu den "johlenden Fratzen der SPÖ" gestern doch Einhalt gebieten. Und immer wieder wurde Bundespräsident Thomas Klestil angesprochen. Allein, solche Suche nach Autorität wirkt dieser Tage geradezu rührend: Klestil hat am Montag in Tirol vor einer "Verrohung der Sprache" und einem "Riß durch das Land" gewarnt. Und er hat sogar sich selbst mit ähnlichen Aussagen in der Woche davor in Graz zitiert. Aber offenbar stellen sich alle taub.
Irgendwie ist es tragisch: Klestil spricht, und keiner hört ihm zu. Der Riß wird - wie Demonstration und Parlamentsdebatte zeigten -lediglich immer größer. Wenn aber das Wiener Wahlkampfgetöse vorüber sein wird, sollten alle dringend wieder hellhöriger werden. Man kann Zustände auch herbeireden. Das wenigstens weiß der Bundespräsident auch.

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