• 27.11.2000, 18:45:00
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Verleihung der Friedrich Torberg Medaille an Superintendentin Mag. Gertraud KNOLL Laudatio: Bundeskanzler a.D. Dr. Franz VRANITZKY 27. November 2000

Wien (OTS) - Der Namensgeber der heute zu verleihenden Medaille
war ein Mensch mit festen Meinungen und einer zuweilen recht losen
Zunge. Seine politischen Ansichten resultierten aus der Erfahrung
politischer Verfolgung, unter der er einen großen Teil seines Lebens
litt. Seine jüdische Identität spielte in der Beurteilung seiner
Tätigkeit als Kritiker eine Rolle. Dies wenn er auch nach
Eigendefinition "zum lieben Gott bestenfalls in einem Verhältnis
wohlwollender Neutralität" stand.

Getraud Knoll ist also - betrachtet man diesen kurzen Steckbrief -
mit Friedrich Torberg nicht simpel vergleichbar.

Das ist allerdings auch gar nicht notwendig, um für die Friedrich
Torberg-Medaille ausgewählt zu werden. Die geistige, die moralische,
die politische Sinnbrücke soll geschlagen werden können. Und genau
deshalb haben die Juroren Frau Knoll ausgewählt.

Ich gratuliere ihr zu dieser bemerkenswerten Auszeichnung und den
Juroren zu ihrer Wahl.

Natürlich steht sie, die Berufene - Vikariat 1983, Pfarrerin 1985
(die erste in der Diözese Burgenland) und Superintendentin 1994 - zum
lieben Gott nicht in einem neutralen Verhältnis. Sehr wohl aber ist
sie bekannt dafür, die Grenzen zwischen den Bekenntnissen nicht als
Palisaden zu begreifen, sondern die Hände zu reichen.

Eine schwankende Meinung und allenfalls ein mutloses Herz sind
ihre Sache nicht. Die Kandidatur anläßlich der Bundespräsidentenwahl
1998 zeugt davon. Hier ist meines Erachtens nicht das politische
Kalkül der Chancenrealität allein von Belang, sondern die Courage und
die Entschlossenheit einer Frau in der Männgesellschaft, einer Mutter
dreier kleiner Kinder in einer Gesellschaft der Vorurteile, und schon
überhaupt einer Geistlichen, der ein großer Teil der lieben
Landsleute sicher das "Schuster bleib bei deinem Leisten" eher
geraten hätte als das Kandidieren. Der Entschlossenheit tat keinen
Abbruch, daß sie nicht von einer im Parlament vertretenen Partei
nominiert und unterstützt wurde (dies im übrigen in einem Szenario,
in dem sich die stimmenstärkste Parlamentspartei nicht zur
Nominierung eines Kandidaten aufraffen konnte).

Der Wahlgang war vom Erfolg weit entfernt, der spätere Sieger zu
übermächtig in Bezug auf Erfahrung, Professionalität und materielle
Basis. Die eigentliche Bürde schien mir allerdings weniger das
Verkraften des politischen Mißerfolgs als die bestrittene Rückkehr
ins kirchliche Amt zu sein.

Diese Bewährung hat die Friedrich Torberg-Medaillienauserkorene
bestanden: Über Wochen und Monate, gegen nicht so geringen medialen
Gegenwind und gegen Akteure, deren Eifer so unterentwickelt nicht
war. Ausdauer, Beharrlichkeit, Standfestigkeit und Vertrauen in sich
selber haben letztlich zu dem geführt, was - wie ich glaube - eine
Mehrheit der österreichischen Bevölkerung ohnehin erwartet und
gewünscht hat.

Der Hauptwortführer gegen Knoll hat sein Spiel verloren. In der
Zwischenzeit ist er Obmann seiner Partei in der Steiermark geworden.
Ob er sich noch daran erinnert, von Frau Knoll "Äquidistanz zu allen
politischen Lagern" eingefordert zu haben ? Von einer Kandidatin im
politischen Wettbewerb...?

Oder: Ob er nicht vielmehr eine andere von ihm geprägte Phrase vor
sich her leiert: "An der Überfremdungsparole ist nichts Furchtbares"?
Die Grammatik kann sich gegen das Wort Überfremdungsparole leider
nicht wehren.

Zur Information: Der Mann heißt Schöggl.

Am 4. Februar des Jahres 2000 zogen neue Regierungsmitglieder in
ihre Ämter und damit unruhige Wochen und Monate in unser Land ein.
Viele Menschen aus Politik, Kultur und Kirchen ergriffen in der
Öffentlichkeit das Wort. So Karl Merkatz, so auch Michel Piccoli, so
auch Elisabeth Orth. So Ariel Muzikant und so auch Gertaud Knoll. Und
viele andere.

Sollte das alles Austropop gewesen sein, dann ist Austropop eine
noch viel sympathischere Angelegenheit, als ich sie bisher schon von
den

A 3 mit Genuß erlebt habe.

Die Verleihung von Friedrich Torberg-Medaillien am heutigen Abend
fällt in eine sogenannte politische Wendezeit. Soll sein. Demokratie
lebt von Veränderung, von Innovation, vom Wandel. Demokratie und
Pluralismus leben aber auch von Meinungsfreiheit, also
Meinungsvielfalt und daraus resultierenden eigenen Positionen. Und
gerade aus diesem Blickwinkel heraus sind einige Einkapselungen im
Gewebe der lauthals vertretenen veröffentlichten Meinung zu
bekämpfen.

Also: Ich lehne die Verbreitung von Unwahrheiten und jede Art der
persönlichen Diffamierung strikt ab, aber wem an seinem Land wirklich
gelegen ist, der verschließt die Augen nicht vor Wahrnehmungen, die
ihm zuwider sind. Er opfert Fakten nicht der Lobhudelei. Sagt er also
in Ausübung seines demokratischen und verfassungsgesetzlich
verbrieften Rechts seine kritische Meinung zu Zuständen in
Österreich, dann ist er kein Vernaderer . Vielmehr begibt sich der in
eine mehr als fragwürdige Ecke, der ihn so heißt.

Wer im Inland oder im Ausland - das Reisen wird doch wohl
Standpunkte nicht verändern dürfen - nicht damit hinter dem Berg
hält, daß er Haider und Haiderismus in Österreich nicht will, ist
kein Vaterlandsverräter. Es ist eine der hochmütigsten Anmassungen
der Haider-Partei, sich mit der Republik Österreich gleichzusetzen.

Die Österreicher sind frei, ihre Regierung selber zu wählen, hört
man oft. Klingt gut. Nur: Es trifft so nicht zu. Die Österreicher
wählen Parteien und ihre Vertreter in den Nationalrat. Diese
Parteienvertreter bilden dann nach Verhandlungen eine
Bundesregierung.

Im Auftrag des Bundespräsidenten oder ohne einen solchen. Wie
zuletzt zum ersten Mal.

Der Wählerwille wird viel strapaziert. Er wird schon existent
sein, ist allerdings nicht immer leicht greifbar und daher für
nachträgliche unterschiedliche Interpretationen anfällig. Da man ihn
im Nachhinein so schwer befragen kann, bleibt jedenfalls bis zur
nächsten Wahl offen, ob er, der Wählerwille, es wirklich im Sinn
hatte, den Vertreter der drittstärksten Partei zum Bundeskanzler zu
machen. Warum haben die Wähler dann dessen Partei nicht zur stärksten
gewählt? Ganz abgesehen davon, daß in der heutigen Konstellation des
Nationalrats die Partei des Regierungschefs nicht nur die
drittstärkste ist, sondern auch die zweitschwächste.

Mit dieser, der bisherigen Regierungspartei sind nun neue
Machthaber angekommen. Unter anderem haben sie sich eigene
Sprachhochschaubahnen gebastelt. Rauf und runter und rauf und runter.
Unten die Selbstbemitleidung "nur gegen unsere Spitzel wird
ermittelt", aber unsere Spitzel werden sich in Luft auflösen, oben -
brav verlodet - "wir werden die Jagdgesellschaft jagen".

Diesen eingerührten Brei aus Sonnwendfeuerspringen, Ulrichsberg,
Robin Hood, Räuber und Gendarm und Dobermann, könnte man gerade noch
interesselos an sich vorbeiziehen lassen, wäre da nicht die nach dem
Abducken des sich selber als Märtyrer gebenden - siehe
Jagdgesellschaft - blitzschnell vorgetragene Aggression. Für
Millionen Österreicher an zahlreichen Fernsehabenden mitzuerleben.

Ich habe es seit der zweiten Hälfte der 60iger Jahre, so lange bin
ich in der einen oder anderen Form im "öffentlichen Geschäft", jetzt
zum ersten Mal erlebt, daß Journalisten (nicht sozialdemokratisch
Gesinnte) mir sagen, für Interviews oder Fernsehdiskussionen mit
Exponenten der Freiheitlichen Partei nicht mehr zur Verfügung zu
stehen. Sie wollen sich, nachdem die Ferndiagnosen über ihre
cerebralen Konstitutionen schon abgegeben worden sind, nicht auch
noch die aggresiven ununterbrechbaren Dauerreden zumuten.

Andere, die den Konfrontationen berufsbedingt nicht entkommen,
ziehen sich einfach auf "business as usual" zurück, entweder weil sie
schon eingeschüchtert sind oder weil sie aus der Logik der
Kuratoriumshackordnung nicht in diese Situation kommen wollen.

Was ich hier sage ist nicht das Lamento jemandes, dessen Partei
derzeit nicht in der Regierung ist. Was ich hier sage, ist auch nicht
ein akademisches Beklagen von Zuständen aus der Perspektive der
political correctness.

Es ist vielmehr ein klares Bekenntnis und ein Aufruf an alle, die
meine Einschätzung teilen, daran mitzuwirken, daß es in Österreich
wieder anders wird. Eine Wende der Wende. Nicht zurück, sondern in
eine Zukunft, die Kultur, Soziales und Wirtschaft immer wieder neu
gestaltet, aber die Werte einer europäischen Zivilgesellschaft nicht
mißachtet.

Das wird seine Zeit dauern.

Und wir werden den Schulterschluß der Regierenden noch eine Weile
erleben. Die ohne Not und Veranlassung abgegebene Erklärung des
Amtsinhabers am Ballhausplatz gegenüber der Jerusalem Post, die
selbst der Oppositionskritiker Prof. Rudolf Burger als "nicht ganz
ausgewogen" bezeichnet, ist Zeugnis dafür.

Koalitionszement!

Außenpolitik: Bitte warten.

Europapolitik: Neue Mitglieder ja, aber nicht gleich (was ja
ohnehin selbstverständlich ist). Und wenn, dann eher auch nicht so
direkt. Und Benes und Avnoj lassen wir uns noch ein bißchen offen,
man weiß ja nicht so genau...

Koalitionszement.

Innenpolitik: Reduziert sich auf Budgetpolitik, d.h. aufs
Nulldefizit. Alles andere - abgesehen von den bekannten Ermittlungen
bezüglich Datenmißbrauch - findet in den Vorhabens- und
Ankündigungs-schlagzeilen statt.

Wer andere Meinungen hat, - so tönt s aus dem Beiwagen - gehört
zu den "linken Brüdern" und weg.

Barbara Coudenhove-Kalerghi setzt uns österreichische Bürger daher
zu Recht auf den Prüfstand. Und bringt damit zum Ausdruck, daß jeder
der schweigt, zustimmt.

Getraud Knoll gehört nicht zu den Schweigenden. Daher wird sie die
Friedrich Torberg-Medaille zu Recht besitzen und auf der Basis der
Solidarität, die ihr viele mit dieser Medaille mitgeben, andere und
mehr gewinnen, mitzudenken und mitzureden.

Ich gehöre nicht zu denen, die hinter jeder Ecke Neonazigefahr
wittern. Trotzdem halte ich Gertraud Knoll s Schlußwort bei ihrer
Ansprache vor der Staatsoper am 19. Februar 2000 für zeitlos und
gültig für alle, die nicht durch Schweigen zustimmen wollen.

Sie zitierte damals Martin Niemöller, evangelischer Pfarrer, im KZ
von 1938 bis 1945:

"Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich
war kein Kommunist.

Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen;
ich war kein Sozialdemokrat.

Als sie die Katholiken holten, habe ich nicht protestiert; ich war
ja kein Katholik.

Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte."

Rückfragehinweis: Mag. Stephan Maxonus
Büro Dr. Vranitzky
Tel.: 01/5120 400

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