• 13.10.2000, 10:35:41
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  • OTS0116

Rieder: 10 Jahre Ganslwirt ist Erfolgs-Story=

"Bundesregierung zertrümmert mit falscher Drogenpolitik Erfolge der letzten 10 Jahre"

Wien, (OTS) "10 Jahre Ganslwirt bedeuten 10 Jahre
erfolgreichste Drogenarbeit", erklärte Wiens Gesundheitsstadtrat
Dr. Sepp Rieder am Freitag im Rahmen einer Medienkonferenz
anlässlich 10 Jahre Verein Wiener Sozialprojekte mit den
Teilprojekten "Ganslwirt", "Fix und Fertig", "Betreutes Wohnen"
"Streetwork" und "ChEck iT", in denen es in den letzten 10 Jahren
über eine Million Kontakte mit Suchtkranken gab. Zur Zeit sind
rund 100 Mitarbeiter bei den 5 Projekten beschäftigt.

"Besonders freut mich, dass auch die Wiener Bevölkerung dies
so sieht und unsere Drogenpolitik - das heißt Hilfe für
Drogenkranke und Verfolgung von organisierter Drogenkriminalität -
unterstützt", so Rieder weiter. "Deswegen ist es umso
unverständlicher, dass die neue Bundesregierung diesen
erfolgreichen auch international anerkannten Weg verlässt und mit
von allen Experten vehement abgelehnten Forderungen, wie Gefängnis
für Drogenkranke oder Abschaffung der Therapieeinrichtungen, die
Erfolge der letzten 10 Jahre zertrümmert." Rieder: "Es ist an der
Zeit, dass die Minister Böhmdorfer und Waneck erkennen, dass mit
einer reinen Repressionspolitik keinem einzigen Drogenkranken
geholfen ist. Ich empfehle den freiheitlichen Drogenexperten einen
Blick in den jüngst vorgestellten europäischen Drogenbericht 2000,
wo ganz klar festgehalten ist, dass Prävention und
Schadensminimierung ‚state of the art‘ sind und die von der
Bundesregierung forcierte Kriminalisierung kontraproduktiv ist."

An der Medienkonferenz nahmen auch Peter Hacker, Wiener
Drogenkoordinator, Dr. Alexander David, Wiener Drogenbeauftragter,
Dr. Heinz Wilfing, Obmann des Vereins Wiener Sozialprojekte, und
Gerhard Schinnerl, Geschäftsführer des Vereins Wiener
Sozialprojekte, teil.****

"Österreich hat bei Drogenkranken niedrigste HIV-Rate aller
EU-Länder; Freiheitliche gefährden diesen erfolgreichen Weg"

"In der Gruppe der Drogenkranken, die Substanzen intravenös
konsumieren, liegt die Quote der HIV-Positiven in Österreich auf
Grund verschiedenster Maßnahmen, wie dem Spritzentauschprogramm,
unter zwei Prozent, womit wir eine der geringsten Quoten aller EU-
Länder aufweisen", so Rieder. (in anderen EU-Ländern gibt es
Quoten bis zu 32 Prozent, so der europäische Drogenbericht 2000)
"Setzen sich die Freiheitlichen mit ihrer Kriminalisierungspolitik
auch im Drogenbereich durch, so sind all diese Programme gefährdet
und wir werden in einigen Jahren nicht nur explodierende Zahlen
bei Aids und Hepatitis haben, sondern auch einen enormen
Finanzbedarf um diese Menschen dann zu behandeln."

10 Jahre "Verein Wiener Sozialprojekte" - 1 Million
Kontakte mit Suchtkranken - "Gründereltern" Smejkal, Laska, Zilk

Der Verein Wiener Sozialprojekte, zu dem auch der Ganslwirt
im 6. Bezirk gehört, wurde 1990 gegründet, um in Wien neue Wege in
der Drogenhilfe beschreiten und flexibel auf neue Problemlagen
reagieren zu können. Die Gründereltern des damals heftig
umstrittenen Ganslwirts waren Landtagspräsidentin a.D. Ingrid
Smejkal, Vizebürgermeisterin Grete Laska und Altbürgermeister Dr.
Helmut Zilk.

Der Verein Wiener Sozialprojekte führt Maßnahmen zur
sozialen, sozialtherapeutischen und medizinischen Betreuung von
Drogenabhängigen und anderen Randgruppen durch. Ziele dieser
Betreuung sind die bessere Bewältigung von Krisensituationen, die
Verhinderung von Verelendung, die Vermittlung therapeutischer
Hilfe, sowie die gesundheitliche, soziale und berufliche
Rehabilitation.

"Die Angst vor Strafverfolgung führt dazu, dass
Hilfseinrichtungen erst sehr spät in Anspruch genommen werden. Wir
bieten mit unseren Projekten den Suchtkranken konkrete,
maßgeschneiderte Hilfe an. Denn nur so ist es möglich, mit den
Betroffenen wieder Lebensperspektiven aufzubauen", so Gerhard
Schinnerl, Geschäftsführer des Vereins Wiener Sozialprojekte.

Die Grundidee, "Hilfe ohne Wenn und Aber" für Personen mit
Drogenproblemen anzubieten, war anfangs noch umstritten, hat sich
im Laufe der 90er Jahre jedoch durchgesetzt. Der Ganslwirt ist
heute eines von mehreren erfolgreichen Projekten des Vereins
Wiener Sozialprojekte: Insgesamt werden im Verein Wiener
Sozialprojekte 5 Projekte geführt:

o Ganslwirt - Sozialmedizinisches Zentrum und Notschlafstelle
o Fix und Fertig - Beschäftigungsprojekt
o Streetwork - Straßensozialarbeit
o Betreutes Wohnen - Wohnungsprojekt für obdachlose
o Drogenabhängige
o ChecK iT! - Wissenschaftliches Projekt zur Sekundärprävention

bei synthetischen Drogen

"Ganslwirt" und "Streetwork" betreuen KlientInnen vorwiegend
aus der offenen Straßenszene und haben dadurch großen Anteil
daran, dass sich die Lage dieser Personengruppe in Wien
kontinuierlich verbessert hat. Insgesamt fanden im Rahmen dieser
beiden Projekte über 1 Million Kontakte mit Suchtkranken statt.

Der sozialökonomische Betrieb "Fix und Fertig" sowie das
Wohnprojekt "Betreutes Wohnen" fördern die Integration
suchtkranker Menschen in den Bereichen Arbeit und Wohnen, "ChEck
iT!" bietet Information und Beratung für KonsumentInnen von
synthetischen Drogen wie Ecstasy an, mit dem Ziel die auf
herkömmlichen Wegen bisher nicht erreichten Konsumenten über die
Risiken ihres Konsums zu informieren.

Moderne Drogenpolitik ohne Zwangsbehandlung

Die fünf Einrichtungen bzw. Projekte sind Beispiele dafür,
wie "Drogenhilfe ohne Zwangsmaßnahmen" aussehen kann. "Wenn das
Konzept und die professionelle Ausführung durch gute Mitarbeiter
passen, brauchen Hilfs- und Betreuungsangebote nicht die
Kriminalitätskeule im Hintergrund, um erfolgreich zu sein",
erklärte Peter Hacker. Auf Grund neuer drogenpolitischer Vorhaben
der Bundesregierung, die wieder verstärkt auf Kriminalisierung und
Diskriminierung zurückgreifen, steht jedoch zu befürchten, dass
der erfolgreiche Arbeitsansatz in Zukunft verhindert wird.

Es begann vor 10 Jahren - mit einem Tabubruch

Bis 1990 war das Wiener Drogenhilfssystem fast ausschließlich
abstinenzorientiert, als "Königsweg" galt die stationäre
Langzeittherapie. Gemäß der vorherrschenden Meinung sollte nur
jenen Personen geholfen werden, die auch bereit und fähig waren,
sofort den Drogenkonsum aufzugeben. Das Ergebnis war eine
zunehmende Verelendung der Drogenstraßenszene.

Der 1990 gegründete Ganslwirt hatte ein anderes Leitbild:
Zuerst müsste die Verbesserung der Lebensbedingungen kommen, erst
danach könnten tragfähige Lebensperspektiven erarbeitet werden.
"Die meisten Suchtkranken wollen ihren Drogenkonsum beenden, aber
es ist eben das typische Krankheitsbild, dass der Patient auf
Grund psychischer und sozialer Störungen nicht sofort dazu in der
Lage ist. Auch deshalb ist Sucht eine sozialmedizinische
Erkrankung", erläutert Dr. David. "Daher gehören sogenannte
schadensminimierende Betreuung und Subtitutionsbehandlung
in jedes moderne Behandlungsnetzwerk für Suchtkranke."

Das Konzept der "Schadensminimierung" ist erfolgreich:
Die HIV-Rate ist drastisch gesunken

Mit den Projekten Ganslwirt und Streetwork setzte der Verein
Wiener Sozialprojekte erstmals in Österreich niederschwellige, auf
Schadensminimierung und Überlebenshilfe basierende Konzepte um.
Nicht zuletzt dadurch hat der Verein Wiener Sozialprojekte großen
Anteil daran, dass sich die Lage der schwerstabhängigen Personen
in Wien kontinuierlich verbessert hat und sich, im Vergleich zu
anderen Großstädten, viele suchtkranke Personen der Straßenszene
in Betreuung befinden.

Heute verzeichnen Ganslwirt und Streetwork rund 300 Kontakte
pro Tag - 365mal im Jahr - völlig unspektakulär und ohne Probleme
mit AnrainerInnen. Die "Safer Use"-Beratung sowie das
Spritzentauschprogramm - heute werden täglich etwa 2.600 sterile
Einwegspritzen getauscht - sind eine der Hauptursachen dafür, dass
die HIV-Rate unter DrogenkonsumentInnen seit Beginn der 90er Jahre
dramatisch sinkt. Zudem widmet sich die Sozialmedizinische
Ambulanz im Ganslwirt führend in Österreich dem Thema
"Drogenkonsum und Hepatitis".

Integration ist möglich - Bei "Fix und Fertig" beginnt der
Wiedereinstieg in den Arbeitsprozess

Die Arbeit mit und in der "Szene" hat gezeigt, dass die
betreuten Personen noch andere Bedürfnisse haben - und dass es
nicht bei Schadensminimierung und Überlebenshilfe bleiben muss.

Aufbauend auf diesen Praxiserfahrungen hat der Verein Wiener
Sozialprojekte mit Fix und Fertig sowie Betreutes Wohnen
Integrationsprojekte in den Bereichen Arbeit und Wohnen
entwickelt, die beweisen, dass Integration auch durch Hilfe in
einem ambulanten Setting - und selbst bei noch aufrechtem
Drogenkonsum - möglich ist.

Einschätzungen wie "Drogenabhängige wollen nicht arbeiten"
oder "Drogenabhängige können keine Wohnung halten" erwiesen sich -
bei entsprechender Betreuung - als falsche Vorurteile. Heute
verfügt der Verein über 18 betreute Wohnplätze und bietet täglich
33 Arbeitsplätze an.

ChecK iT! ist internationales Vorzeigeprojekt
Nur so können Konsumenten von synthetischen Drogen erreicht werden

Auf den Trend der neuen Modedrogen ("Ecstasy" und andere
synthetische Drogen) war es besonders wichtig, flexibel und
zielgruppenadäquat zu reagieren. Mit dem europaweit beachteten
wissensschaftlichen Projekt ChEck iT! ist es gelungen, bis dato
nicht erreichbare KonsumentInnen von synthetischen Drogen zu
kontaktieren und Prävention zu leisten. Integraler Bestandteil
dieses Projekts ist mit www.checkyourdrugs.at/ die erste
österreichische Website zur Drogeninformation und -Aufklärung und
detaillierten Warnungen über gefährliche Substanzen.

Eckdaten zu den fünf Projekten des Vereins Wiener
Sozialprojekte:

1+2) Ganslwirt und Streetwork 1990 - 2000

o 3.600 Öffnungstage
o 176.000 Kontakte im Ganslwirt-Tageszentrum
o 30.000 Nächtigungen in der Ganslwirt-Notschlafstelle
o 51.000 Kontakte im Ganslwirt-Ambulatorium
o 924.000 Kontakte im Zuge des Spritzentausch-Programms

heute: etwa 300 Kontakte täglich
o 4 Millionen abgegebene sterile Einwegspritzen, davon wurden
o 3,4 Millionen wieder "zurückgetauscht" und sachgerecht entsorgt;

heute: etwa 2.600 abgegebene Spritzen täglich, Rücklaufquote
über 90%

3) Fix und Fertig 1993 - 2000

800 verschiedene Personen nahmen das Angebot eines tageweisen
Arbeitsplatzes in Anspruch. An 1.600 Arbeitstagen wurden 17.600
Arbeitsplätze vergeben. Das Angebot befriedigt nicht die
Nachfrage: 17.600 zu vergebenen Arbeitsplätzen standen 28.000
Bewerbungen gegenüber. 125 Personen wurden als fix angestellte
Transitarbeitskraft betreut. Seit 1993 wurde das Angebot an
Trainingsarbeitsplätzen (tageweise oder mit befristeter
Anstellung) ständig erweitert. Stand 2000: 33 Arbeitsplätze

4) Betreutes Wohnen 1996 - 2000

o 56 betreute Personen
o bis dato 20 erfolgreiche Abschlüsse (inkl. Vermittlung in eine

Finalwohnung)
o Seit 1998 verfügt das Projekt über 18 Wohnplätze, die

durchgehend ausgelastet sind.

5) ChEck iT! 1997 - 2000

Aufsuchende Sozialarbeit bei 16 Raves und Clubings
o 900 chemische toxikologische Drogenanalysen
o 3.600 Informations- und Beratungsgespräche

Chronologie des Vereins Wiener Sozialprojekte

o 1990 September: Der "Container" am Karlsplatz wird als Vorläufer

des Ganswirt in Betrieb genommen
o 1990 November: Der Ganswirt wird eröffnet
o 1991 Februar: Die mobile Anlaufstelle (Bus) geht in Betrieb
o 1991 April: Die Nachtstation des Ganslwirt wird eröffnet - der

Ganslwirt ist "fertig"
o 1993 November: Start des sozialökonomischen Betriebs Fix und

Fertig
o 1996 Jänner: Beginn des Aufbaus von Betreutes Wohnen
o 1996 April: Streetwork wird übernommen und mit der mobilen

Anlaufstelle zu einem Projekt zusammengeführt
o 1997 Mai: ChEck iT! beginnt als wissenschaftliches Pilotprojekt
o 1998 August: Die Aufbauphase von Betreutes Wohnen ist

abgeschlossen
o 1999 Juni: Der Verein übersiedelt mit allen Projekten - mit

Ausnahme des Ganslwirt - in die Rotenmühlgasse; Fix und Fertig
expandiert weiter
o 1999 Juli: ChEck iT! wird als ein reguläres Projekt im Verein

Wiener Sozialprojekte verankert
(Schluss) mmr

Rückfragehinweis: PID-Rathauskorrespondenz:

www.wien.at/vtx/vtx-rk-xlink/
Martin Ritzmaier
Tel.: 4000/81 855
e-mail: [email protected]

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