• 22.02.2000, 18:25:01
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  • OTS0257

Sünde wider den Geist - Von Karl Danninger=

Wie, so fragt man sich, hätte die deutsch-französische Aussöhnung
eine Chance auf Tiefenwirkung haben können, wenn nicht die Jugend
der beiden ehemaligen Kriegsfeinde in vorderster Reihe die
politischen, emotionalen, nationalen, menschlichen Gräben
zugeschüttet hätte? Wie, so fragt man sich jetzt, soll ein
europäisches übernationales Bewusstsein aufkommen und gefördert
werden, wenn die Jugend gehindert wird, über die politischen Gräben
hinweg neugierig zu sein und menschliche Kontakte außerhalb des
eigenen Gartenzauns zu pflegen?
Es geht die Welt nicht unter, wenn das eine oder andere
Schüleraustauschprogramm innerhalb der EU nicht bis auf den letzten
Beistrich erfüllt wird. Es stimmt aber nachdenklich, wenn nun in
manchen Mitgliedsländern, vornehmlich in Frankreich, Schüler aus
Österreich zu unerwünschten Personen erklärt werden, dass ein
Aufenthalt in Österreich zum Sicherheitsrisiko hochgeredet wird,
dass Brücken abgebrochen werden, die in die Zukunft eines
gemeinsamen, demokratischen, friedlichen Europa führen sollen.
Das überzogene Vorgehen der 14 Partner in der EU gegen Österreich
kann man noch aus der komplizierten Mechanik europäischer Politik
erklären: Von der Strafe für den Tabubruch, wie es EU-Kommissär
Franz Fischler nennt, über innenpolitische Zwänge einzelner Staaten
bis hin zum politischen Mobbing reicht die Skala der
nachvollziehbaren und daher erklärbaren Motive. Wie aber soll man
sich das Vorgehen von Schuldirektoren und Gasteltern erklären, die
es ohne Rückfrage oder Differenzierung als Zumutung empfinden,
österreichischen Schülerinnen und Schülern den Blick über den
nationalen Zaun zu erlauben?

Ist hier jener nacheilende Gehorsam am Werk, der bedenkenlos jede
Maßnahme der Politik gutheißt und diese auf untergeordneter Ebene
noch zu verstärken sucht? Wenn dem so ist Ð und es ist zu
befürchten, dass es so ist Ð, dann haben wir Ð dann hat Europa Ð es
mit der ärgsten Sünde zu tun, mit der Sünde wider den Geist, den ein
Robert Schuman dem heutigen Europa zu Grunde gelegt hat.
Dass die österreichische Bundesregierung sich auf eine länger
dauernde Isolation einstellen muss, damit muss die Politik fertig
werden. Wie sie damit fertig wird, darüber wird der Wähler bei
nächster Gelegenheit urteilen. Ausgrenzung einmal anders, könnte man
sagen und zur Tagesordnung übergehen.

Eine Ausgrenzung der Zukunft, betrieben durch geistloses Nachbeten
politischer Floskeln, kann jedoch nicht ohne weiteres hingenommen
werden, denn sie beschädigt die gemeinsame Idee. Wer die Jugend mit
seinen Vorurteilen in alte nationalistische oder chauvinistische
Muster zwängen will, verspielt den Anspruch, moralisch zu handeln.
Es muss daher im Interesse des künftigen gemeinsamen Europa jede
Anstrengung auf jeder Ebene unternommen werden, dass hier nicht
Wurzeln durchtrennt werden, die für ein friedliches Zusammenleben
wichtig sind. Diese Anstrengung muss nicht nur von der Regierung
ausgehen.

Rückfragehinweis: OÖ Nachrichten

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