• 01.08.2000, 15:43:44
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"Die Presse"-Kommentar: "Saddam Husseins Helfer" (von Christian Ultsch)

Ausgabe vom 2.8.2000

WIEN (OTS).Vor zehn Jahren warnten irakische Ärzte die Bevölkerung
vor Fettleibigkeit, heute ist jedes fünfte irakische Kind
unterernährt. Vor zehn Jahren stand das ölreiche Zwischenstromland
auf einer gemeinsamen wirtschaftlichen Entwicklungsstufe mit
Griechenland, heute spielt der Irak in einer Liga mit Mali. Als
Saddam Hussein seine Armee am 2. August 1990 nach Kuwait schickte,
hat er sein Volk in den Abgrund gestürzt.
Es war ein fataler Fehler, sich die USA und 28 Alliierte (soviele
waren es damals noch) auf den Hals zu hetzen. Der Irak wurde in die
Dritte Welt zurückgebombt. Dafür, daß das Land nicht mehr auf die
Beine gekommen ist, haben rigorose Wirtschaftssanktionen gesorgt,
die auch nach der Befreiung Kuwaits fortgesetzt wurden, um Bagdad,
wie es offiziell hieß, zur Preisgabe seiner Massenvernichtungswaffen
zu zwingen.
Und Saddam Hussein sitzt noch immer Sattel, vielleicht hat er sogar
noch ein paar versteckte Waffen. Als Stratege mag er ein
Totalversager sein - sich zweimal in Folge derart katastrophal zu
verschätzen, wie bei den Angriffen gegen Iran (1980-1988) und
Kuwait, verrät einen besonderen Hang zu Fehlleistungen dieser Art.
Als skrupelloser Taktiker des Machterhalts indes hat er besondere
Begabung bewiesen. Hilfreich waren dabei freilich die Fehler seiner
Gegner.
Es fing damit an, daß George Bush die Alliierten nicht nach Bagdad
marschieren ließ. Zwei Gründe hatten zu dieser Entscheidung geführt.
Erstens wollten die USA ihre Alliierten nicht verprellen -
Zielvorgabe des UN-Mandats war lediglich die Befreiung Kuwaits.
Zweitens wollte man ein Auseinanderbrechen des Irak verhindern. Ein
Abdriften des schiitischen Südens in die Arme der benachbarten
iranischen Mullahs galt in Washington als Horrorszenario. Und auch
mit der Abspaltung des Nordens, mit der Entstehung einer auf die
Region übergreifenden Keimzelle für einen Kurden-Staat, verband man
nichts als Ärger.
Die Idealvorstellung der Amerikaner war ein Militärputsch in Bagdad.
Ein neuer starker, etwas umgänglicherer Mann sollte die Zügel
übernehmen. So kam es zu der paradoxen Situation, daß Bush zwar zum
Sturz des Regimes aufrief, dann aber, als es fast soweit kam, im
März 1991 die Aufständischen im Süden und im Norden auf sich allein
gestellt ließ.
Seit Bill Clinton 1993 ins Weiße Haus eingezogen ist, hat er die
Politik des "Double containment", der gleichzeitigen Eindämmung
Bagdads und Teherans, fortgeschrieben. Auch bei der Auswahl der
Mittel ließ er wenig Kreativität erkennen.
Mit der Zeit wurde die Schwäche des Konzepts immer offenkundiger.
Versuche der CIA, das Regime in Bagdad zu kippen, scheiterten
kläglich. Zu dicht war Saddams Husseins Sicherheitsgürtel. Zu
schwach war die Opposition im Lande. Durch Sanktionen konnte Saddam
Hussein zwar in Schach gehalten werden. Den bitteren Preis dafür
mußte aber die irakische Bevölkerung zahlen. Die Bagdader Führung
wurde dadurch nicht erschüttert. Im Gegenteil: Es war keine
besonders schwere Propaganda-Aufgabe, die Sanktionen, sprich die
USA, für die Misere im Land verantwortlich zu machen. Kaum etwas
scheint mehr Bestand zu haben als ein Kapitalfehler, auf den sich
die Politik einmal eingeschworen hat.
Vielleicht ist das der Hauptgrund, warum die Sanktionen gegen den
Irak trotz erwiesener Kontraproduktivität noch immer bestehen.
Saddam Hussein hat offenbar keine Skrupel, seine Bevölkerung in
Geiselhaft zu nehmen. Die internationale Gemeinschaft allerdings
sollte derartige Bedenken sehr wohl haben: Im Jahr 2000 muß es doch
möglich sein, ein Überwachungssystem zu organisieren, das einen
Despoten daran hindert, neue Waffen zu bauen, ohne dabei ein ganzes
Volk mitbüßen zu lassen.

Rückfragehinweis: Die Presse

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Tel.: (01) 514 14-445

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