Österreich 1 präsentiert "Berühmte Stimmen" in "Patina - Kostbares aus dem Archiv"

Wien (OTS) - In der Sendereihe "Patina" - jeden Sonntag um 9.05
Uhr in Österreich 1 - stehen ab 19. November "berühmte Stimmen" im Mittelpunkt. Die ersten fünf Folgen sind Käthe Gold (19.11.), Egon Jordan (26.11.), Hedwig Bleibtreu (3.12.), Ernst Deutsch (10.12.) und Therese Giese (17.12.) gewidmet.****

Früher war nicht alles besser, dafür aber vieles anders. Das trifft auch - oder vor allem - aufs Theater zu. Die vielfach heraufbeschworene "goldene" Zeit der vor allem in Wien gepflegten Schauspielkunst hat in der Tat mit der modernen Auffassung von Theater wenig zu tun. Zum Glück, sagen die einen. Schade, meinen die anderen. Die Wahrheit liegt in diesem Fall nicht in der Mitte, sondern ist, wie stets bei ästhetischen Fragen, individuell zu deuten. Wenn von "berühmten Stimmen" die Rede ist, hat das nichts mit Nostalgie zu tun, sondern einzig und allein mit der Dokumentation ehemals bestehender Maßstäbe, sowie mit der Frage, ob diese heute noch Gültigkeit haben. Seit es das Theater gibt, gab es Tausende junge Menschen, die eine Bühnenkarriere anstrebten, aber nur die wenigsten von ihnen prägten durch ihre Rollengestaltung, ihr Charisma, ihre unvergleichliche Stimme die Schauspielkunst. Doch nicht genug damit: Um eine Diva, ein Star, ein Theaterzauberer, ein Idol zu werden, bedurfte und bedarf es mehr als der Beherrschung des Handwerks. Das Hinauswachsen des Künstlers über die Grenzen des Menschlichen, seine Verwandlung zu einem Träger nationaler kultureller Identität ist ein kultursoziologisches Phänomen. Die Schauspielerin oder der Schauspieler als Ikone, die nicht allein eine bestimmte Person verkörpert, sondern ganze Institutionen wie "das Burgtheater" oder noch abstrakter, "das Österreichische" oder um noch eine Stufe weiter zu gehen, Werte wie "das Gute", "das Heldenhafte" etc. als Zeitphänomene - und damit abhängig von Moden, Ideologien, kollektiven Wunschvorstellungen. Theatergötter gab es nie, gibt es nie und wird es nie geben. Das Göttliche ist überzeitlich, das Menschliche muß mit dem Makel des Verfallsdatums leben. Aber dieses erkennt man erst, wenn es überschritten ist.

Hedwig Bleibtreu zum Beispiel: Wer heute ihrer Stimme lauscht, wird schwer verstehen können, warum diese Frau von Kritikern und Publikum geradezu vergöttert wurde. Schwer rollt das "R" über ihre Zunge, mit bebender, beinahe maskuliner Stimme wird jedes Wort geformt, als hieße zu sprechen mit dem Meißel Sinneinheiten aus einem unförmigen Granitblock herauszuhauen. Das mutet heutzutage deklamatorisch an, manchmal wie eine Parodie auf gestelztes Burgtheater-Deutsch - aber was besagt dieser Eindruck schon? Bühnensprache ist immer Kunstsprache, nur hat sich seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts mit dem Regietheater eine Natürlichkeit durchgesetzt, die die Grenzen zwischen Alltag und Kunst sehr durchlässig gemacht hat. Und zwar so sehr, dass die Iphigenie, der Torquato Tasso, der Hamlet und die Ophelia als Menschen von Nebenan mit recht alltäglichen Neurosen und Phobien zum Publikum sprechen. Zu Hedwig Bleibtreus Zeiten, also zwischen dem ausgehenden 19. Jahrhundert und den 50er Jahren des 20., gab es zwischen Kunst und Alltag eine strikte Trennung - und die wurde kenntlich gemacht durch artifizielles Spiel und artifiziellen Einsatz von Sprache.

Käthe Gold, eine im Gegensatz zur Bleibtreu "natürliche" Schauspielerin, begründete ihren Ruf gerade durch die hochartifizielle Musikalität ihrer Stimme. Dieser virtuose Umgang mit Tonhöhen, Druck und Nachdruck, dieses Anklingenlassen und Verhauchen macht natürlich die Inszenierung zweitrangig, ist im besten Sinne reines Schauspielertheater - und gerade deshalb ein so sinnliches Erlebnis. Man muss nicht einverstanden sein mit der Interpretation, man kann die Art der Inszenierung altbacken nennen, man kommt aber nicht umhin sich einzugestehen, dass man als Zuhörer durch den Einsatz eines heute weitgehend unüblichen Umgangs mit Sprache in der Literatur Qualitäten zu entdecken vermag, die einem bislang verborgen geblieben sind.

Wenn Egon Jordan Rilke liest, dann fließt etwas vom Geist der Zeit, vom Milieu und vom gesellschaftlichen Hintergrund, vor dem das Gedicht entstanden ist, mit. Nicht weil Jordan versucht hätte, das Wien der Jahrhundertwende durch eine dialektale Deutung aufzureißen, sondern, wie Oskar Maurus Fontana, der alle Folgen der in den 50er Jahren überaus beliebten Sendereihe "Berühmte Stimmen" einmoderierte, es einmal ausdrückte: "In seinen Figuren sind nämlich noch die Mischung der Völker von Ost und West, Nord und Süd, die weltoffene Kultiviertheit und die liebenswürdige Noblesse lebendig. Seine Gestalten reisen noch alle ohne Paß kreuz und quer durch Europa, haben in allen Weltstädten gute Bekannte, kennen keine Enge des Horizonts und der Daseinsumstände und werden schließlich weder von materiellen Sorgen noch von der Angst vor dem Morgen bedrückt." Wer kann so etwas von sich sagen lassen, ohne sich gleich als Hochstapler fühlen zu müssen?(ih)

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