"Kurier" Kommentar: (von Norbert Stanzel)

Ausgabe vom 12.2.2000

Wien (OTS) - Über die möglichen Nachfolger von Viktor Klima
Die SPÖ steht vor einer Richtungsentscheidung
Mit dem Verzicht von Viktor Klima auf sein Mandat steht auch sein Abgang als Parteivorsitzender so gut wie fest. Der SPÖ steht also eine Personalentscheidung ins Haus, die zugleich eine Richtungsentscheidung ist.

Ziel muss es sein, das Kanzleramt zurückzuerobern. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die Öffnung der blauen Option, um - wie die ÖVP - am freien Markt der Koalitionsbildungen maximalen Handlungsspielraum zu haben (Variante I). Oder die SPÖ legt es darauf an, gemeinsam mit den Grünen dem schwarzblauen Lager die Mandatsmehrheit abzujagen (Variante II) - was noch bei keiner Wahl seit 1986 der Fall war. Dennoch ist "Variante II" logischer. Denn "Variante I" würde die Aufgabe des bisherigen Glaubensbekenntnisses, der Ausgrenzung Haiders, bedeuten. Die ÖVP wäre nicht mehr der Verräter, sondern der Vorreiter. Die SPÖ müsste bei "Variante I" mit einem dramatischen Wählerverlust an die Grünen rechnen, die dann das Anti-Haider-Monopol Partei hätten. Was täten all die Intellektuellen und Künstler, die derzeit im Protest gegen Schwarzblau ihre Liebe zur SPÖ wieder entdecken? Personifiziert wird "Variante I" durch Karl Schlögl, der als Innenminister - Rasterfahndung, Lauschangriff, Causa Omofuma - bereits gewaltige Vorleistungen in Richtung FPÖ erbracht hat. Ob er also ein oppositioneller Kontrast zur schwarzblauen Regierung wäre, darf bezweifelt werden. Der Erfolg von "Variante II" würde vor allem davon abhängen, wer Parteichef wird. Die SPÖ bräuchte eine Persönlichkeit wie Bruno Kreisky, der linke Positionen mit einem großbürgerlichen Habitus so genial verschmolzen hat, dass große Teile des Bürgertums "ein Stück des Weges" mit ihm gingen. So eine mediale Lichtgestalt gäbe es sogar - doch Ex-SP-Mitglied Alexander van der Bellen ist als Parteichef der Grünen unabkömmlich. Caspar Einem hätte es sein können - doch sein Image ist so verfestigt, dass es ihm wohl kaum gelingen könnte, Schwarzblau so viele Wähler abspenstig zu machen, um eine rotgrüne Mehrheit zu schaffen. Bleiben also Kompromiss- bzw. Übergangskandidaten: Heinz Fischer? Zu wenig kantig für die Opposition. - Ferdinand Lacina? Hat kein Mandat und will nicht mehr. - Michael Häupl? Westlich von Purkersdorf eher kein Wählermagnet. Barbara Prammer? Zu wenig Rückhalt in der Partei. Und Rudolf Edlinger? Trotz eines vorangegangenen verbalen rotblauen Sündenfalls zeigte er mit einer fulminanten Parlamentsrede, wie eine gute Oppositionspolitik der SPÖ aussehen könnte. Er wäre sowohl Integrationsfigur nach innen als auch glaubwürdig für Intellektuelle und Bürgerliche nach außen. Spricht man SP-Granden auf die Ambitionen des Ex-Finanzministers an, wird jedoch auf seine Gesundheit und sein Alter verwiesen. Edlinger ist 60 - aber will nicht ohnehin die neue Regierung das Frühpensionsalter hinaufsetzen?

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