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Presse-Kommentar: Armut oder Globalisierung (von Michael Prüller)

Ausgabe vom 29. Jänner 2001

Wien (OTS). Es gibt Menschen, deren Lebensinhalt neuerdings darin besteht, sich
den Reichen und Mächtigen an die Fersen zu heften, um jedes Zusammentreffen der Promis mit Demonstrationen zu begleiten und damit möglichst zu torpedieren. Man nennt diese Menschen "militante Globalisierungsgegner". Gegenwärtig zu finden rund um das Weltwirtschaftsforum in Davos.
Wie der Anlaß selbst werden auch die Aktionen der Globalisierungs-Protestler gerne überbewertet. Deren harter Kern bezeichnet sich ja selbst als anarchistisch, und es ist doch ein wenig überraschend, daß gerade Anarchisten so tapfer gegen ein Mehr an Freiheit und für den Machterhalt nationalstaatlicher Trennmauern auf die Straße gehen. Weit mehr Beachtung verdient der Umstand, daß das Unbehagen an größerer globaler Freiheit für Güter-, Geld- und Personenaustausch auch außerhalb kämpferischer Kreise so verbreitet ist - als neue Variante altbekannter Kapitalismuskritik: Die Gefahren der freien Marktwirtschaft (Ausbeutung und Entfremdung), die innerhalb einer Volkswirtschaft noch durch eine Regierung eingebremst werden können, würden sich nun immer aggressiver auf internationaler Ebene entfalten - und dort ohne zentrale Gegenstelle.
Die rein wirtschaftlichen Vorbehalte der Globalisierungsgegner sind dabei am leichtesten zu widerlegen. Niemals zuvor haben auf der Welt soviele Menschen in annehmbarem Wohlstand gelebt wie am Ende einer Dekade des Globalisierens. Die stark gestiegene Zahl von wirtschaftlich bedeutenden Standorten, von Akteuren _ auch auf den Kapital- und Devisenmärkten - hat die Stabilität der Weltwirtschaft bedeutend erhöht und nicht prekärer gemacht.
Und vielleicht die wichtigste Beobachtung: Die meisten Chancen der Globalisierung ergaben sich gerade für die armen Länder. Deren (oft genug selbstgewählter) Ausschluß aus dem Welthandel hat sie in den Jahrzehnten davor nicht nur für Investitionen uninteressant, sondern in Wahrheit auch für die Wünsche nach gerechterer Güterverteilung im Inneren taub gemacht hat.
Auf einer anderen Ebene ist die Diskussion viel schwieriger zu führen: Nämlich bei der Sorge, die Unterwerfung von immer mehr gesellschaftlichen Bereichen unter das ökonomische Effizienzprinzip (möglichst viel Produktion um möglichst wenig Geld) zertrümmere neben Handelsbarrieren auch jene Schranken und gewachsenen Traditionen, die dem Menschen weit über die ökonomische Sphäre hinaus innere Entwicklungsmöglichkeiten geboten haben. Der Drang zum billigen Produzieren würde uns alle immer unfreier mache: Das ist letztlich der alte Streit Wohlstand gegen Lebensqualität.
Am Ende wäre der Mensch nur noch ein fremdbestimmter Konsumtrottel. Diese Angst mag berechtigt sein. Nur: Die Drahtzieher dieser Effizienzdiktatur sitzen nicht in Davos, in der Weltbank, dem Weißen Haus oder den großen Konzernzentralen. Sondern in unseren Wohnzimmern.
Nach wie hat das Volk - haben wir - als "Souverän" keineswegs die Macht an eine Verschwörung des Großkapitals abgegeben. Wir bestimmen die Entwicklungsrichtung und das Tempo der Weltwirtschaft mit unseren eigenen Konsum-Ansprüchen selbst. Daß diese der Maxime "immer mehr um immer weniger Geld" folgen, haben wir erst im jüngsten Advent wieder bewiesen.
Diese Verantwortung läßt sich nicht abladen, indem man die Weltwirtschaft wieder stärker zu regulieren begönne. Das würde uns auch nicht dazu bringen, unsere Freiheit besser zu nützen, als die neuste Playstation oder CDs von DJ Ötzi zu kaufen. Auch Protestchöre vor Kongreßhotels helfen da nichts. Alles, was wir von einem Verzicht auf Globalisierung hätten, wäre, daß die armen Menschen dieser Welt noch länger arm bleiben.

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