Pressestimmen/Vorausmeldung/Innenpolitik

"Presse"-Kommentar: Die beiden Semmering-Tunnels (von Detlef Harbich)

Ausgabe vom 28. Juli 2000

Wien (OTS). Für den durchschnittlichen Nachrichtenkonsumenten ist das alles
wohl ein wenig verwirrend. Da gibt es am Semmering zwei Tunnel-Projekte. Gegen das eine mobilisiert das Land alle rechtlichen Möglichkeiten und auch manche faule Kniffe, um es hinauszuzögern und womöglich für immer zu verhindern. Das ist der Eisenbahn-Basistunnel. Für das andere rollt die selbe Naturschutzbehörde, die selbe Bezirkshauptmannschaft in Neunkirchen den roten Teppich aus und hat in ihrem Naturschutzbescheid außer ein paar durchaus einsichtigen Auflagen gar nichts einzuwenden. Das ist der Straßentunnel, der eine durchgehende Schnellstraßenverbindung von Wien ins Mürz- und Murtal herstellen soll.
Eher verwirrend wie gesagt, aber nicht nur für den abseitsstehenden Laien. Denn da bleibt auch beim näheren Hinschauen einiges schwer verständlich, um es vorsichtig auszudrücken. Im einen Fall _ Eisenbahntunnel _ brauchen die Sachverständigen plötzlich ein ganzes Jahr, um angeblich eine volle Vegetationsperiode lang über den Folgen für den angeblich gefährdeten Wasserhaushalt brüten zu können, für den Straßentunnel ist solche übergroße Sorgfalt offenbar nicht nötig, obwohl durch die offenen Schnellstraßen-Teilstücke die Eingriffe in die Landschaft viel gravierender sind.
Die offizielle Begründung für derlei verschiedenartige Behandlung, der Straßentunnel liege viel höher im Berg und das wirke sich auf den Wasserhaushalt nicht so stark aus, nimmt der Nichtfachmann zur Kenntnis und denkt sich sein Teil. Er denkt sich unter anderem, daß die Vorgangsweise bei der Gutachtenerstellung in erstaunlicher Weise parallel geht mit den politischen Interessen des Landeshauptmannes von Niederösterreich und gewisser Lokalpolitiker. Die wollen nämlich den Straßentunnel lieber heute als morgen und den Eisenbahntunnel möglichst nie.
Auch dieser Widerspruch bedarf aber wohl der Erklärung. Warum ist der eine Tunnel willkommen, der andere nicht? Beide dienen doch wohl dem flüssigeren und leistungsfähigeren Verkehr. Und wo sind die Bürgerinitiativen, die wegen des einen Tunnels den Untergang für die Semmering-Region an die Wand malen, in anderen Fall aber all die Jahre sehr still waren? Vom übergeordneten Verkehrsinteresse lassen sich bei beiden Projekten Argumente für und wider anführen, aber wahrscheinlich wäre der Bahntunnel der wichtigere, während der Schnellstraßentunnel die Fahrt über den Semmering vielleicht angenehmer und schneller macht, aber bestimmt nicht das schlimmste Nadelöhr in Österreichers Straßennetz darstellt, wie regelmäßige Semmering-Überquerer bestätigen können.
Die Erklärung dürfte wohl dahingehen, daß die Urlaubsregion Semmering durchaus legitimerweise den Straßenverkehr aus dem Ortsgebiet hinausbekommen will, um alte Kurort-Herrlichkeit wenigstens ein klein wenig wieder erstehen zu lassen. Und gleichzeitig will man aber den Bahnhof Semmering durchaus, möglichst als Schnellzugsstation, erhalten wissen. Letzteres weniger wegen der relativ geringen Zahl an per Bahn anreisenden Gästen als mehr des Prestiges wegen.
Soweit könnte man sogar ein wenig schmunzeln über die Windungen des Kantönligeistes im Dreieck St. Pölten - Semmering - Neunkirchen. Wirklich ärgerlich ist, wie hier wegen unbedeutender Interessen Kapital verschleudert wird, nicht sosehr Geld _ das auch _, aber die Glaubwürdigkeit von Gesetzen und Sachverständigen sowie die Bedeutung des föderalistischen Prinzips und des Naturschutzes, der hier als Banner vorangetragen wird. Das alles, um vor allem landesfürstliche Pose zu untermauern und Macht zu demonstrieren. Das ist wirklich unverständlich.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

Die Presse

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR/PPR