"Die Presse" Leitartikel: "Unis in Not" (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 23.9.2000

Wien (OTS) Nichts hat der Regierung in ihrem ersten Jahr so geschadet wie die Einführung von Studiengebühren. Zum einen belastet sie damit ihr wichtigstes Kapital, ihre Glaubwürdigkeit, enorm. Hat man doch bis zuletzt hoch und heilig weitere Gebührenfreiheit versprochen und die anderslautenden Ratschläge der Wirtschaft und vieler (inzwischen freilich wieder opportunistisch herumredender) Rektoren ignoriert. Dieser Schwenk wird besonders der ÖVP so sehr nachhängen wie ihre genau vor einem Jahr gemachte Oppositionsankündigung.
Zum zweiten hat auch das politische Marketing vollkommen gefehlt. Was bei der Pensionsreform so gut geglückt ist, daß am Ende die Bevölkerung zu noch viel drastischeren Reformen bereit gewesen wäre, gab es bei den Studiengebühren einfach nicht. Symbolisch dafür ist die anfängliche Flucht der zuständigen Ministerin. Als Begründung ist bei den Bürgern nur angekommen: 1. Der verschuldete Staat braucht Geld. 2. Wir haben die Mehrheit.
Ist es schon jetzt so weit, daß den Regierungsparteien die Macht so wie zuvor den Sozialdemokraten in den Kopf steigt? Oder spekuliert man einfach mit der Unbeliebtheit der Studenten in der Bevölkerung? Zum dritten wurde mit einem Schlag das Versagen der gesamten Hochschulpolitik offenbar. Das trifft nun ganz gewiß auch die früheren Minister, besonders Caspar Einem. Elisabeth Gehrer hat aber noch weniger den Eindruck erweckt, als wären ihr die Universitäten vertraut, als wäre deren Reform Herzenssache.
Tragisch ist: Was Jahrzehnte der zaghaften, widersprüchlichen, abgehobenen Reformdiskussionen nicht geschafft haben, gelang den Budgetnöten mit einem Schlag. Das morsche Universitätssystem bricht zusammen. Die offenkundig gewordene Amateurhaftigkeit der Hochschulpolitik gibt wenig Mut zu hoffen, daß nun ausgerechnet auf den Trümmern das aufgebaut wird, was Österreich so dringend bräuchte: wettbewerbsfähige Universitäten, die in Forschung wie Lehre Spitze sind.
Vielmehr ist zu befürchten, daß nach dem Wirbel um die Gebühren der Mut für die viel wichtigeren Reformen nun ganz ausbleibt.
Die Universitäten werden also weiter Asylantenheim für alle jene werden, welche die Aufnahmsprüfungen für andere, unwissenschaftliche Ausbildungen wie die an Fachhochschulen oder zur medizinisch-technischen Assistentin nicht schaffen. Es wird weiter niemand kontrollieren, ob Professoren auch arbeiten, ihren Studenten zur Verfügung stehen und Kluges publizieren (lediglich an der WU-Wien und TU-Graz sieht man Neuansätze). Es wird keine Handhabe gegen jene im Mittelbau geben, die pragmatisiert vor sich hindösen, keine Leistung zeigen und oft nicht einmal die Habilitation schaffen. Manche Studentenvertreter werden weiter via Mitbestimmung vor allem darauf schauen, daß nicht so streng geprüft wird. Berufungen werden weiter nicht immer nach Spitzenqualität, sondern oft nach Bequemlichkeiten erfolgen. Tausende werden weiter zum eigenen Schaden Studien belegen, für die kein gesellschaftlicher Bedarf besteht.
Der französische Nobelpreisträger Jean-Marie Lehn hat es bei den Alpbacher Technologiegesprächen ausgesprochen: "Um die Guten fördern zu können, muß man Schlechten wohlerworbene Rechte nehmen." Und beim selben Anlaß der österreichische Spitzenphysiker Anton Zeilinger:
"Bei uns bestimmen nicht jene, die wirklich etwas leisten, sondern die Interessenvertreter."
Wenn all diese Mißstände jetzt angegangen würden, dann hätte der Gebührenkrach sogar einen Sinn gehabt. Viel wahrscheinlicher ist aber, daß er nur das unterschwellige Bewußtsein fördern wird: Die Universitäten sind ohnedies unreformierbar, bauen wir die Zukunft an ihnen vorbei auf. Was eine Katastrophe wäre.

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