"Die Presse"-Kommentar: "Urlaub in Haft" (von Andreas Schwarz)

Ausgabe vom 13.7.2000

WIEN (OTS). Können Sie sich noch erinnern, was Sie am Ostersonntag gemacht haben? Und fällt Ihnen alles ein, was seither geschah? Eine lange Zeit seit Mitte April, nicht wahr?
Exakt diese Zeit darben 20 Menschen, die Ostern in einem ostmalaysischen Taucherparadies verbracht haben, in der Hölle des philippinischen Dschungels. Gefangen von politisch-religiös fanatisierten Piraten, die mit ihren Opfern aus Europa, Afrika und Asien a) Geld und b) dem philippinischen Staat Terror machen wollen. Ein wenig besser geht es mehr als zwei Dutzend Geiseln auf dem Parlamentsareal in Fidschi, unter ihnen der gestürzte Premier: Sie sind "erst" seit 19. Mai freiheitsberaubt, die ersten von ihnen wurden freigelassen, und ihre Bedrohungslage bei dem volksfestartigen Kidnapping scheint nicht ganz so dramatisch wie die der Touristen auf Jolo.
Die "vergessenen Geiseln" auf den Philippinen und jene im Südpazifik haben auf den ersten Blick nichts gemein außer der ungewöhnlichen Länge der Gefangennahme (die mit zunehmender Dauer in der medialen Wahrnehmung weniger spektakulärer wird). Spätestens seit am Dienstag in einer exklusiven Ferienanlage auf Fidschi auch noch 40 Touristen vorübergehend der urlauberischen Freiheit beraubt wurden, ist aber eine Gemeinsamkeit deutlich: Geiseln sind umso wertvoller, je prominenter sie sind. Und prominent sind in erster Linie Politiker und Ausländer.
Diese beiden Gruppen garantieren Geiselnehmern in jedem Fall das, was sie am allerwichtigsten brauchen, egal, ob sie nun für Geld menschenrauben oder einer politischen Idee Gehör verschaffen wollen:
mediales Interesse. Und im Falle von Ausländern mögen Kidnapper zusätzlich die Hoffnung hegen, daß sich Politiker des Geiselherkunftlandes unter dem medialen Druck der heimischen Öffentlichkeit für ein unblutiges Ende der Geiseldramen einsetzen -was eher Lösegeld denn gewaltsame Geiselbefreiung heißt.
Doch das Schema funktioniert nicht mehr so ganz. Je öfter Touristen in exotischen Gegenden Geiselnehmern in die Hände fallen (siehe zum Beispiel Jemen), desto mehr scheinen sich Politiker - abgesehen von den erwarteten besorgten Gesichtern und Appellen im Fernsehen oder herzeigbarem Aktionismus wie jetzt am Rande des G-8-Gipfels in Japan) _ aus dem Krisenmanagement herauszuhalten. Und in den Krisenstäben der betroffenen Länder wird zwar mit einiger Wahrscheinlichkeit intensiv über das Schicksal der Geiseln nachgedacht und vielleicht mitverhandelt, aber - wenn durch den Terrorakt das Staatsinteresse nicht unmittelbar betroffen ist -nicht weiter gehandelt. Spektakuläre Befreiungsaktionen im Dschungel sind eher Sache von Abenteuerfilmen, selten Realität. Und "vergessene Geiseln", wie auf Jolo, könnten zunehmend zur Realität werden.
Das kann wiederum bei Geiselnehmern zu mitunter gefährlichen Reaktionen führen: Wo das mediale Interesse nachläßt, muß man es unterfeuern. Das kann durch Spektakuläres wie die Ermordung von Geiseln geschehen; das kann aber auch so geschehen wie gegenwärtig auf den Philippinen, wo ein eigentümliches Zusammenspiel aus Kidnappern und Medienleuten stattfindet, die alle paar Tage selbst gekidnappt werden, für Lösegeld freikommen und wieder berichten. Für Touristen bleibt die Erkenntnis: Je weiter und exotischer die Reise (und das ist der Trend), desto größer auch das Risiko, ohne Aussicht auf Hilfe in die Hände moderner Piraten zu geraten. Als Trost bleibt, daß man als Tourist auch, wie unlängst geschehen, im Disney-Land-Hotel in Florida in die Hände eines Geiselnehmers geraten kann. Und daß die Wahrscheinlichkeit, setzt man die Touristenströme in Relation zu den stattfindenden Kidnappings, in beiden Fällen eher gegen null tendiert.

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