Berufsfahrer im Spannungsfeld der Interessen? Experten diskutieren Einfach kompliziert - das Berufsfahrer-Glossar

Wien (OTS) - Alle saßen an einem Tisch: Gewerkschafter und Wirtschaftskammer, Verkehrssicherheitsexperten und Autofahrerclubs, Techniker, Straßenbauer und kombinierter Schienenverkehr ? das Ergebnis: Bestandsaufnahme der Probleme, der Wille zum Gespräch und Ansätze zur Verbesserung.

Zum Thema "Sicherheits-Standards für den Lkw-Verkehr", fand Montag, den 29. November 1999, eine Fachenquete statt, veranstaltet von der Gesellschaft für Verkehrspolitik und dem Kuratorium für Verkehrssicherheit. Das Podium spiegelte die Bandbreite der Interessengruppen, auffallend war die hohe Bereitschaft zum Gespräch trotz kontroverser Standpunkte. Lesen Sie im Glossar die wichtigsten Themen der Tagung kurz zusammengefaßt:

Arbeitsbedingungen, mörderische

"Furcht erregend" seien die Arbeitsbedingungen der Berufsfahrer, so Walter Darmstädter,Zentralsekretär der Gewerkschaft für Handel, Transport, Verkehr. Der wirtschaftliche Druck der Unternehmer wird stärker und 1:1 an die Fahrer abgegeben. Fahrer und Unternehmer stehen oft an der Kippe zur Illegalität: Lenk- und Ruhezeiten können nicht eingehalten werden - ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit und die Verkehrssicherheit wird drauf los gefahren. Im Schnitt ist ein Lenker im internationalen Verkehr 80 Stunden/Woche im Einsatz. Kollektivlöhne werden oft nicht eingehalten, was den Fahrer in die Überstunden treibt.

Bahn, langsame

Die Bahn sei derzeit keine attraktive Alternative, da zu langsam und zu bürokratisch, sagen die einen. Die anderen meinen, solange es keine Kostenwahrheit zwischen Straße und Bahn gäbe, wird die Bahn keine Chance haben. Das Ungleichgewicht zwischen Schiene und Straße wird auf Kosten der Fahrer und der Verkehrssicherheit ausgetragen. Stefan Hofer, Geschäftsführer von ÖKOMBI, wünscht sich eine "Liberalisierung der Schiene".

Globalisierung, problematische und Schwindel, überall "Wenn ein kasachischer Fahrer auf einer österreichischen Zugmaschine mit italienischem Aufleger angehalten wird und in Kyrillisch verfaßte Frachtpapiere vorlegt, weiß kein Gendarm, welche Bestimmungen anzuwenden sind", so Dr. Othmar Thann, Geschäftsführer des Kuratorium für Verkehrssicherheit. EU-weite Regelungen werden von den einzelnen Nationalstaaten unterschiedlich aufgefaßt und exekutiert. Mehr Kontrollen im Transitverkehr fordert Willy Matzke, Verkehrschef des ÖAMTC. Das erscheint auch Stefan Hofer, Geschäftsführer von ÖKOMBI, notwendig, seine Kontrollen liefern Erstaunliches von Österreichs Grenzen: 60% der Lkws haben keine Fahrerlaubnis in Österreich. D.h. täglich rollen schätzungsweise 200 Lkw aus Drittländern über die innergemeinschaftliche Grenze illegal durch Österreich. Einigkeit besteht darüber, daß man dem Fernfahrerproblem nur global denkend und handelnd beikommen kann.

Image, schlechtes

Jeder braucht sie, keiner will sie? kaum ein Berufsstand ist so in Mißkredit geraten, wie die Lkw-Fahrer. Zu unrecht, meint Mag. Bauer vom Fachverband Güterbeförderung der WK Österreich, Lkw-Fahrer tragen mitunter die Verantwortung für ein Vermögen und verfügen über hohes technisches Know-How. Ein Vergleich mit dem Berufsstand der Piloten scheint angebracht, eine Image-Aufwertung notwendig.

Infrastruktur, ausbauen

Vorstandsdirektor DI Bernhard Engleder von der ASFINAG berichtet über die Aktivitäten der Straßenerhalter. Die Aufträge lauten:
Lückenschluß, Sanierung und Ausbau der Infrastruktur. Zur Einhaltung der Ruhezeiten sind geräumige Parkplätze und Lkw-Service-Center zwischen den Raststationen geplant. Bis 2002 will Engleder eine 25%ige Erhöhung der Parkplätze erreichen.

Kontrolle, komplizierte

Vorschriften zur Kontrolle der Verkehrs- und Betriebssicherheit von Kraftfahrzeugen gäbe es genug, meint Hofrat DI Robert Fürst, Direktor der Bundesprüfanstalt für Kfz, allein schwierig ist ihre Überwachung. Das liegt zum einen daran, daß die Exekutive nicht dafür ausgebildet ist und Mängel zum Teil nicht erkennt; zum anderen führt die leichte Manipulierbarkeit der Fahrtenschreiber in die Irre. Fürst zieht traurige Bilanz: "Es gibt einen Beanstandungsfaktor von 0,9. Praktisch jeder Schuß ist ein Treffer, zu 90% werden Bremsmängel festgestellt." Wege aus der Misere: Die europaweite Einführung eines digitalen Tachographen, der die Manipulierbarkeit nahezu ausschaltet und die Schulung der Exekutive für kompetente Überwachung. Dafür hat die Bundesprüfanstalt in einem 2jährigen Probebetrieb technische Hilfen entwickelt (System ADAS). Pilotprojekte der "papierlosen Anzeige", von der sich Fürst eine 75%ige Effizienzsteigerung erhofft, laufen in Vorarlberg und in der Steiermark. Mobile Straßenkontrollen, von denen die Bundesprüfanstalt jährlich 15.000 durchführt, werden in Bälde in allen EU-Staaten angewandt werden.

Ladungssicherung, vernachlässigte

Die Ladungssicherung ist in der EU und in der österreichischen Gesetzgebung kaum geregelt. Dies hat zur Folge, daß die Ladungssicherung nicht die Beachtung bei der Kontrolle findet, die ihr zukommt. Wir alle wissen, wie oft verlorenes Ladegut die Straßen blockiert und Staus produziert, die volkswirtschaftlichen Kosten dieser Verkehrsbehinderung scheinen nirgends auf.

Qualifikation, obligatorische

Für Schwerkraft- und Busfahrer gibt es eine dreijährige spezielle Berufsausbildung. Die Ausbildung vermittelt neben Fahrpraxis in Extremsituationen die Handhabung moderner Technik (z.B. Gefahrengut, fachmännisches Verstauen des Ladeguts). In Österreich gibt es ledig= lich etwa 16.000 ausgebildete Berufsfahrer, da die Ausbildung eine freiwillige Weiterbildungsmaßnahme darstellt. Viele Unternehmer begnügen sich, zum Leidwesen der Gewerkschafter, mit der Fahrschulausbildung. Obwohl - so eine Schweizer Studie - ausgebildete Lenker eine 20%ige Kostenersparnis einbringen.

Schafe, schwarze

Seit 1995 wurden die Fahrzeugflotten für den internationalen Verkehr in Osteuropa in einem Ausmaß erneuert, daß heute zwischen Fahrzeugen, zugelassen in der EU oder in Osteuropa, kein Unterschied besteht. Problematisch, so Hofrat DI Robert Fürst, Direktor der Bundesprüfan= stalt für Kraftfahrzeuge, sind nur bereits abgeschriebene Fahrzeuge in Zweit- oder Mehr-Besitz von Möchtegern-Unternehmern oder contractors.

Unfallstatistik, verheerende

Der Anteil der schweren Lkw (darunter versteht die österreichische Unfallstatistik Lkw über 3,5t mit/ohne Anhänger, Sattelkraftfahrzeu= ge und Tankwagen) an Straßenverkehrsunfällen mit Personenschaden lag in de= n Jahren 1994-98 relativ konstant bei jährlich rund 2.200. Dies gilt ebenso für den Anteil dieser Unfälle am Gesamtunfallgeschehen, der im Beobachtungszeitraum zwischen 5,4% und 5,8% pendelt. Das Signifikante an den Lkw-Unfällen ist jedoch die Unfallschwere: Unfälle, an denen schwere Lkw beteiligt sind, fordern überdurchschnittlich viele Menschenleben. Der Anteil der Lkw-Unfälle auf Autobahnen und Schnellstraßen ist rund dreimal so hoch wie im gesamten Straßennetz und liegt bei rund 17 Prozent. Noch dramatischer ist der Anteil an den tödlichen Unfällen auf Autobahnen und Schnellstraßen: In den letzten eineinhalb Jahren (1998 und bis August 99) war bei fast jedem dritten tödlichen Unfall ein schwerer Lkw beteiligt.

Unfallursache, Übermüdung

Zu hohe Geschwindigkeit und zu geringer Abstand sind Hauptunfallursachen. Viele Lkw-Unfälle, vor allem in der Nacht, sind Alleinunfälle, was auf Übermüdung schließen läßt.

Vorschriften, Wirrwarr

Lkw bilden kein homogenes Rechtsgebilde, Bestimmungen finden sich in einer Vielzahl von Gesetzen und Verordnungen. Aus dieser Zersplitterung ergeben sich vereinfacht zwei Problemfelder: Zum einen wissen die Unternehmer und Fahrer oft nicht über ihre Rechte und Pflichten Bescheid. Das Recht ist ihnen nur schwer zugänglich, und ma= n kann ihnen das kaum übel nehmen. Jedes dieser Gesetze nennt eine andere Be= hörde, die die Einhaltung zu überwachen und das Gesetz zu vollziehen hat. Nur ein Beispiel, das die Komplexität der Verwaltungsaufgaben veranschaulichen soll: Zur Einhaltung von Gewichtsgrenzen bedarf es Brückenwaagen, also baulicher Einrichtungen, die wiederum von anderen Behörden errichtet werden müssen. Eine Vielzahl von Behörden sind involviert. Eine verbesserte Koordination von Bund und Ländern, wünscht sich Generalsekretär Dr. Rudolf Hellar, ARBÖ.

Zertifizierung, lösungsorientierte und Wirtschaftsfaktor

Sicherheit
Ein Vorschlag, der Zustimmung findet, ist die Zertifizierung von vorbildhaften Unternehmen, die freiwillig in Verkehrssicherheitsmaßna= hmen und in die Ausbildung von Berufskraftfahrern investieren. Sicherheit macht sich bezahlt.

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