• 24.10.2000, 13:01:48
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  • OTS0194

- Zadek reagiert mit Marlowes "Jude von Malta" auf Neonazismus und

Antisemitismus
- Koproduktion Burgtheater und Hamburger Schauspielhaus im Dezember

2001
- Zadek im NEWS-Interview über Haider, Opernkrise und das Berliner

Theaterelend
Utl: Vorausmeldung zu NEWS 43/00 vom 25. Okt. 2000 =

Wien (OTS) - Peter Zadek, bedeutendster Bühnenregisseur unserer
Zeit, wird im Dezember 2001 als Koproduktion zwischen dem Wiener
Burgtheater und dem Hamburger Schauspielhaus die Tragödie "Der Jude
von Malta" des Shakespeare-Zeitgenossen Christopher Marlowe
herausbringen. Das erklärt Zadek in einem Interview für die morgen
erscheinende Ausgabe des Wochenmagazins NEWS.

Zadek zum grassierenden aggressiven Neonazismus: "Ich lebe ja
nicht viel in Deutschland. Aber die Bewegung, von der Sie sprechen,
geht durch ganz Europa. Ich finde den Versuch der Regierung, die NPD
zu verbieten, richtig, und hoffe, dass es dazu kommt. Ich selbst
reagiere, indem ich den "Juden von Malta" inszeniere (ein Stück des
Shakespeare-Zeitgenossen Christopher Marlowe, Anm.). Wir bringen das
im Dezember 2001 in Hamburg als Koproduktion mit dem Burgtheater.
Gert Voss spielt die Titelrolle." Das Stück, so Zadek in NEWS, sei
nicht antisemitisch. "Jüdische Freunde aus London fragen schon an, ob
ich wahnsinnig geworden bin. Aber ich meine, das Stück ist jetzt
nötig, und nicht, wenn die Diskussion um die Kurden kreist. Das ist
kein antisemitisches Stück, sondern ein Stück über den Zustand des
Antisemitismus. Es zeigt die Ursprünge, die Vorgänge, die
Feindbilder, die Interaktionen, und es beschreibt rücksichtslos den
schrecklichen Zustand der Menschen. Der Bösewicht ist zwar der Jude.
Im Gegensatz zu Shakespeares Shylock, der nur darüber redet, ist er
sogar wirklich ein Mörder. Aber wenn Menschen so verletzt sind wie
dieses Volk, darf man nicht erwarten, dass sie sich normal benehmen.
Andererseits soll man die Juden nicht andauernd speziell behandeln.
Damit und mit dem jahrtausendealten Feindbild beschäftige ich mich in
der Marlowe-Inszenierung: Wenn man andauernd jemandem sagt, Leute mit
langen Nasen sind Mörder, dann werden Leute mit langen Nasen zu
Mördern. Das finde ich interessanter als die soziologischen und
psychologischen Untersuchungen über den wachsenden Antisemitismus."

Das Kleinphänomen Jörg Haider betrachtet Zadek laut NEWS für
erledigt. Er habe deshalb seinerzeit auch - mit Luc Bondy und Pierre
Boulez - per "Le Monde"-Inserat geholfen, Kunstblockaden gegen
Österreich zu verhindern.

Zadek: "Weil ich vermutet habe, wofür ich jetzt den Beweis sehe:
So scheußlich der Haider-Spuk ist - er ist doch nur ein Spuk. Die
Situation ist also noch nicht so, dass man weglaufen sollte. Im
Gegenteil, man sollte da sein und seine Dinge mit aller Energie
vertreten. Auf der anderen Seite fand ich die EU-Sanktionen richtig.
Dass es Haider heute schlecht geht, dass er die Wahlen so miserabel
verloren hat, ist zu einem guten Teil auf die Sanktionen
zurückzuführen. Sicher war man in Österreich zum Trotzen
entschlossen. Aber ich wusste schon damals, dass keine Bevölkerung
vom Rest der Welt gern als Arschlöcher und Faschisten tituliert wird.
Jetzt beseitigen die Österreicher Haider auf ihre komplizierte Weise.
Der ist weg. Das ist doch ein hysterischer Aufschneider, allerdings
mit viel Begabung und großer Intelligenz. Ein eitler, gebildeter
Schilehrer. Wenn so einer einmal fällt, kommt er nicht mehr hoch. Er
ist ja keiner, der ruhig seine Sache verfolgt und Krisenstrategien
findet. Ich hoffe, dass es bald wieder Wahlen und dann neue
Koalitionen geben wird. Haider war der Halt seiner Partei. Die ist
nichts ohne ihn, und ihn gibt es nicht mehr. Was der in der Vorwoche
an Schwachsinn und hysterischen Gesten vorgeführt hat, würde an jedem
Theater zum Abgang ohne Wiederkehr führen."

Der Emigrant Zadek zur Lage in Israel: " Das Problem scheint fast
unlösbar zu sein. Man kann und darf nicht alles mit dem Holocaust
erklären. Aber ich sagte es schon: dieses Volk wurde so tief
verletzt, dass es sich womöglich noch hundert Jahre nicht normal
verhalten wird können. Und normal ist das nicht, was Israel derzeit
tut. Natürlich können wir nicht ermessen, wie das ist, wenn arabische
Jungs Steine werfen. Aber trotzdem kann die Antwort auf
steinewerfende Demonstranten nicht hundert Tote lauten."

Zadek in NEWS zur Berliner Theaterkrise und den Problemen Claus
Peymanns: "Peymann hat sich in Berlin von Anfang an blöd verhalten.
Ich habe da nur wenig Sympathie, und ich finde das schade, denn in
Wien war er lange Zeit sehr gut. Was er in Berlin macht, ist
aufwendig und prätentiös. In einer Stadt, in der das Geld für die
Kultur das größte Problem ist, hat er sich gleich am Anfang einen
Batzen gekrallt und ungeheuer ausgegeben. Berlin ist ein sehr
kompliziertes Pflaster. Ich weiß nicht, ob er es schafft, zumal das
Theater in Berlin beschissen ist wie die Stadt selbst: unerträglich,
laut, hysterisch, mit diesen entsetzlichen Leuten in ihren Anzügen
und großen Autos. Das ist im Moment kein Ort für Theater."

Zur Berliner Opernkrise wird Zadek deutlich: "Es gibt zu viele
Opernhäuser, zu viele Intrigen, zu viele Leute, die zu viel Geld
verdienen. Ich finde den Opernbetrieb zum Kotzen, nicht nur in
Berlin, sondern überhaupt. Das hat mit Kunst nichts zu tun. Ein
Sänger, der siebzig Mal den Figaro in zehn verschiedenen
Inszenierungen gesungen hat und die elfte Inszenierung draufsetzt und
dann auch noch absagt, langweilt mich. Oper gehört für mich nicht
einmal zum Thema Musik. Oper ist protzig und teuer. Unerträglich."

Zadek bestätigt Avancen Jürgen Flimms für die Salzburger
Festspiele nach Mortier, ist aber skeptisch: " Wir sind im Gespräch,
aber ich glaube nicht. Salzburg hat für mich einen Riesennachteil: Es
findet im Sommer statt. Ich habe ein wunderbares Haus in Italien.
Soll ich im Juli in diesem schrecklichen Salzburg sitzen, heiß, nass,
voll scheußlicher Touristen?"

Rückfragehinweis: Sekretariat NEWS-Chefredaktion
Tel. (01) 213 12103

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