- 28.01.2001, 17:51:31
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Pressestimmen/Vorausmeldung/Wirtschaft=
Presse-Kommentar: Armut oder Globalisierung (von Michael Prüller)
Ausgabe vom 29. Jänner 2001
Wien (OTS). Es gibt Menschen, deren Lebensinhalt neuerdings darin
besteht, sich
den Reichen und Mächtigen an die Fersen zu heften, um jedes
Zusammentreffen der Promis mit Demonstrationen zu begleiten und
damit möglichst zu torpedieren. Man nennt diese Menschen "militante
Globalisierungsgegner". Gegenwärtig zu finden rund um das
Weltwirtschaftsforum in Davos.
Wie der Anlaß selbst werden auch die Aktionen der Globalisierungs-
Protestler gerne überbewertet. Deren harter Kern bezeichnet sich ja
selbst als anarchistisch, und es ist doch ein wenig überraschend,
daß gerade Anarchisten so tapfer gegen ein Mehr an Freiheit und für
den Machterhalt nationalstaatlicher Trennmauern auf die Straße
gehen. Weit mehr Beachtung verdient der Umstand, daß das Unbehagen
an größerer globaler Freiheit für Güter-, Geld- und
Personenaustausch auch außerhalb kämpferischer Kreise so verbreitet
ist - als neue Variante altbekannter Kapitalismuskritik: Die
Gefahren der freien Marktwirtschaft (Ausbeutung und Entfremdung),
die innerhalb einer Volkswirtschaft noch durch eine Regierung
eingebremst werden können, würden sich nun immer aggressiver auf
internationaler Ebene entfalten - und dort ohne zentrale
Gegenstelle.
Die rein wirtschaftlichen Vorbehalte der Globalisierungsgegner sind
dabei am leichtesten zu widerlegen. Niemals zuvor haben auf der Welt
soviele Menschen in annehmbarem Wohlstand gelebt wie am Ende einer
Dekade des Globalisierens. Die stark gestiegene Zahl von
wirtschaftlich bedeutenden Standorten, von Akteuren _ auch auf den
Kapital- und Devisenmärkten - hat die Stabilität der Weltwirtschaft
bedeutend erhöht und nicht prekärer gemacht.
Und vielleicht die wichtigste Beobachtung: Die meisten Chancen der
Globalisierung ergaben sich gerade für die armen Länder. Deren (oft
genug selbstgewählter) Ausschluß aus dem Welthandel hat sie in den
Jahrzehnten davor nicht nur für Investitionen uninteressant, sondern
in Wahrheit auch für die Wünsche nach gerechterer Güterverteilung im
Inneren taub gemacht hat.
Auf einer anderen Ebene ist die Diskussion viel schwieriger zu
führen: Nämlich bei der Sorge, die Unterwerfung von immer mehr
gesellschaftlichen Bereichen unter das ökonomische Effizienzprinzip
(möglichst viel Produktion um möglichst wenig Geld) zertrümmere
neben Handelsbarrieren auch jene Schranken und gewachsenen
Traditionen, die dem Menschen weit über die ökonomische Sphäre
hinaus innere Entwicklungsmöglichkeiten geboten haben. Der Drang zum
billigen Produzieren würde uns alle immer unfreier mache: Das ist
letztlich der alte Streit Wohlstand gegen Lebensqualität.
Am Ende wäre der Mensch nur noch ein fremdbestimmter Konsumtrottel.
Diese Angst mag berechtigt sein. Nur: Die Drahtzieher dieser
Effizienzdiktatur sitzen nicht in Davos, in der Weltbank, dem Weißen
Haus oder den großen Konzernzentralen. Sondern in unseren
Wohnzimmern.
Nach wie hat das Volk - haben wir - als "Souverän" keineswegs die
Macht an eine Verschwörung des Großkapitals abgegeben. Wir bestimmen
die Entwicklungsrichtung und das Tempo der Weltwirtschaft mit
unseren eigenen Konsum-Ansprüchen selbst. Daß diese der Maxime
"immer mehr um immer weniger Geld" folgen, haben wir erst im
jüngsten Advent wieder bewiesen.
Diese Verantwortung läßt sich nicht abladen, indem man die
Weltwirtschaft wieder stärker zu regulieren begönne. Das würde uns
auch nicht dazu bringen, unsere Freiheit besser zu nützen, als die
neuste Playstation oder CDs von DJ Ötzi zu kaufen. Auch Protestchöre
vor Kongreßhotels helfen da nichts. Alles, was wir von einem
Verzicht auf Globalisierung hätten, wäre, daß die armen Menschen
dieser Welt noch länger arm bleiben.
Rückfragehinweis: Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
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