"Kurier" Kommentar: (von Christoph Kotanko)

Ausgabe vom 18.2.2000

Wien (OTS) - Über die Chancen des neuen SPÖ-Vorsitzenden Gusenbauer Bewegungstherapie für die matten Roten. Die Niederlage hat doch einen therapeutischen Nutzen. Zwar versuchte die alte SPÖ nach ihrem Desaster am 3. Oktober noch eine Zeitlang, so zu tun, als wäre nichts passiert. Nachdem sie aber aus der Regierung geworfen worden war, war allen klugen Roten klar, dass mit Klima und Konsorten kein Staat zu machen ist. Der Parteichef führte noch ein klägliches Rückzugsgefecht - jetzt ist Schluss. Nach nur 17 Tagen als Bundesgeschäftsführer steigt Alfred Gusenbauer in der Löwelstrasse in die Beletage auf. Der 40-jährige Berufspolitiker ist der jüngste Vorsitzende, den die SPÖ je hatte. Der Arbeitersohn aus Niederösterreich ist - anders als Klimas gescheiterter Kandidat Schlögl - eine interessante Wahl. Er kommt ebenfalls aus dem Apparat, hat nie den Fuß in einen normalen Betrieb gesetzt, ist aber ideologisch sattelfest und klar positioniert: Pragmatischer Linker mit einer Vergangenheit in der romantisch-revolutionären Bewegung. Es war ein weiter geistiger Weg von Ybbs über Nicaragua in die Toskana. Gusenbauer ist ihn freilich nicht allein gegangen, sondern hatte den Großteil seiner Generation als Gefährten. Die einhellige Entscheidung für ihn kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass er eine Notlösung ist.

Die SPÖ ist nach drei Jahrzehnten an der Macht personell und programmatisch ausgedörrt, was sich schon daran zeigt, dass eine Zeitlang ernsthaft Leih-Opa Edlinger als "Übergangslösung" für den Parteivorsitz überlegt wurde. Schlögl schied nach seinen Eigeninseraten aus, er hätte außerdem einen lautstarken Teil der Partei gegen sich gehabt. Eine vernünftige Alternative wäre die Wiener Stadträtin Brigitte Ederer gewesen (sie ist kompetent und wäre im Kreis der Parteiobleute die einzige Frau gewesen); Wiens Parteichef Häupl wollte auf Ederer jedoch nicht verzichten. Was bringt Gusenbauer? Mit ihm positioniert sich die SPÖ klar gegen Schwarzblau. Die neue Richtungsangabe lautet: Mitte-links, naturgemäß im Verein mit den Grünen. Von Schüssel/Haider verschreckte bürgerliche Wähler sollen ebenso angesprochen werden wie verdrossene Genossen, frustrierte Liberale und einstige Nichtwähler.

Da ist, wenn die gegenwärtige Polarisierung anhält, einiges zu holen. Gusenbauer, ein exzellenter Redner, wird wohl ein guter Oppositionsführer. ÖVP und FPÖ legen dem Finanzfachmann genügend Themen auf, etwa das soeben präsentierte Belastungspaket, mit dem Wahlversprechen gebrochen und die Steuerzahler schon wieder geplündert werden. Probleme wird er als Kanzlerkandidat haben. Ihm fehlt jede Erfahrung in Regierungsfunktionen auf Gemeinde-, Landes-oder Bundesebene.

Aber wie es derzeit aussieht, bleibt ihm auf der Oppositionsbank viel Zeit, zum Staatsmann zu reifen - vermutlich weit mehr Zeit, als ihm und seiner SPÖ lieb sein kann.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Innenpolitik
Tel.: 01/52 100/2649

Kurier

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKU/OTS