- Zadek reagiert mit Marlowes "Jude von Malta" auf Neonazismus und

Antisemitismus
- Koproduktion Burgtheater und Hamburger Schauspielhaus im Dezember

2001
- Zadek im NEWS-Interview über Haider, Opernkrise und das Berliner

Theaterelend
Utl: Vorausmeldung zu NEWS 43/00 vom 25. Okt. 2000 =

Wien (OTS) - Peter Zadek, bedeutendster Bühnenregisseur unserer Zeit, wird im Dezember 2001 als Koproduktion zwischen dem Wiener Burgtheater und dem Hamburger Schauspielhaus die Tragödie "Der Jude von Malta" des Shakespeare-Zeitgenossen Christopher Marlowe herausbringen. Das erklärt Zadek in einem Interview für die morgen erscheinende Ausgabe des Wochenmagazins NEWS.

Zadek zum grassierenden aggressiven Neonazismus: "Ich lebe ja nicht viel in Deutschland. Aber die Bewegung, von der Sie sprechen, geht durch ganz Europa. Ich finde den Versuch der Regierung, die NPD zu verbieten, richtig, und hoffe, dass es dazu kommt. Ich selbst reagiere, indem ich den "Juden von Malta" inszeniere (ein Stück des Shakespeare-Zeitgenossen Christopher Marlowe, Anm.). Wir bringen das im Dezember 2001 in Hamburg als Koproduktion mit dem Burgtheater. Gert Voss spielt die Titelrolle." Das Stück, so Zadek in NEWS, sei nicht antisemitisch. "Jüdische Freunde aus London fragen schon an, ob ich wahnsinnig geworden bin. Aber ich meine, das Stück ist jetzt nötig, und nicht, wenn die Diskussion um die Kurden kreist. Das ist kein antisemitisches Stück, sondern ein Stück über den Zustand des Antisemitismus. Es zeigt die Ursprünge, die Vorgänge, die Feindbilder, die Interaktionen, und es beschreibt rücksichtslos den schrecklichen Zustand der Menschen. Der Bösewicht ist zwar der Jude. Im Gegensatz zu Shakespeares Shylock, der nur darüber redet, ist er sogar wirklich ein Mörder. Aber wenn Menschen so verletzt sind wie dieses Volk, darf man nicht erwarten, dass sie sich normal benehmen. Andererseits soll man die Juden nicht andauernd speziell behandeln. Damit und mit dem jahrtausendealten Feindbild beschäftige ich mich in der Marlowe-Inszenierung: Wenn man andauernd jemandem sagt, Leute mit langen Nasen sind Mörder, dann werden Leute mit langen Nasen zu Mördern. Das finde ich interessanter als die soziologischen und psychologischen Untersuchungen über den wachsenden Antisemitismus."

Das Kleinphänomen Jörg Haider betrachtet Zadek laut NEWS für erledigt. Er habe deshalb seinerzeit auch - mit Luc Bondy und Pierre Boulez - per "Le Monde"-Inserat geholfen, Kunstblockaden gegen Österreich zu verhindern.

Zadek: "Weil ich vermutet habe, wofür ich jetzt den Beweis sehe:
So scheußlich der Haider-Spuk ist - er ist doch nur ein Spuk. Die Situation ist also noch nicht so, dass man weglaufen sollte. Im Gegenteil, man sollte da sein und seine Dinge mit aller Energie vertreten. Auf der anderen Seite fand ich die EU-Sanktionen richtig. Dass es Haider heute schlecht geht, dass er die Wahlen so miserabel verloren hat, ist zu einem guten Teil auf die Sanktionen zurückzuführen. Sicher war man in Österreich zum Trotzen entschlossen. Aber ich wusste schon damals, dass keine Bevölkerung vom Rest der Welt gern als Arschlöcher und Faschisten tituliert wird. Jetzt beseitigen die Österreicher Haider auf ihre komplizierte Weise. Der ist weg. Das ist doch ein hysterischer Aufschneider, allerdings mit viel Begabung und großer Intelligenz. Ein eitler, gebildeter Schilehrer. Wenn so einer einmal fällt, kommt er nicht mehr hoch. Er ist ja keiner, der ruhig seine Sache verfolgt und Krisenstrategien findet. Ich hoffe, dass es bald wieder Wahlen und dann neue Koalitionen geben wird. Haider war der Halt seiner Partei. Die ist nichts ohne ihn, und ihn gibt es nicht mehr. Was der in der Vorwoche an Schwachsinn und hysterischen Gesten vorgeführt hat, würde an jedem Theater zum Abgang ohne Wiederkehr führen."

Der Emigrant Zadek zur Lage in Israel: " Das Problem scheint fast unlösbar zu sein. Man kann und darf nicht alles mit dem Holocaust erklären. Aber ich sagte es schon: dieses Volk wurde so tief verletzt, dass es sich womöglich noch hundert Jahre nicht normal verhalten wird können. Und normal ist das nicht, was Israel derzeit tut. Natürlich können wir nicht ermessen, wie das ist, wenn arabische Jungs Steine werfen. Aber trotzdem kann die Antwort auf steinewerfende Demonstranten nicht hundert Tote lauten."

Zadek in NEWS zur Berliner Theaterkrise und den Problemen Claus Peymanns: "Peymann hat sich in Berlin von Anfang an blöd verhalten. Ich habe da nur wenig Sympathie, und ich finde das schade, denn in Wien war er lange Zeit sehr gut. Was er in Berlin macht, ist aufwendig und prätentiös. In einer Stadt, in der das Geld für die Kultur das größte Problem ist, hat er sich gleich am Anfang einen Batzen gekrallt und ungeheuer ausgegeben. Berlin ist ein sehr kompliziertes Pflaster. Ich weiß nicht, ob er es schafft, zumal das Theater in Berlin beschissen ist wie die Stadt selbst: unerträglich, laut, hysterisch, mit diesen entsetzlichen Leuten in ihren Anzügen und großen Autos. Das ist im Moment kein Ort für Theater."

Zur Berliner Opernkrise wird Zadek deutlich: "Es gibt zu viele Opernhäuser, zu viele Intrigen, zu viele Leute, die zu viel Geld verdienen. Ich finde den Opernbetrieb zum Kotzen, nicht nur in Berlin, sondern überhaupt. Das hat mit Kunst nichts zu tun. Ein Sänger, der siebzig Mal den Figaro in zehn verschiedenen Inszenierungen gesungen hat und die elfte Inszenierung draufsetzt und dann auch noch absagt, langweilt mich. Oper gehört für mich nicht einmal zum Thema Musik. Oper ist protzig und teuer. Unerträglich."

Zadek bestätigt Avancen Jürgen Flimms für die Salzburger Festspiele nach Mortier, ist aber skeptisch: " Wir sind im Gespräch, aber ich glaube nicht. Salzburg hat für mich einen Riesennachteil: Es findet im Sommer statt. Ich habe ein wunderbares Haus in Italien. Soll ich im Juli in diesem schrecklichen Salzburg sitzen, heiß, nass, voll scheußlicher Touristen?"

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