• 13.07.2000, 18:00:00
  • /
  • OTS0272

"KURIER" Kommantar: Zweifelhafte Freundschaften (von Norbert Stanzel)

Ausgabe vom 14.07.2000

Wien (OTS) - Es sei Viktor Klima ehrlich vergönnt, eine neue,
spannende berufliche Herausforderung zu haben. Auch wenn seine Zeit
als Bundeskanzler in einigen Jahren wohl eher als Episode denn als
Ära betrachtet werden wird - er hat zumindest aus seiner subjektiven
Sicht durchaus engagiert versucht, dem Wohl der Allgemeinheit zu
dienen. Auch wenn Worte und Taten oft nicht im Einklang waren. Ein
Satz des Ex-Bundeskanzlers am Mittwoch in der ZiB 2 ist es aber Wert,
näher betrachtet zu werden - nicht, um dem Schwechater eine schlechte
Nachred' auf den Weg nach Argentinien mitzugeben, sondern weil sein
Inhalt symptomatisch für ein weit verbreitetes Missverständnis über
die Rolle der Politik(er) sowie die Stellung Österreichs in Europa
beinhaltet. Die Lage erfülle ihn "mit Sorge", meinte Klima, denn für
ein kleines Land wie Österreich sei es enorm wichtig, "Freunde" zu
haben. Da werden Erinnerungen an die berühmte
Staatsvertrags-Karikatur wach (Figl mit den Sowjets: "Und jetzt no
die Reblaus, und dann sans' waach"), aber auch an die halblustige
Heurigen-Partie der Kanzler Klima und Schröder (mit dem Bonmot des
Gastgebers über die "Lendenkraft" der Österreicher). Ist aber die
heimische Politik, auch auf europäischer Ebene, tatsächlich nichts
anderes als die Verwirklichung von Uralt-Klischees, von Weinseligkeit
bis zum Walzertraum? Hängt internationale Politik wirklich davon ab,
ob der eine Regierungschef bei ein paar Gläschen der "Freund" des
anderen wurde? Natürlich nicht. Auch wenn das zur Legendenbildung
rund um die längst untergegangene "Insel der Seligen" passen würde -
die Sonderrolle Österreichs in Europa von 1955 bis 1989 war nicht
trinkfesten und charmanten Politikern zu verdanken, sondern dem
Gleichgewicht des Schreckens. Und auch der neue SPÖ-Chef scheiterte
im Frühjahr daran, bei seinen sozialdemokratischen "Freunden"
(Originalzitat Alfred Gusenbauer) in Frankreich und Deutschland ein
Haltungsänderung zu erwirken. Es mag durchaus von Vorteil sein, wenn
der eine Staatsmann mit dem anderen eine gute Gesprächsebene hat;
ebenso ist es nötig, in der EU Verbündete zu haben, um Interessen
durchsetzen zu können. Nur hat das alles nichts mit Freundschaft oder
Gemütlichkeit zu tun: Sollten die Sanktionen der 14 demnächst
aufgehoben werden, woran in Europa kaum noch jemand zweifelt, dann
nicht deswegen, weil wir auf einmal neue "Freunde" gewonnen hätten,
sondern weil es einfach der Interessenslage der allermeisten
EU-Staaten entspricht. Man kann es auch anders formulieren: Weil es
gelungen ist, die 14 zu überzeugen, dass alle 15 von einer
Normalisierung mehr profitieren würden. Letztlich ist es eine
positive Erfahrung: Eine konsequente Interessenspolitik bringt mehr
als das Anbiedern an - vermeintliche - Freunde.

Rückfragehinweis: Kurier
Innenpolitik
Tel.: (01) 52 100/2649

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PKU/OTS

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel