• 01.12.1999, 10:31:56
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  • OTS0099

Berufsfahrer im Spannungsfeld der Interessen? Experten diskutieren Einfach kompliziert - das Berufsfahrer-Glossar

Wien (OTS) - Alle saßen an einem Tisch: Gewerkschafter und
Wirtschaftskammer, Verkehrssicherheitsexperten und Autofahrerclubs,
Techniker, Straßenbauer und kombinierter Schienenverkehr ? das
Ergebnis: Bestandsaufnahme der Probleme, der Wille zum Gespräch und
Ansätze zur Verbesserung.

Zum Thema "Sicherheits-Standards für den Lkw-Verkehr", fand
Montag, den 29. November 1999, eine Fachenquete statt, veranstaltet
von der Gesellschaft für Verkehrspolitik und dem Kuratorium für
Verkehrssicherheit. Das Podium spiegelte die Bandbreite der
Interessengruppen, auffallend war die hohe Bereitschaft zum Gespräch
trotz kontroverser Standpunkte. Lesen Sie im Glossar die wichtigsten
Themen der Tagung kurz zusammengefaßt:

Arbeitsbedingungen, mörderische

"Furcht erregend" seien die Arbeitsbedingungen der Berufsfahrer,
so Walter Darmstädter,Zentralsekretär der Gewerkschaft für Handel,
Transport, Verkehr. Der wirtschaftliche Druck der Unternehmer wird
stärker und 1:1 an die Fahrer abgegeben. Fahrer und Unternehmer
stehen oft an der Kippe zur Illegalität: Lenk- und Ruhezeiten können
nicht eingehalten werden - ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit
und die Verkehrssicherheit wird drauf los gefahren. Im Schnitt ist
ein Lenker im internationalen Verkehr 80 Stunden/Woche im Einsatz.
Kollektivlöhne werden oft nicht eingehalten, was den Fahrer in die
Überstunden treibt.

Bahn, langsame

Die Bahn sei derzeit keine attraktive Alternative, da zu langsam
und zu bürokratisch, sagen die einen. Die anderen meinen, solange es
keine Kostenwahrheit zwischen Straße und Bahn gäbe, wird die Bahn
keine Chance haben. Das Ungleichgewicht zwischen Schiene und Straße
wird auf Kosten der Fahrer und der Verkehrssicherheit ausgetragen.
Stefan Hofer, Geschäftsführer von ÖKOMBI, wünscht sich eine
"Liberalisierung der Schiene".

Globalisierung, problematische und Schwindel, überall "Wenn ein
kasachischer Fahrer auf einer österreichischen Zugmaschine mit
italienischem Aufleger angehalten wird und in Kyrillisch verfaßte
Frachtpapiere vorlegt, weiß kein Gendarm, welche Bestimmungen
anzuwenden sind", so Dr. Othmar Thann, Geschäftsführer des Kuratorium
für Verkehrssicherheit. EU-weite Regelungen werden von den einzelnen
Nationalstaaten unterschiedlich aufgefaßt und exekutiert. Mehr
Kontrollen im Transitverkehr fordert Willy Matzke, Verkehrschef des
ÖAMTC. Das erscheint auch Stefan Hofer, Geschäftsführer von ÖKOMBI,
notwendig, seine Kontrollen liefern Erstaunliches von Österreichs
Grenzen: 60% der Lkws haben keine Fahrerlaubnis in Österreich. D.h.
täglich rollen schätzungsweise 200 Lkw aus Drittländern über die
innergemeinschaftliche Grenze illegal durch Österreich. Einigkeit
besteht darüber, daß man dem Fernfahrerproblem nur global denkend und
handelnd beikommen kann.

Image, schlechtes

Jeder braucht sie, keiner will sie? kaum ein Berufsstand ist so in
Mißkredit geraten, wie die Lkw-Fahrer. Zu unrecht, meint Mag. Bauer
vom Fachverband Güterbeförderung der WK Österreich, Lkw-Fahrer tragen
mitunter die Verantwortung für ein Vermögen und verfügen über hohes
technisches Know-How. Ein Vergleich mit dem Berufsstand der Piloten
scheint angebracht, eine Image-Aufwertung notwendig.

Infrastruktur, ausbauen

Vorstandsdirektor DI Bernhard Engleder von der ASFINAG berichtet
über die Aktivitäten der Straßenerhalter. Die Aufträge lauten:
Lückenschluß, Sanierung und Ausbau der Infrastruktur. Zur Einhaltung
der Ruhezeiten sind geräumige Parkplätze und Lkw-Service-Center
zwischen den Raststationen geplant. Bis 2002 will Engleder eine
25%ige Erhöhung der Parkplätze erreichen.

Kontrolle, komplizierte

Vorschriften zur Kontrolle der Verkehrs- und Betriebssicherheit
von Kraftfahrzeugen gäbe es genug, meint Hofrat DI Robert Fürst,
Direktor der Bundesprüfanstalt für Kfz, allein schwierig ist ihre
Überwachung. Das liegt zum einen daran, daß die Exekutive nicht
dafür ausgebildet ist und Mängel zum Teil nicht erkennt; zum anderen
führt die leichte Manipulierbarkeit der Fahrtenschreiber in die Irre.
Fürst zieht traurige Bilanz: "Es gibt einen Beanstandungsfaktor von
0,9. Praktisch jeder Schuß ist ein Treffer, zu 90% werden Bremsmängel
festgestellt." Wege aus der Misere: Die europaweite Einführung eines
digitalen Tachographen, der die Manipulierbarkeit nahezu ausschaltet
und die Schulung der Exekutive für kompetente Überwachung. Dafür hat
die Bundesprüfanstalt in einem 2jährigen Probebetrieb technische
Hilfen entwickelt (System ADAS). Pilotprojekte der "papierlosen
Anzeige", von der sich Fürst eine 75%ige Effizienzsteigerung erhofft,
laufen in Vorarlberg und in der Steiermark. Mobile Straßenkontrollen,
von denen die Bundesprüfanstalt jährlich 15.000 durchführt, werden in
Bälde in allen EU-Staaten angewandt werden.

Ladungssicherung, vernachlässigte

Die Ladungssicherung ist in der EU und in der österreichischen
Gesetzgebung kaum geregelt. Dies hat zur Folge, daß die
Ladungssicherung nicht die Beachtung bei der Kontrolle findet, die
ihr zukommt. Wir alle wissen, wie oft verlorenes Ladegut die Straßen
blockiert und Staus produziert, die volkswirtschaftlichen Kosten
dieser Verkehrsbehinderung scheinen nirgends auf.

Qualifikation, obligatorische

Für Schwerkraft- und Busfahrer gibt es eine dreijährige spezielle
Berufsausbildung. Die Ausbildung vermittelt neben Fahrpraxis in
Extremsituationen die Handhabung moderner Technik (z.B. Gefahrengut,
fachmännisches Verstauen des Ladeguts). In Österreich gibt es ledig=
lich etwa 16.000 ausgebildete Berufsfahrer, da die Ausbildung eine
freiwillige Weiterbildungsmaßnahme darstellt. Viele Unternehmer
begnügen sich, zum Leidwesen der Gewerkschafter, mit der
Fahrschulausbildung. Obwohl - so eine Schweizer Studie - ausgebildete
Lenker eine 20%ige Kostenersparnis einbringen.

Schafe, schwarze

Seit 1995 wurden die Fahrzeugflotten für den internationalen
Verkehr in Osteuropa in einem Ausmaß erneuert, daß heute zwischen
Fahrzeugen, zugelassen in der EU oder in Osteuropa, kein Unterschied
besteht. Problematisch, so Hofrat DI Robert Fürst, Direktor der
Bundesprüfan= stalt für Kraftfahrzeuge, sind nur bereits
abgeschriebene Fahrzeuge in Zweit- oder Mehr-Besitz von
Möchtegern-Unternehmern oder contractors.

Unfallstatistik, verheerende

Der Anteil der schweren Lkw (darunter versteht die österreichische
Unfallstatistik Lkw über 3,5t mit/ohne Anhänger, Sattelkraftfahrzeu=
ge und Tankwagen) an Straßenverkehrsunfällen mit Personenschaden lag
in de= n Jahren 1994-98 relativ konstant bei jährlich rund 2.200.
Dies gilt ebenso für den Anteil dieser Unfälle am
Gesamtunfallgeschehen, der im Beobachtungszeitraum zwischen 5,4% und
5,8% pendelt. Das Signifikante an den Lkw-Unfällen ist jedoch die
Unfallschwere: Unfälle, an denen schwere Lkw beteiligt sind, fordern
überdurchschnittlich viele Menschenleben. Der Anteil der Lkw-Unfälle
auf Autobahnen und Schnellstraßen ist rund dreimal so hoch wie im
gesamten Straßennetz und liegt bei rund 17 Prozent. Noch dramatischer
ist der Anteil an den tödlichen Unfällen auf Autobahnen und
Schnellstraßen: In den letzten eineinhalb Jahren (1998 und bis August
99) war bei fast jedem dritten tödlichen Unfall ein schwerer Lkw
beteiligt.

Unfallursache, Übermüdung

Zu hohe Geschwindigkeit und zu geringer Abstand sind
Hauptunfallursachen. Viele Lkw-Unfälle, vor allem in der Nacht, sind
Alleinunfälle, was auf Übermüdung schließen läßt.

Vorschriften, Wirrwarr

Lkw bilden kein homogenes Rechtsgebilde, Bestimmungen finden sich
in einer Vielzahl von Gesetzen und Verordnungen. Aus dieser
Zersplitterung ergeben sich vereinfacht zwei Problemfelder: Zum einen
wissen die Unternehmer und Fahrer oft nicht über ihre Rechte und
Pflichten Bescheid. Das Recht ist ihnen nur schwer zugänglich, und
ma= n kann ihnen das kaum übel nehmen. Jedes dieser Gesetze nennt
eine andere Be= hörde, die die Einhaltung zu überwachen und das
Gesetz zu vollziehen hat. Nur ein Beispiel, das die Komplexität der
Verwaltungsaufgaben veranschaulichen soll: Zur Einhaltung von
Gewichtsgrenzen bedarf es Brückenwaagen, also baulicher
Einrichtungen, die wiederum von anderen Behörden errichtet werden
müssen. Eine Vielzahl von Behörden sind involviert. Eine verbesserte
Koordination von Bund und Ländern, wünscht sich Generalsekretär Dr.
Rudolf Hellar, ARBÖ.

Zertifizierung, lösungsorientierte und Wirtschaftsfaktor

Sicherheit
Ein Vorschlag, der Zustimmung findet, ist die Zertifizierung von
vorbildhaften Unternehmen, die freiwillig in
Verkehrssicherheitsmaßna= hmen und in die Ausbildung von
Berufskraftfahrern investieren. Sicherheit macht sich bezahlt.

Rückfragehinweis: Kuratorium für Verkehrssicherheit
Abt. f. Öffentlichkeitsarbeit /
Mag. Petra Rathmanner
Tel.: (01) 71770 - 225 DW
e-Mail: [email protected]
Web: http://www.kfv.or.at

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