- 17.02.2000, 18:00:28
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"Kurier" Kommentar: (von Christoph Kotanko)
Ausgabe vom 18.2.2000
Wien (OTS) -Über die Chancen des neuen SPÖ-Vorsitzenden Gusenbauer
Bewegungstherapie für die matten Roten. Die Niederlage hat doch einen
therapeutischen Nutzen. Zwar versuchte die alte SPÖ nach ihrem
Desaster am 3. Oktober noch eine Zeitlang, so zu tun, als wäre nichts
passiert. Nachdem sie aber aus der Regierung geworfen worden war, war
allen klugen Roten klar, dass mit Klima und Konsorten kein Staat zu
machen ist. Der Parteichef führte noch ein klägliches Rückzugsgefecht
- jetzt ist Schluss. Nach nur 17 Tagen als Bundesgeschäftsführer
steigt Alfred Gusenbauer in der Löwelstrasse in die Beletage auf. Der
40-jährige Berufspolitiker ist der jüngste Vorsitzende, den die SPÖ
je hatte. Der Arbeitersohn aus Niederösterreich ist - anders als
Klimas gescheiterter Kandidat Schlögl - eine interessante Wahl. Er
kommt ebenfalls aus dem Apparat, hat nie den Fuß in einen normalen
Betrieb gesetzt, ist aber ideologisch sattelfest und klar
positioniert: Pragmatischer Linker mit einer Vergangenheit in der
romantisch-revolutionären Bewegung. Es war ein weiter geistiger Weg
von Ybbs über Nicaragua in die Toskana. Gusenbauer ist ihn freilich
nicht allein gegangen, sondern hatte den Großteil seiner Generation
als Gefährten. Die einhellige Entscheidung für ihn kann allerdings
nicht darüber hinwegtäuschen, dass er eine Notlösung ist.
Die SPÖ ist nach drei Jahrzehnten an der Macht personell und
programmatisch ausgedörrt, was sich schon daran zeigt, dass eine
Zeitlang ernsthaft Leih-Opa Edlinger als "Übergangslösung" für den
Parteivorsitz überlegt wurde. Schlögl schied nach seinen
Eigeninseraten aus, er hätte außerdem einen lautstarken Teil der
Partei gegen sich gehabt. Eine vernünftige Alternative wäre die
Wiener Stadträtin Brigitte Ederer gewesen (sie ist kompetent und wäre
im Kreis der Parteiobleute die einzige Frau gewesen); Wiens
Parteichef Häupl wollte auf Ederer jedoch nicht verzichten. Was
bringt Gusenbauer? Mit ihm positioniert sich die SPÖ klar gegen
Schwarzblau. Die neue Richtungsangabe lautet: Mitte-links, naturgemäß
im Verein mit den Grünen. Von Schüssel/Haider verschreckte
bürgerliche Wähler sollen ebenso angesprochen werden wie verdrossene
Genossen, frustrierte Liberale und einstige Nichtwähler.
Da ist, wenn die gegenwärtige Polarisierung anhält, einiges zu
holen. Gusenbauer, ein exzellenter Redner, wird wohl ein guter
Oppositionsführer. ÖVP und FPÖ legen dem Finanzfachmann genügend
Themen auf, etwa das soeben präsentierte Belastungspaket, mit dem
Wahlversprechen gebrochen und die Steuerzahler schon wieder
geplündert werden. Probleme wird er als Kanzlerkandidat haben. Ihm
fehlt jede Erfahrung in Regierungsfunktionen auf Gemeinde-, Landes-
oder Bundesebene.
Aber wie es derzeit aussieht, bleibt ihm auf der Oppositionsbank
viel Zeit, zum Staatsmann zu reifen - vermutlich weit mehr Zeit, als
ihm und seiner SPÖ lieb sein kann.
Rückfragehinweis: Kurier
Innenpolitik
Tel.: 01/52 100/2649
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