• 25.01.2000, 18:00:18
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  • OTS0204

WirtschaftsBlatt über Haiders Geheimwaffe: Virtueller Sozialismus (von Gerald Stefan)

Ausgabe vom 26.1.2000

Wien (OTS) - Diesmal scheint es also zu klappen. Österreich dürfte
demnächst von einer Koalitionsregierung beherrscht werden. Der eine
Partner wird die Wirtschaft aufpäppeln, der andere sich rührend um
den kleinen Mann sorgen. Eine Neuauflage von Rot-Schwarz? Nein, weit
gefehlt. Wenn es nach Jörg Haiders eigener Beschreibung geht, dann
handelt es sich um exakt jene FPÖ-ÖVP-Koalition, auf die das Land mit
Vollgas zusteuert. Die Unternehmer werden sich also genau anschauen
müssen, ob ihre hochgesteckten Erwartungen wahr werden. Österreichs
Wirtschaft erwartet nämlich von Haider, dass er der ÖVP hilft, das
Land wettbewerbsfähig, weniger bürokratielastig, dynamischer und
zukunftsfähiger zu machen. Nach 30 Jahren sozialistischer Herrschaft
soll eine Handelsrepublik freier Unternehmer erstehen. Zumindest
dürfte VP-Chef Wolfgang Schüssel das einflussreichen Unternehmern
versprochen haben. Was die Wirtschaft anscheinend vergessen hat:
Haider hat die FPÖ nach der Wahl vom 3. Oktober als "Österreichs neue
Arbeiterpartei" deklariert. Und zu Schwarz-Blau sagte Haider erst
diese Woche: "Wir Freiheitliche wollen der Partner sein, der auf die
kleinen Leute schaut." Schüssel, der sich mit Haiders Hilfe gekonnt
des lästigen Alt-Partners SPÖ entledigt hat, dürfte das politisch
sogar Recht sein. Der VP-Chef sieht wohl einen Salto mortale auf
Haider zukommen: Nicht genug, dass die FPÖ ihre Anhängerschar bald
durch Taten statt Worte glücklich machen muss - Jung-Yuppies ebenso
wie Favoritner Friseure, steirische Pensionisten, Linzer
Stahlarbeiter und Herren mit Schmiss. Jetzt muss Haider auch noch
eine Reform-Regierung durchtragen. Die harten Schnitte setzen, die
auf das Land zukommen, und gleichzeitig Schutzheiliger der kleinen
Leute sein, das geht nicht, glaubt die ÖVP. Und daran werde die FPÖ
scheitern. Clever von Schüssel, doch Haider ist smarter. Er hat,
rechtzeitig zum Jahr 2000, eine Geheimwaffe erfunden. Sie soll es
möglich machen, dass er sparen und dennoch weiterhin Wahlen gewinnen
kann - weil dabei entstehender Unmut mit cyberhafter Leichtigkeit auf
den Regierungspartner umgelenkt wird. Codename für das drohende
Verhängnis der ÖVP: Jörg Haiders original virtueller Sozialismus.

Rückfragehinweis: WirtschaftsBlatt Redaktion
Tel.: (01) 91919-305

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