Kostunicas Lebensaufgabe

Nach Sozialismus und Nationalismus braucht Jugoslawien endlich eine Demokratie - Gerhard Plott Vorausmeldung vom 7.10.2000

Wien (OTS) - Was Zehntausende Tonnen von Nato- Bomben, jahrelange Sanktionen und internationaler Druck sowie das Aussetzen eines Kopfgeldes durch die USA nicht zustande brachten - dem jugoslawischen Volk gelang es an einem einzigen Tag: Slobodan Milosevic aus seinem Präsidentenamt zu jagen. Dreizehn lange Jahre hatte der Mann das Land in seiner Gewalt und wollte seine verblendete Vorstellung von einem Großserbien auch um den Preis von vier Kriegen umsetzen.

Doch genau dieses Scheitern der großserbischen Pläne kostete Milosevic nun seinen Thron: Der menschenverachtende Nationalismus, den Milosevic in Serbien salonfähig machte, fraß schlussendlich seinen Schöpfer. Zuvor hatte es der Willkürherrscher geschafft, dass die Völker am Balkan nur mehr dort einigermaßen friedlich zusammenleben, wo sie durch internationale Truppen voneinander getrennt wurden.

Die Serben selbst hätten Milosevic auch noch länger verziehen, dass der Lebensstandard des Volkes kontinuierlich sank, dass man außer in Moskau, Minsk, Beijing und Pjöngjang keine Verbündeten mehr hatte, dass das Ansehen des Landes gegen null tendierte, dass das Regime immer repressiver wurde - die Leidensfähigkeit der Serben ist ebenso sprichwörtlich wie ihre heimliche Lust am eigenen Leid. Kein anderes Volk zelebriert beispielsweise eine Niederlage, die vor 600 Jahren stattfand. Doch die Schlacht am Amselfeld, das im Kosovo liegt, ist immer noch von zentraler Bedeutung für Serben.

Dass aber nach vier Kriegen serbische Heimaterde noch immer nicht in einem Land vereint ist, das konnte das Volk dem in letzter Zeit immer paranoider agierenden Milosevic nicht mehr nachsehen. Nicht die Sehnsucht nach Demokratie entschied gegen Milosevic, sondern die Enttäuschung über nicht eingehaltene Versprechen kippte das Regime.

Nun ist Vojislav Kostunica der neue Held der Massen - aber auch der ehemalige Rechtsprofessor agierte in der Vergangenheit oft nach der Devise "Zuerst Serbien, dann Demokratie". Kostunica gilt als eisenharter Nationalist, und dennoch unterscheidet er sich gravierend von seinem Vorgänger: Er hat sich bisher persönlich untadelig verhalten und besitzt das Vertrauen der internationalen Gemeinschaft, die den Geldhahn kontrolliert, aus dem künftig die Hilfe für das geschundene Land fließen soll.

Den Trümmerhaufen wegzuräumen, den Milosevic hinterlassen hat, wird Kostunicas Lebensaufgabe werden. Er muss nun Frieden mit den Albanern im Kosovo schließen, er muss den kampferprobten Kosovaren klarmachen, dass ihre Zukunft wieder in Jugoslawien liegt. Der Westen wird ihn dabei unterstützen. Auch Bosnien hat Probleme mit Kostunica:
Sein Nationalismus schreckt die Muslime; dazu kommt, dass Jugoslawien künftig Hilfsgelder beanspruchen wird, die den Bosniern abgehen werden. Wie die Kosovaren können sich auch die Montenegriner die Unabhängigkeit abschminken. Sie werden auf westlichen Druck wieder mit den Serben in einem Staat zusammenleben müssen.

Kostunica ist also gefordert, eine neue Verfassung für Jugoslawien auszuarbeiten, die dem Föderalismus neue Strahlkraft verleiht und die ein friedliches Zusammenleben künftig garantiert. Dazu muss der neue Präsident allerdings das Dayton-Abkommen anerkennen, gegen das sich Kostunica, ganz Nationalist, stets vehement ausgesprochen hatte.

Jugoslawien steht heute mit elfjähriger Verspätung dort, wo die anderen Osteuropäer schon im Revolutionsjahr 1989 angekommen waren. Nun können die Serben beginnen, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten, sich der Verbrechen, die im Namen des serbischen Volkes begangen wurden, bewusst zu werden und einen dicken Schlussstrich unter die unselige Ära Milosevic zu ziehen.

Nationalismus und Sozialismus sind in Jugoslawien dramatisch gescheitert, die Demokratie hat sich ihre Chance verdient.

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