WirtschaftsBlatt über Haiders Geheimwaffe: Virtueller Sozialismus (von Gerald Stefan)

Ausgabe vom 26.1.2000

Wien (OTS) - Diesmal scheint es also zu klappen. Österreich dürfte demnächst von einer Koalitionsregierung beherrscht werden. Der eine Partner wird die Wirtschaft aufpäppeln, der andere sich rührend um den kleinen Mann sorgen. Eine Neuauflage von Rot-Schwarz? Nein, weit gefehlt. Wenn es nach Jörg Haiders eigener Beschreibung geht, dann handelt es sich um exakt jene FPÖ-ÖVP-Koalition, auf die das Land mit Vollgas zusteuert. Die Unternehmer werden sich also genau anschauen müssen, ob ihre hochgesteckten Erwartungen wahr werden. Österreichs Wirtschaft erwartet nämlich von Haider, dass er der ÖVP hilft, das Land wettbewerbsfähig, weniger bürokratielastig, dynamischer und zukunftsfähiger zu machen. Nach 30 Jahren sozialistischer Herrschaft soll eine Handelsrepublik freier Unternehmer erstehen. Zumindest dürfte VP-Chef Wolfgang Schüssel das einflussreichen Unternehmern versprochen haben. Was die Wirtschaft anscheinend vergessen hat:
Haider hat die FPÖ nach der Wahl vom 3. Oktober als "Österreichs neue Arbeiterpartei" deklariert. Und zu Schwarz-Blau sagte Haider erst diese Woche: "Wir Freiheitliche wollen der Partner sein, der auf die kleinen Leute schaut." Schüssel, der sich mit Haiders Hilfe gekonnt des lästigen Alt-Partners SPÖ entledigt hat, dürfte das politisch sogar Recht sein. Der VP-Chef sieht wohl einen Salto mortale auf Haider zukommen: Nicht genug, dass die FPÖ ihre Anhängerschar bald durch Taten statt Worte glücklich machen muss - Jung-Yuppies ebenso wie Favoritner Friseure, steirische Pensionisten, Linzer Stahlarbeiter und Herren mit Schmiss. Jetzt muss Haider auch noch eine Reform-Regierung durchtragen. Die harten Schnitte setzen, die auf das Land zukommen, und gleichzeitig Schutzheiliger der kleinen Leute sein, das geht nicht, glaubt die ÖVP. Und daran werde die FPÖ scheitern. Clever von Schüssel, doch Haider ist smarter. Er hat, rechtzeitig zum Jahr 2000, eine Geheimwaffe erfunden. Sie soll es möglich machen, dass er sparen und dennoch weiterhin Wahlen gewinnen kann - weil dabei entstehender Unmut mit cyberhafter Leichtigkeit auf den Regierungspartner umgelenkt wird. Codename für das drohende Verhängnis der ÖVP: Jörg Haiders original virtueller Sozialismus.

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