"Psychotherapie auf Krankenschein" in Wien

Wien (OTS) - Aufgrund der teilweise irreführenden Pressemeldungen zur "Psychotherapie auf Krankenschein" in Wien finden Sie nachfolgend unsere Information für PatientInnen und KlientInnen, der Sie die Details der Wiener Lösung und den kritischen Standpunkt des ÖBVP entnehmen können.

"PSYCHOTHERAPIE AUF KRANKENSCHEIN" IN WIEN
INFORMATION FÜR PATIENTINNEN UND KLIENTINNEN

Sehr geehrte Damen und Herren!

Sie haben wahrscheinlich aus den Medien erfahren, dass nun in Wien tatsächlich die gesetzlich vorgesehene und seit vielen Jahren angekündigte, sogenannte "Psychotherapie auf Krankenschein" eingeführt wird. Das bedeutet angeblich, dass die Behandlung ohne private Zuzahlung Ihrerseits eingeführt sein soll. Leider muss unser Verband Ihnen mitteilen, dass diese Medienberichte der letzten Tage irreführend sind.

Die gesetzlich vorgesehene "Psychotherapie auf Krankenschein" wäre so zu regeln gewesen, wie Sie das auch von Ihren Arztbesuchen kennen. Dort können Sie bekanntlich wählen:

Entweder Sie gehen zu einem Kassenarzt und werden gegen Abgabe eines Krankenscheins behandelt.

Oder Sie gehen zu einem Wahlarzt, der keinen Kassenvertrag hat. Dann bezahlen Sie diesem ein Honorar, reichen diese Honorarnote bei Ihrer Krankenkasse ein und erhalten von der Krankenkasse 80 Prozent des Kassenarzttarifs zurückerstattet (das ist die sogenannte Kostenerstattung für Wahlarzthilfe).

Beachten Sie bitte, dass das jetzt in Wien von der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) in Zusammenarbeit mit zwei Vereinen eingeführte Modell dem NICHT entspricht! Die wesentlichen Unterschiede sind:

- PatientInnen, die bei einer Psychotherapeutin / einem Psychotherapeuten ohne Vertrag mit einem der beiden Vereine in Behandlung sind, sollen nach diesem Modell auch weiterhin NICHT die Kostenerstattung für Wahlarzthilfe erhalten (das wären 80 % der 650 Schilling, die die VereinstherapeutInnen für eine Therapiestunde erhalten, also 520 Schilling) - die WGKK will ihnen weiterhin nur wie bisher den Kostenzuschuss in Höhe von 300 Schilling bezahlen.

- Auch PatientInnen, die bei einer Psychotherapeutin / einem Psychotherapeuten mit Vertrag bei einem dieser Vereine in Behandlung sind, werden NICHT generell gegen Krankenschein ohne private Zuzahlung behandelt!

- Diese PsychotherapeutInnen dürfen nämlich nur einige wenige PatientInnen nach diesem Modell mit der WGKK auf Krankenschein abrechnen. Die in den Vereinsverträgen der WGKK vorgesehene Kapazität reicht insgesamt nur für ca. 5000 PsychotherapiepatientInnen - und das bei einer vom Gesetzgeber und aufgrund wissenschaftlicher Studien auf 30.000 bis 80.000 geschätzten Zahl der Psychotherapiebedürftigen in Wien! Je nach Vereinbarung kann dementsprechend auch bei VereinspsychotherapeutInnen nur eine sehr geringe Zahl an Therapieplätzen auf Krankenschein verfügbar sein. Kann Ihnen ein solcher Platz nicht mehr zur Verfügung gestellt werden, weil das Kontingent bereits ausgeschöpft ist, wird Ihnen die WGKK auch für Psychotherapie bei sogenannten "VereinstherapeutInnen" weiterhin nur den Kostenzuschuss in Höhe von 300 Schilling pro Stunde bezahlen.

- Das bedeutet: Für den Großteil der Psychotherapiebedürftigen in Wien gibt es also auch weiterhin KEINE "Psychotherapie auf Krankenschein"!

- PatientInnen, die Psychotherapie im Rahmen dieses Vereinsmodells auf Krankenschein in Anspruch nehmen wollen und auch tatsächlich einen der wenigen Plätze erhalten, sind verschiedenen zusätzlichen Regelungen unterworfen, über die Sie Ihre Psychotherapeutin / Ihr Psychotherapeut gerne aufklären wird. So sind z.B. verschiedene zusätzliche Kontrolluntersuchungen, Testungen etc. zwingend vorgesehen und ist die Psychotherapiedauer im Regelfall in sehr engen Grenzen limitiert. Diese Begrenzungen (z.B. 30 Stunden maximale Regeltherapiedauer bei schweren psychotischen Störungen, 70 Stunden maximale Regeltherapiedauer bei anderen Störungen) sind nach Auffassung von Fachleuten willkürlich und aus fachlicher Sicht unhaltbar. Trotzdem müssen Sie damit rechnen, dass Ihnen nach Erreichen der genannten Stundenzahlen seitens der WGKK die Fortführung Ihrer Therapie auf Krankenschein erschwert oder verweigert werden wird.

Nach den irreführenden Medienberichten sind Sie nun vielleicht enttäuscht über die tatsächliche Situation, wie wir Sie Ihnen hier aufzeigen, und werden Sie diese womöglich als ungerecht empfinden. Tatsächlich wird damit ein Großteil der krankenversicherten Psychotherapiebedürftigen schwer gegenüber der relativ kleinen Zahl benachteiligt, für die nun diese wenigen Psychotherapieplätze auf Krankenschein bereitgestellt werden.

Nach Auffassung namhafter Rechtsexperten ist diese Regelung auch KLAR RECHTSWIDRIG, da damit das gesetzlich vorgesehene Versorgungsmodell umgangen wird, das Sie aus dem ärztlichen Bereich kennen (siehe oben). Vereinsverträge der vorliegenden Art sind vom Gesetz nicht gedeckt. Sie dienen vor allem dem Zweck, dem Großteil der Psychotherapiebedürftigen in Wien die Kostenerstattung für die WahltherapeutInnenhilfe (520 Schilling statt des derzeitigen Zuschusses von 300 Schilling) vorzuenthalten, die ihnen bei einer dem Gesetz entsprechenden Regelung (Gesamtvertrag mit der Berufsgruppe der PsychotherapeutInnen) zustünde.

Wir bedauern sehr, dass Sie durch diese Vorgangsweise der WGKK nun unter Umständen vor zusätzliche Fragen und Probleme gestellt werden. Sollten Sie einen Therapeutenwechsel überlegen, weil Ihre derzeitige Psychotherapeutin / Ihr derzeitiger Psychotherapeut keinen Vereinsvertrag hat oder trotz eines Vereinsvertrages Ihnen keinen Therapieplatz auf Krankenschein anbieten kann, bedenken Sie diesen Schritt bitte sehr sorgfältig: Für den Erfolg Ihrer Therapie ist das persönliche Vertrauensverhältnis und eine heilungsförderliche Beziehung zu Ihrer Therapeutin / Ihrem Therapeuten von größter Bedeutung.

Bedenken Sie bitte: Der Abbruch einer Therapie und der Wechsel von einer Therapeutin / einem Therapeuten zu einer/einem anderen aus rein finanziellen Überlegungen werden daher in der Regel nicht ratsam sein und sollten jedenfalls nie vorschnell und unüberlegt erfolgen.

Beachten Sie bitte auch, dass es nichts mit der Qualifikation Ihrer Psychotherapeutin / Ihres Psychotherapeuten zu tun hat, ob diese/r über einen "Vereinsvertrag" verfügt. Einen solchen Unterschied gibt es hier ebenso wenig wie zwischen ÄrztInnen mit und ohne Kassenvertrag.

- Wenn Sie gegen die Vorgangsweise der WGKK Ihren Protest einlegen wollen, wenden Sie sich bitte an den Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse, Herrn Franz Bittner, Wienerbergstraße 15-19, 1101 Wien, und senden Sie eine Kopie Ihres Schreibens zur Information an den

Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP), Rosenbursenstraße 8/3/7, 1010 Wien,
Fax: 01/51270914.

- Die rechtswidrige Regelung in Wien wird von Psychotherapeutenseite auch gerichtlich angefochten werden. Wenn Sie sich über Ihre Möglichkeiten informieren wollen, wie Sie auch als versicherte PatientIn Ihre Rechtsansprüche geltend machen können, wenden Sie sich bitte an Ihre zuständige Arbeiterkammer oder Gewerkschaft oder an die "Plattform Rechtshilfe Psychotherapie", Postfach 556, 1071 Wien (Fax: 01/585 65 94).

Die Anschriften der beiden Vereine, die diese Verträge mit der WGKK abgeschlossen haben, sind:

Wiener Gesellschaft für psychotherapeutische Versorgung, Rosenbursenstraße 8/3/8, 1010 Wien

Verein für ambulante Psychotherapie, Garnisongasse 1/22a,
1090 Wien.

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Rückfragen & Kontakt:

Österr. Bundesverband für
Psychotherapie
Präsidium des ÖBVP
Dr. Eva Mückstein
Vizepräsidentin
Tel.: 0676/600 46 76

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