"Die Presse"-Kommentar: "Denkmal auf festem Grund" (von Hans Haider)

Ausgabe vom 25.10.2000

Wien (OTS). Eine Feier ohne alle falsche Festlichkeit wurde in Wien für den
Vortag des Nationalfeiertags angesagt: Die Enthüllung des Holocaust-Mahnmals auf dem Judenplatz samt der Eröffnung einer Gedenkstätte in den Ruinen der ersten Synagoge - wo im Jahr 1421 ein Großteil der jüdischen Gemeinde vor den mitbürgerlichen christlichen Mordbrennern in den Tod geflohen ist. Die Stadt Wien hat, sehr spät, dem ganzen Lande Österreich eine Bringschuld abgenommen. Der Staat, die Bundesregierung hat immerhin am Vortag des Gedenkens vor dem neuen Mahnmal den Vertrag über eine Wiedergutmachung an den vom Deutschen Reich in seine Ostmark verschleppten Zwangsarbeitern unterzeichnet.
Wer hat was, und warum, bisher versäumt? So wie die pekuniären Schulden hat Österreichs Wiederaufbau-Generation den Nachgeborenen arge moralische Altlasten weitergereicht. Mit den Staatsschulden wird ein ordentliches Finanzmanagement fertig, auch die schmerzendsten Spargebote sind rational einigermaßen verkraftbar. Wie aber bewältigen die Kriegs- und die Nachkriegskinder die Taten der Altvorderen? Eine oft verzagte, durchs Dunkel tappende, bisweilen auch aus Entrüstung und Denunziation Kraft schöpfende Gedenk- und Bedenkkultur ist erwachsen, und das nicht erst im Jahr 1988 mit parteipolitischen Vorgaben.
Wer den Blick dafür hat, entdeckt Erinnerungszeichen als verwaschene Namen auf Fassaden, auf Grabsteinen, im Telephonbuch, im Fundus der Literatur und Kunst, in einer Sprechmelodie. Auch viele Fromme kommen ohne repräsentative Tempel und Kathedralen aus! Dennoch ist ein massives Denkmal wichtig. Nicht nur weil es, medial gut vermittelbar, einen gemeindepolitischen Willensakt petrifiziert. Es mag auch Ziel sein für Wien-Heimkehrer, die sonst nirgendwo mehr ihren Familiennamen finden.
Daß ein bitterer Nachgeschmack bleibt, paßt zum Anlaß: Bei all seiner fein kalkulierten Symbolik (eine unendliche Bibliothek aus Beton!) bekundet Rachel Whitereads Denkmal auch die Unfähigkeit, mit den Mitteln der Kunst ein Heil zu stiften, wo Unheil seinen Ort, seine Geschichte fand. Design macht gar nichts wieder gut!
Wer sich auf dem Wiener Judenplatz umschaut, entdeckt an einer konfessionellen Schule eine neue Gedenktafel, auf der die Christen Wiens Schuld einbekennen. Dagegen steht ein Standbild Lessings geradezu wie ein Triumphator dem neuen Mahnmal vis-à-vis. Auch die bürgerliche Aufklärung sollte wissen, daß sie ("Mit dem Faust im Tornister nach Stalingrad!") vor ihren Geboten versagt hat.
Um die Gestaltung des Denkmals gab es laute Auseinandersetzungen, manche auch verstärkt von Gegnern jeglicher Erinnerung im unübersehbaren Zeichen - wofür es etliche edle und viele abscheuliche Motive gibt. Streit-Ende! Die Frage ist nur am Rande eine urbanistische. Sie ist allemal schöner gelöst als am Albertina-Platz - und ist dennoch keine der Schönheit.
In Erinnerung muß bleiben, daß Symbole, ob aus Marmorstein, Eisen oder Betonguß, nur als Behelfe und Katalysatoren dienen für Vorgänge im Kopf. Wer nicht zuversichtlich ist, daß in die Köpfe Betroffenheit, Reue, Respekt und auch das Bedürfnis nach Befreiung von Schuld einziehen, hätte ein solches Memento niemals aufrichten dürfen. Wien, Österreich, hat nun sein zentrales Holocaust-Mahnmal. Wien, Österreich wäre größer, reicher, reiner, hätte es ein solches nicht nötig. Es wird auch unbetroffene Touristen anlocken. Es wird auch mancher einen Bogen darum machen, der ermessen kann, oder es zumindest versucht, was sich hinterm symbolischen Superädifikat verbirgt.

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