"Der Standard" Kommentar: "Wenn der Postler dreimal klingelt" (von Luise Ungerboeck) Reformen sind dringend notwendig, Verhandlungen mit den Betroffenen aber auch

Ausgabe vom 26.4.2000

Wien (OTS) - Wenn Postler damit drohen, "Dienst nach Vorschrift"
zu machen, dann fühlt sich jeder berufen, einen Kommentar dazu abzugeben. Das ist verständlich, denn es gibt praktisch niemanden in Österreich, der nicht schlechte Erfahrungen mit den Postbeamten gemacht hat. Der Stehsatz "Jeder Gast eine Last" aus dem heimischen Gastgewerbe ist nämlich praktisch ung'schaut auf die mehr als 2300 Postämter übertragbar. Kundendienst ist über weite Strecken noch immer Luxus in den zum Teil elendiglich heruntergekommenen Postämtern. Ein Modernisierungsschub auf allen Ebenen des Staatsbetriebes ist dringend notwendig. Nicht nur, weil in drei Jahren der letzte Rest des staatlichen Briefmonopols verschwindet und der Postmarkt in Europa vollständig liberalisiert wird, sondern weil es künftig keine Steuerzahler mehr geben wird, die einer unrentablen Post mit mehr als 70 Prozent unkündbaren Beamten Subventionen anweisen. Dennoch greift zu kurz, wer damit argumentiert, dass die mehr als 31.000 Postbeamten (die Postautobus-Bediensteten sind da nicht mitgerechnet) nun das erste Mal in ihrem Leben etwas arbeiten müssen. Bis jetzt hätten sie sich ohnehin nur ausgerastet, sagen Kritiker ungeniert. Das Modernisierungsprogramm "Speed" klingt nämlich recht flott, hat aber seine Tücken. So soll zum Beispiel die Produktivität erhöht werden, in dem die Arbeitsdichte von derzeit 45 auf 54 Minuten erhöht wird. Klingt gut und sparsam, wenn man davon ausgeht, dass die dafür notwendige EDV-Ausrüstung vorhanden ist. Ist sie aber nicht, denn beim "Postamt Neu", dem groß angelegten baulichen Renovierungsprogramm für die alten Post-Schuppen, geht nichts weiter. Noch immer schreiben Postmeister & Co täglich ihre unzähligen, ewig langen Listen, die sicher nie wieder jemand anschaut. Aber Vorschrift ist Vorschrift. Dass die neu angeschaffte Automatisierungssoftware für die Schalter nicht mit dem SAP-Programm der Buchhaltung kompatibel ist, ist ein weiteres Detail am Rande. In diesem Haus weiß offenbar die linke Hand nicht, was die rechte tut. Weiters greift "Speed" massiv in das Lohn- und Gehaltsgefüge der Postbediensteten ein, ohne dafür die gesetzliche Basis geschaffen zu haben. Ein Briefträger etwa verdient nach zehn Jahren 11.500 Schilling netto - keine fette Beute, wenn man dafür täglich kiloweise Werbematerial zu den Postkästen schleppen muss. Diese Beschäftigten mit einer "leistungsbezogenen Entlohnung" in ein neues Dienstrecht locken zu wollen, entbehrt nicht eines gewissen Zynismus': Sollen sie dann pro Kilo Massensendung eine zusätzliche Prämie bekommen oder pro dreimal Klingeln an der Wohnungstür? Darüber schweigt das Rationalisierungsprogramm "Speed" beharrlich. Ein Wunder eigentlich, dass die Post noch Leute findet für die Zustellung, die des Lesens und Schreibens mächtig sind - die Mindestqualifikation eines Briefträgers. Das Management wäre deshalb gut beraten, mit der Belegschaft ordentlich zu verhandeln und die erforderlichen Einschnitte nicht über die Medien zu verkünden. Organisatorisch liegt freilich einiges im Argen, denn während die einen unter Überlastung ächzen, sitzen manche Kollegen bereits mittags in der Kantine. Denn sonst wird es mit der zwanzigprozentigen Rationalisierung, die den Personalaufwand, der sich derzeit mit rund vierzehn Milliarden Schilling zu Buche schlägt, Essig. Eile beim Umbau ist in der Tat notwendig, denn die europäische Konkurrenz braucht nur in ihre Portokasse zu greifen und schon werden Österreichs Postler zu einer Allonge von Deutscher Post und Konsorten. Und dann Gnade den Postlern, denn da wird nicht lang gefackelt. Das jetzige Geplänkel wäre dagegen ein nettes Plauscherl über die guten alten Zeiten der staatlichen Misswirtschaft, in der es der proporzmäßig bestellten Belegschaft vergleichsweise blendend gegangen ist.

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