• 12.07.2000, 16:27:39
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  • OTS0213

"Die Presse"-Kommentar: "Urlaub in Haft" (von Andreas Schwarz)

Ausgabe vom 13.7.2000

WIEN (OTS). Können Sie sich noch erinnern, was Sie am Ostersonntag
gemacht haben? Und fällt Ihnen alles ein, was seither geschah? Eine
lange Zeit seit Mitte April, nicht wahr?
Exakt diese Zeit darben 20 Menschen, die Ostern in einem
ostmalaysischen Taucherparadies verbracht haben, in der Hölle des
philippinischen Dschungels. Gefangen von politisch-religiös
fanatisierten Piraten, die mit ihren Opfern aus Europa, Afrika und
Asien a) Geld und b) dem philippinischen Staat Terror machen wollen.
Ein wenig besser geht es mehr als zwei Dutzend Geiseln auf dem
Parlamentsareal in Fidschi, unter ihnen der gestürzte Premier: Sie
sind "erst" seit 19. Mai freiheitsberaubt, die ersten von ihnen
wurden freigelassen, und ihre Bedrohungslage bei dem
volksfestartigen Kidnapping scheint nicht ganz so dramatisch wie die
der Touristen auf Jolo.
Die "vergessenen Geiseln" auf den Philippinen und jene im Südpazifik
haben auf den ersten Blick nichts gemein außer der ungewöhnlichen
Länge der Gefangennahme (die mit zunehmender Dauer in der medialen
Wahrnehmung weniger spektakulärer wird). Spätestens seit am Dienstag
in einer exklusiven Ferienanlage auf Fidschi auch noch 40 Touristen
vorübergehend der urlauberischen Freiheit beraubt wurden, ist aber
eine Gemeinsamkeit deutlich: Geiseln sind umso wertvoller, je
prominenter sie sind. Und prominent sind in erster Linie Politiker
und Ausländer.
Diese beiden Gruppen garantieren Geiselnehmern in jedem Fall das,
was sie am allerwichtigsten brauchen, egal, ob sie nun für Geld
menschenrauben oder einer politischen Idee Gehör verschaffen wollen:
mediales Interesse. Und im Falle von Ausländern mögen Kidnapper
zusätzlich die Hoffnung hegen, daß sich Politiker des
Geiselherkunftlandes unter dem medialen Druck der heimischen
Öffentlichkeit für ein unblutiges Ende der Geiseldramen einsetzen -
was eher Lösegeld denn gewaltsame Geiselbefreiung heißt.
Doch das Schema funktioniert nicht mehr so ganz. Je öfter Touristen
in exotischen Gegenden Geiselnehmern in die Hände fallen (siehe zum
Beispiel Jemen), desto mehr scheinen sich Politiker - abgesehen von
den erwarteten besorgten Gesichtern und Appellen im Fernsehen oder
herzeigbarem Aktionismus wie jetzt am Rande des G-8-Gipfels in
Japan) _ aus dem Krisenmanagement herauszuhalten. Und in den
Krisenstäben der betroffenen Länder wird zwar mit einiger
Wahrscheinlichkeit intensiv über das Schicksal der Geiseln
nachgedacht und vielleicht mitverhandelt, aber - wenn durch den
Terrorakt das Staatsinteresse nicht unmittelbar betroffen ist -
nicht weiter gehandelt. Spektakuläre Befreiungsaktionen im Dschungel
sind eher Sache von Abenteuerfilmen, selten Realität. Und
"vergessene Geiseln", wie auf Jolo, könnten zunehmend zur Realität
werden.
Das kann wiederum bei Geiselnehmern zu mitunter gefährlichen
Reaktionen führen: Wo das mediale Interesse nachläßt, muß man es
unterfeuern. Das kann durch Spektakuläres wie die Ermordung von
Geiseln geschehen; das kann aber auch so geschehen wie gegenwärtig
auf den Philippinen, wo ein eigentümliches Zusammenspiel aus
Kidnappern und Medienleuten stattfindet, die alle paar Tage selbst
gekidnappt werden, für Lösegeld freikommen und wieder berichten.
Für Touristen bleibt die Erkenntnis: Je weiter und exotischer die
Reise (und das ist der Trend), desto größer auch das Risiko, ohne
Aussicht auf Hilfe in die Hände moderner Piraten zu geraten. Als
Trost bleibt, daß man als Tourist auch, wie unlängst geschehen, im
Disney-Land-Hotel in Florida in die Hände eines Geiselnehmers
geraten kann. Und daß die Wahrscheinlichkeit, setzt man die
Touristenströme in Relation zu den stattfindenden Kidnappings, in
beiden Fällen eher gegen null tendiert.

Rückfragehinweis: Die Presse

Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

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