- 24.10.2000, 17:29:31
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"Die Presse"-Kommentar: "Denkmal auf festem Grund" (von Hans Haider)
Ausgabe vom 25.10.2000
Wien (OTS). Eine Feier ohne alle falsche Festlichkeit wurde in Wien
für den
Vortag des Nationalfeiertags angesagt: Die Enthüllung des Holocaust-
Mahnmals auf dem Judenplatz samt der Eröffnung einer Gedenkstätte in
den Ruinen der ersten Synagoge - wo im Jahr 1421 ein Großteil
der jüdischen Gemeinde vor den mitbürgerlichen christlichen
Mordbrennern in den Tod geflohen ist. Die Stadt Wien hat, sehr spät,
dem ganzen Lande Österreich eine Bringschuld abgenommen. Der Staat,
die Bundesregierung hat immerhin am Vortag des Gedenkens vor dem
neuen Mahnmal den Vertrag über eine Wiedergutmachung an den vom
Deutschen Reich in seine Ostmark verschleppten Zwangsarbeitern
unterzeichnet.
Wer hat was, und warum, bisher versäumt? So wie die pekuniären
Schulden hat Österreichs Wiederaufbau-Generation den Nachgeborenen
arge moralische Altlasten weitergereicht. Mit den Staatsschulden
wird ein ordentliches Finanzmanagement fertig, auch die
schmerzendsten Spargebote sind rational einigermaßen verkraftbar.
Wie aber bewältigen die Kriegs- und die Nachkriegskinder die Taten
der Altvorderen? Eine oft verzagte, durchs Dunkel tappende,
bisweilen auch aus Entrüstung und Denunziation Kraft schöpfende
Gedenk- und Bedenkkultur ist erwachsen, und das nicht erst im Jahr
1988 mit parteipolitischen Vorgaben.
Wer den Blick dafür hat, entdeckt Erinnerungszeichen als verwaschene
Namen auf Fassaden, auf Grabsteinen, im Telephonbuch, im Fundus der
Literatur und Kunst, in einer Sprechmelodie. Auch viele Fromme
kommen ohne repräsentative Tempel und Kathedralen aus! Dennoch ist
ein massives Denkmal wichtig. Nicht nur weil es, medial gut
vermittelbar, einen gemeindepolitischen Willensakt petrifiziert. Es
mag auch Ziel sein für Wien-Heimkehrer, die sonst nirgendwo mehr
ihren Familiennamen finden.
Daß ein bitterer Nachgeschmack bleibt, paßt zum Anlaß: Bei all
seiner fein kalkulierten Symbolik (eine unendliche Bibliothek aus
Beton!) bekundet Rachel Whitereads Denkmal auch die Unfähigkeit, mit
den Mitteln der Kunst ein Heil zu stiften, wo Unheil seinen Ort,
seine Geschichte fand. Design macht gar nichts wieder gut!
Wer sich auf dem Wiener Judenplatz umschaut, entdeckt an einer
konfessionellen Schule eine neue Gedenktafel, auf der die Christen
Wiens Schuld einbekennen. Dagegen steht ein Standbild Lessings
geradezu wie ein Triumphator dem neuen Mahnmal vis-à-vis. Auch die
bürgerliche Aufklärung sollte wissen, daß sie ("Mit dem Faust im
Tornister nach Stalingrad!") vor ihren Geboten versagt hat.
Um die Gestaltung des Denkmals gab es laute Auseinandersetzungen,
manche auch verstärkt von Gegnern jeglicher Erinnerung im
unübersehbaren Zeichen - wofür es etliche edle und viele
abscheuliche Motive gibt. Streit-Ende! Die Frage ist nur am Rande
eine urbanistische. Sie ist allemal schöner gelöst als am Albertina-
Platz - und ist dennoch keine der Schönheit.
In Erinnerung muß bleiben, daß Symbole, ob aus Marmorstein, Eisen
oder Betonguß, nur als Behelfe und Katalysatoren dienen für Vorgänge
im Kopf. Wer nicht zuversichtlich ist, daß in die Köpfe
Betroffenheit, Reue, Respekt und auch das Bedürfnis nach Befreiung
von Schuld einziehen, hätte ein solches Memento niemals aufrichten
dürfen. Wien, Österreich, hat nun sein zentrales Holocaust-Mahnmal.
Wien, Österreich wäre größer, reicher, reiner, hätte es ein solches
nicht nötig. Es wird auch unbetroffene Touristen anlocken. Es wird
auch mancher einen Bogen darum machen, der ermessen kann, oder es
zumindest versucht, was sich hinterm symbolischen Superädifikat
verbirgt.
Rückfragehinweis: Die Presse
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