Sünde wider den Geist - Von Karl Danninger

Wie, so fragt man sich, hätte die deutsch-französische Aussöhnung eine Chance auf Tiefenwirkung haben können, wenn nicht die Jugend der beiden ehemaligen Kriegsfeinde in vorderster Reihe die politischen, emotionalen, nationalen, menschlichen Gräben zugeschüttet hätte? Wie, so fragt man sich jetzt, soll ein europäisches übernationales Bewusstsein aufkommen und gefördert werden, wenn die Jugend gehindert wird, über die politischen Gräben hinweg neugierig zu sein und menschliche Kontakte außerhalb des eigenen Gartenzauns zu pflegen?
Es geht die Welt nicht unter, wenn das eine oder andere Schüleraustauschprogramm innerhalb der EU nicht bis auf den letzten Beistrich erfüllt wird. Es stimmt aber nachdenklich, wenn nun in manchen Mitgliedsländern, vornehmlich in Frankreich, Schüler aus Österreich zu unerwünschten Personen erklärt werden, dass ein Aufenthalt in Österreich zum Sicherheitsrisiko hochgeredet wird, dass Brücken abgebrochen werden, die in die Zukunft eines gemeinsamen, demokratischen, friedlichen Europa führen sollen.
Das überzogene Vorgehen der 14 Partner in der EU gegen Österreich kann man noch aus der komplizierten Mechanik europäischer Politik erklären: Von der Strafe für den Tabubruch, wie es EU-Kommissär Franz Fischler nennt, über innenpolitische Zwänge einzelner Staaten bis hin zum politischen Mobbing reicht die Skala der nachvollziehbaren und daher erklärbaren Motive. Wie aber soll man sich das Vorgehen von Schuldirektoren und Gasteltern erklären, die es ohne Rückfrage oder Differenzierung als Zumutung empfinden, österreichischen Schülerinnen und Schülern den Blick über den nationalen Zaun zu erlauben?

Ist hier jener nacheilende Gehorsam am Werk, der bedenkenlos jede Maßnahme der Politik gutheißt und diese auf untergeordneter Ebene noch zu verstärken sucht? Wenn dem so ist Ð und es ist zu befürchten, dass es so ist Ð, dann haben wir Ð dann hat Europa Ð es mit der ärgsten Sünde zu tun, mit der Sünde wider den Geist, den ein Robert Schuman dem heutigen Europa zu Grunde gelegt hat.
Dass die österreichische Bundesregierung sich auf eine länger dauernde Isolation einstellen muss, damit muss die Politik fertig werden. Wie sie damit fertig wird, darüber wird der Wähler bei nächster Gelegenheit urteilen. Ausgrenzung einmal anders, könnte man sagen und zur Tagesordnung übergehen.

Eine Ausgrenzung der Zukunft, betrieben durch geistloses Nachbeten politischer Floskeln, kann jedoch nicht ohne weiteres hingenommen werden, denn sie beschädigt die gemeinsame Idee. Wer die Jugend mit seinen Vorurteilen in alte nationalistische oder chauvinistische Muster zwängen will, verspielt den Anspruch, moralisch zu handeln. Es muss daher im Interesse des künftigen gemeinsamen Europa jede Anstrengung auf jeder Ebene unternommen werden, dass hier nicht Wurzeln durchtrennt werden, die für ein friedliches Zusammenleben wichtig sind. Diese Anstrengung muss nicht nur von der Regierung ausgehen.

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