"Neue Kärntner Tageszeitung" Kommentar: Amerika braucht guten Verlierer

Ausgabe vom 11.11.2000

Nur Bill Clinton hat leicht reden. Er scheidet aus. Für ihn - und er meinte es beschwichtigend - ist das bizarre Rennen um die Präsidentschaft Beweis für die Lebendigkeit der Demokratie. Doch Amerika, das führende Politologen in eine veritable Staatskrise schlittern sehen, bietet in diesen Tagen für viele im In- und Ausland das Bild einer "Bananenrepublik".

Nun, soweit wird es wohl nicht kommen. Aber je länger der Nervenkrieg dauert und je schärfer er ausgetragen wird, desto mehr werden amerikanische Politik und vor allem das Amt des Präsidenten beschädigt. Der Preis des Sieges könnte letztlich ein innen- und außenpolitischer Vertrauensverlust sein.

Zur Zeit sieht es nicht danach aus, dass einer der Kandidaten bereit wäre, seinen Anspruch zurückzustecken, um es nicht zu einer Staatskrise kommen zu lassen. Zur Zeit werden auf beiden Seiten die verbalen und rechtlichen Geschütze aufgefahren. Wer immer Präsident wird, Gore oder Bush, während des gesamten Wahlkampfes haben sie sich gegenseitig nicht so beschädigt, wie jetzt. Das bleibt hängen. Es bleibt am Amt hängen - und das ist der Schaden.

Vielleicht steckt aber doch noch einer zurück und anerkennt seine Niederlage. Er würde damit dem Land einen Dienst erweisen, der ihm nicht nur einen Ehrenplatz in den Geschichtsbüchern sichert, sondern der alle künftigen Dienste des Präsidenten überstrahlen würde. Amerika hätte einen guten Verlierer vorzuweisen - und das ist bisweilen viel mehr als ein schlechter Sieger.

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