- 20.07.2000, 18:06:19
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DER STANDARD bringt in seiner Freitag-Ausgabe einen Kommentar zu den Nahost-Friedensverhandlungen in Camp David:
Erschienen:21.07.2000 =
Sie müssen weitermachen
Die schwierigsten Themen des Nahostfriedens liegen erstmals auf dem
Tisch
Gudrun Harrer
Wien (OTS) - "Niemand wollte aufgeben", sagte US-Präsident Bill
Clinton, als er die Presse darüber informierte, dass das schon
verladene Gepäck wieder zurückgebracht, dass die israelische und die
palästinensische Delegation in Camp David bleiben und
weiterverhandeln würden. Richtig ist: Sie konnten und durften nicht
aufgeben, Israels Premier Ehud Barak und Palästinenserchef Yassir
Arafat - noch nicht.
Beide Seiten sind offensichtlich zur Einsicht gelangt, dass es
unverzeihlich gewesen wäre. Nicht nur wegen der dramatischen Folgen,
der Gewalt und Gegengewalt, die heute - mit einer bewaffneten
palästinensischen Polizei - zu kriegsähnlichen Zuständen im Nahen
Osten führen könnte. Die Einsicht rührt wohl auch daher, dass in den
Gesprächen, auch wenn man nicht zu einer Einigung kommen konnte,
eines gelungen ist: zum ersten Mal auch jene Themen ernsthaft auf den
Tisch zu bringen, die in höchstem Maß tabuisiert sind, die
Flüchtlinge - was die schmerzhafte Frage der "moralischen
Verantwortung" Israels für ihr Schicksal beinhaltet - und, noch viel
schwieriger: Jerusalem.
Fast scheint es, dass alle anderen Fragen - die Grenzen im
Westjordanland, die jüdischen Siedler - quasi nur Tauschobjekte im
Streit um Jerusalem sind; tatsächlich ist ja Barak (immer unter der
Voraussetzung, dass das, was aus Camp David durchsickerte, stimmt)
mit einem Angebot von 95 Prozent des Westjordanlandes ziemlich weit
gegangen.
Kein Wunder, dass in Israel deshalb die Meinung vorherrscht, dass
Arafat dankbar zustimmen und alle Ansprüche auf eine Präsenz in
Ostjerusalem angesichts eines lebensfähigen palästinensischen
Staatsgebildes leichten Herzens aufgeben sollte. Nur, er kann das
nicht.
Wenn Arafat über die al-Aksa-Moschee spricht, so schaut ihm dabei
die ganze islamische Welt zu; wenn er - die Wichtigkeit dieses
Punktes ist nicht zu unterschätzen - in einem Abkommen auf zukünftige
Ansprüche verzichtet, also Rechtssicherheit garantiert, dann tut er
dies nicht nur im Namen der Palästinenser, sondern für Millionen
Muslime. Deren Anspruch auf einen Ort, den eines Nachts auf seiner
Himmelfahrt der Prophet Muhammad bereist hat, ist vielleicht im
(angeblich) rationalen Westen schwer zu verstehen - aber nicht
schwerer, als dass es Juden gibt, die den Felsendom, ein
Weltkulturerbe, abreißen wollen, weil sie darunter die Reste des
ersten Tempels vermuten.
Die israelische Tageszeitung Haaretz schrieb in einem Kommentar
am Donnerstag (im Glauben, dass der Gipfel bereits vorbei,
gescheitert sei), dass Camp David 2000 als jener Anlass in die
Geschichte eingehen werde, bei dem Israelis und Palästinenser
erstmals "den Disput zu behandeln versuchten, der nicht nur gelöst
werden muss, um den Konflikt zwischen ihnen zu beenden, sondern um
mit der arabischen und der islamischen Welt Frieden zu schließen".
Dem ist nicht viel hinzuzufügen: Bevor nicht eine Einigung gelingt,
der beide Seiten im Namen der Mehrheit ihrer Völker zustimmen können
- was gleichzeitig heißt, dass die Fanatiker leer ausgehen werden -,
wird kein Friede sein.
Der Tag, an dem es so weit ist, wird kommen. Vielleicht ist es
noch zu früh, noch zeichnet sich kein Kompromiss ab - aber auch
keiner für eine gangbare Lösung, falls der Gipfel scheitert.
Angesichts der Schwierigkeiten, die die Beteiligten zu Hause
erwarten, ist zu befürchten, dass etwa eine Entscheidung, langsam,
Schritt für Schritt, weiterzuverhandeln, von den Ereignissen
überrollt wird.
Die energische Hilfe Clintons wird wegfallen, Barak ist politisch
schwach, Arafat am Ende seiner physischen Kräfte, und er verliert
zusehends an Zustimmung, die er, als gelernter Populist, sich durch
eine Staatsausrufung am 13. September wiederzuholen versuchen würde.
Die Straße, mit der er in der Vergangenheit manövrierte, hat er
jedoch nicht mehr in der Gewalt wie früher. Angesichts all dessen: Es
war zu früh, um aufzugeben - Barak und Arafat müssen weitermachen.
Rückfragehinweis: Der Standard
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