- 26.02.2000, 08:25:13
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"Die Presse" Glosse: "In Wien und in Grosny" VON BURKHARD BISCHOF Ausgabe: Samstag, 26.2.2000
Wien (OTS) - Was, um Himmels willen, ist denn in den
österreichischen Alpen passiert, daß die europäischen Außenminister
darüber das Geschehen im Nordkaukasus fast vergessen? Die bange Frage
russischer Menschenrechtler rapportierte vor zwei Wochen der
Moskau-Korrespondent der Hamburger "Zeit". Während sich die gesamte
europäische Politik darauf konzentrierte, wie Wien gerade dabei war,
durch den Machtwechsel den "europäischen Wertekatalog" mit Füßen zu
treten, zogen russische Soldaten in die völlig zerschossene
tschetschenische Hauptstadt Grosny ein. Die letzten Widerstandsnester
wurden niedergekämpft, die Leute aus den Kellern geholt, Männer im
kampffähigen Alter selektiert und in "Filtrationslager" abgeführt,
wie die KZ-ähnlichen Einrichtungen neu-russisch heißen. Niemand
konnte jemals annehmen, daß diese Lager Knabenpensionate sind.
Natürlich werden gefangengenommene Rebellen darin geschlagen,
gefoltert und wohl auch umgebracht. Der Krieg im Kaukasus wird mit
beispielloser Grausamkeit geführt, zu großer Haß auf beiden Seiten
ist da mit im Spiel. Aber nacheinander tauchten in Moskau die
Außenminister aus Rom, Paris, Berlin und London auf _ Wien hatte man
inzwischen ja entschlossen gezeigt, wo Bartl den Most holt _ und
ließen sich vom neuen starken Mann Wladimir Putin des langen und
breiten aufklären, wie im Nordkaukasus der Terrorismus ausgerottet
wird. Die Europäer mahnten Putin dann sanft, bei diesem Kampf gegen
den Terrorismus doch bitte auf die "Verhältnismäßigkeit der Mittel"
zu achten. Ansonsten aber wollte man Putin, der schon wie der sichere
Sieger der Präsidentenwahl im März aussieht, ja nicht verärgern.
Jetzt tauchen die ersten TV-Bilder auf, die auf regelrechte russische
Massaker an Tschetschenen schließen lassen. Was tun mit Rußland? Der
EU-Chefdiplomat Solana zeigt sich wie im Fall Wien wieder "sehr
besorgt". Immerhin ließ er Moskau wissen, daß es erst "nach einer
sorgfältigen Prüfung" der Berichte mit einer "angemessenen Reaktion
der EU" rechnen müsse. In Europa gibt es offenbar Fortschritte: Eine
solche Frist wurde Wien noch nicht gegeben.
Rückfragehinweis: DIE PRESSE
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