DER STANDARD-Kommentar: "Recht oder Freiheit" (von Michael Moravec) - Erscheinungstag 14.2.2001

Wien (OTS) - Die Entscheidung des US-Gerichts war selbstverständlich in Ordnung: Bei Napster und anderen Musiktauschbörsen wird das Urheberrecht verletzt. Das muss abgestellt werden. Sonst könnte das Gericht gleich das Gesetz für hinfällig erklären. Vergleiche mit Klagen gegen Sony vor vielen Jahren - weil mit den Videorekordern ebenfalls Raubkopien erstellt werden konnten -hinken. Denn Sony hat kein Verzeichnis von Bezugsquellen für Raubkopien verbreitet.

Wie schnell sich die Internetwelt an die Gratismusik gewöhnt hat, beweisen die vielen äußerst aggressiven Reaktionen auf den Diskussionsplattformen. Hier zeigt sich neben den schönen und nutzbringenden Seiten des Internets auch einmal die häss-

liche Seite: Wenn etwa der Chef der eher selbst ernannten "Internetregierung", Andreas Müller-Maguhn, meint, geistiges Eigentum wäre Diebstahl, so passt das genau in das Bild von anarchistischen Computerfreaks, die das Faustrecht bevorzugen.

Eine wirkliche Kraftprobe muss die Justiz aber noch bestehen, wenn die rund fünfzig Millionen User nun von Napster zu anderen Websites wechseln, die so dezentral aufgebaut sind, dass sie gerichtlich nicht verfolgt werden können. Dann steht sie vor der Wahl, entweder mit drastischen Mitteln dem Internet seine Freiheit zu rauben oder achselzuckend Rechtsverletzungen zuzulassen. Das Internet entwickelt sich aus seiner Freiheit heraus. Würde man es so beschneiden, dass in China keine politischen Debatten mehr geführt und in islamischen Ländern nicht mehr digital über Religion gestritten werden könnte, verlöre das Internet seinen Charakter. Auf der anderen Seite kann es auch nicht akzeptiert werden, dass geltendes Recht mit Füßen getreten wird. Die nächsten Wochen werden spannend.

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