DER STANDARD bringt in seiner Freitag-Ausgabe einen Kommentar zu den Nahost-Friedensverhandlungen in Camp David:

Erschienen:21.07.2000 =

Sie müssen weitermachen
Die schwierigsten Themen des Nahostfriedens liegen erstmals auf dem Tisch

Gudrun Harrer

Wien (OTS) - "Niemand wollte aufgeben", sagte US-Präsident Bill Clinton, als er die Presse darüber informierte, dass das schon verladene Gepäck wieder zurückgebracht, dass die israelische und die palästinensische Delegation in Camp David bleiben und weiterverhandeln würden. Richtig ist: Sie konnten und durften nicht aufgeben, Israels Premier Ehud Barak und Palästinenserchef Yassir Arafat - noch nicht.

Beide Seiten sind offensichtlich zur Einsicht gelangt, dass es unverzeihlich gewesen wäre. Nicht nur wegen der dramatischen Folgen, der Gewalt und Gegengewalt, die heute - mit einer bewaffneten palästinensischen Polizei - zu kriegsähnlichen Zuständen im Nahen Osten führen könnte. Die Einsicht rührt wohl auch daher, dass in den Gesprächen, auch wenn man nicht zu einer Einigung kommen konnte, eines gelungen ist: zum ersten Mal auch jene Themen ernsthaft auf den Tisch zu bringen, die in höchstem Maß tabuisiert sind, die Flüchtlinge - was die schmerzhafte Frage der "moralischen Verantwortung" Israels für ihr Schicksal beinhaltet - und, noch viel schwieriger: Jerusalem.

Fast scheint es, dass alle anderen Fragen - die Grenzen im Westjordanland, die jüdischen Siedler - quasi nur Tauschobjekte im Streit um Jerusalem sind; tatsächlich ist ja Barak (immer unter der Voraussetzung, dass das, was aus Camp David durchsickerte, stimmt) mit einem Angebot von 95 Prozent des Westjordanlandes ziemlich weit gegangen.

Kein Wunder, dass in Israel deshalb die Meinung vorherrscht, dass Arafat dankbar zustimmen und alle Ansprüche auf eine Präsenz in Ostjerusalem angesichts eines lebensfähigen palästinensischen Staatsgebildes leichten Herzens aufgeben sollte. Nur, er kann das nicht.

Wenn Arafat über die al-Aksa-Moschee spricht, so schaut ihm dabei die ganze islamische Welt zu; wenn er - die Wichtigkeit dieses Punktes ist nicht zu unterschätzen - in einem Abkommen auf zukünftige Ansprüche verzichtet, also Rechtssicherheit garantiert, dann tut er dies nicht nur im Namen der Palästinenser, sondern für Millionen Muslime. Deren Anspruch auf einen Ort, den eines Nachts auf seiner Himmelfahrt der Prophet Muhammad bereist hat, ist vielleicht im (angeblich) rationalen Westen schwer zu verstehen - aber nicht schwerer, als dass es Juden gibt, die den Felsendom, ein Weltkulturerbe, abreißen wollen, weil sie darunter die Reste des ersten Tempels vermuten.

Die israelische Tageszeitung Haaretz schrieb in einem Kommentar am Donnerstag (im Glauben, dass der Gipfel bereits vorbei, gescheitert sei), dass Camp David 2000 als jener Anlass in die Geschichte eingehen werde, bei dem Israelis und Palästinenser erstmals "den Disput zu behandeln versuchten, der nicht nur gelöst werden muss, um den Konflikt zwischen ihnen zu beenden, sondern um mit der arabischen und der islamischen Welt Frieden zu schließen". Dem ist nicht viel hinzuzufügen: Bevor nicht eine Einigung gelingt, der beide Seiten im Namen der Mehrheit ihrer Völker zustimmen können - was gleichzeitig heißt, dass die Fanatiker leer ausgehen werden -, wird kein Friede sein.

Der Tag, an dem es so weit ist, wird kommen. Vielleicht ist es noch zu früh, noch zeichnet sich kein Kompromiss ab - aber auch keiner für eine gangbare Lösung, falls der Gipfel scheitert. Angesichts der Schwierigkeiten, die die Beteiligten zu Hause erwarten, ist zu befürchten, dass etwa eine Entscheidung, langsam, Schritt für Schritt, weiterzuverhandeln, von den Ereignissen überrollt wird.

Die energische Hilfe Clintons wird wegfallen, Barak ist politisch schwach, Arafat am Ende seiner physischen Kräfte, und er verliert zusehends an Zustimmung, die er, als gelernter Populist, sich durch eine Staatsausrufung am 13. September wiederzuholen versuchen würde. Die Straße, mit der er in der Vergangenheit manövrierte, hat er jedoch nicht mehr in der Gewalt wie früher. Angesichts all dessen: Es war zu früh, um aufzugeben - Barak und Arafat müssen weitermachen.

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