"KURIER" Kommantar: Zweifelhafte Freundschaften (von Norbert Stanzel)

Ausgabe vom 14.07.2000

Wien (OTS) - Es sei Viktor Klima ehrlich vergönnt, eine neue, spannende berufliche Herausforderung zu haben. Auch wenn seine Zeit als Bundeskanzler in einigen Jahren wohl eher als Episode denn als Ära betrachtet werden wird - er hat zumindest aus seiner subjektiven Sicht durchaus engagiert versucht, dem Wohl der Allgemeinheit zu dienen. Auch wenn Worte und Taten oft nicht im Einklang waren. Ein Satz des Ex-Bundeskanzlers am Mittwoch in der ZiB 2 ist es aber Wert, näher betrachtet zu werden - nicht, um dem Schwechater eine schlechte Nachred' auf den Weg nach Argentinien mitzugeben, sondern weil sein Inhalt symptomatisch für ein weit verbreitetes Missverständnis über die Rolle der Politik(er) sowie die Stellung Österreichs in Europa beinhaltet. Die Lage erfülle ihn "mit Sorge", meinte Klima, denn für ein kleines Land wie Österreich sei es enorm wichtig, "Freunde" zu haben. Da werden Erinnerungen an die berühmte Staatsvertrags-Karikatur wach (Figl mit den Sowjets: "Und jetzt no die Reblaus, und dann sans' waach"), aber auch an die halblustige Heurigen-Partie der Kanzler Klima und Schröder (mit dem Bonmot des Gastgebers über die "Lendenkraft" der Österreicher). Ist aber die heimische Politik, auch auf europäischer Ebene, tatsächlich nichts anderes als die Verwirklichung von Uralt-Klischees, von Weinseligkeit bis zum Walzertraum? Hängt internationale Politik wirklich davon ab, ob der eine Regierungschef bei ein paar Gläschen der "Freund" des anderen wurde? Natürlich nicht. Auch wenn das zur Legendenbildung rund um die längst untergegangene "Insel der Seligen" passen würde -die Sonderrolle Österreichs in Europa von 1955 bis 1989 war nicht trinkfesten und charmanten Politikern zu verdanken, sondern dem Gleichgewicht des Schreckens. Und auch der neue SPÖ-Chef scheiterte im Frühjahr daran, bei seinen sozialdemokratischen "Freunden" (Originalzitat Alfred Gusenbauer) in Frankreich und Deutschland ein Haltungsänderung zu erwirken. Es mag durchaus von Vorteil sein, wenn der eine Staatsmann mit dem anderen eine gute Gesprächsebene hat; ebenso ist es nötig, in der EU Verbündete zu haben, um Interessen durchsetzen zu können. Nur hat das alles nichts mit Freundschaft oder Gemütlichkeit zu tun: Sollten die Sanktionen der 14 demnächst aufgehoben werden, woran in Europa kaum noch jemand zweifelt, dann nicht deswegen, weil wir auf einmal neue "Freunde" gewonnen hätten, sondern weil es einfach der Interessenslage der allermeisten EU-Staaten entspricht. Man kann es auch anders formulieren: Weil es gelungen ist, die 14 zu überzeugen, dass alle 15 von einer Normalisierung mehr profitieren würden. Letztlich ist es eine positive Erfahrung: Eine konsequente Interessenspolitik bringt mehr als das Anbiedern an - vermeintliche - Freunde.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Kurier
Innenpolitik
Tel.: (01) 52 100/2649

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKU/OTS