ÖLSF "ergänzt" das Denkmal am Morzinplatz und mahnt das Gedenken an die vergessenen Opfergruppen ein.

Ein sechs Meter langer Balken vor dem Denkmal zeigt die vergessenen Winkel

Wien (OTS) - In einer aufsehenerregenden Aktion "ergänzte" das Österreichische Lesben- und Schwulenforum (ÖLSF) im "Moment der Stille" während der gestrigen Regenbogenparade 1999 das Denkmal zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozislismus am Morzinplatz durch das Anbringen eines Balkens, der die bisher "vergessenen" Winkel zeigt und somit das Erinnern an die bisher ebenso vergessenen Opfergruppen einmahnt.

Zahlreiche Opfergruppen des Nationalsozialismus, die in den Konzentrationslagern zu unmenschlicher Arbeit gezwungen, gefoltert und ermordet worden sind, blieben und bleiben von öffentlicher Erinnerung ausgeschlossen: die sogenannten "Asozialen" (unter ihnen die meisten Frauen, die aufgrund des Vorwurfs der Homosexualität in die Lager verschleppt wurden), die "Kriminellen", die Zeugen Jehovas sowie die als homosexuell beschuldigten Häftlinge der Konzentrationslager - die Männer mit dem rosa Winkel. Ausgeschlossen sind jene aber nicht nur von der öffentlichen Erinnerung wie Mahnmalserrichtungen oder offiziellen Reden, sondern auch vom offiziellen Opferstatus und somit von der gesellschaftlichen Anerkennung und der finanziellen Entschädigung für ihr erlittenes Unrecht.

Auch heutige Mahnmal-Errichtungen perpetuieren die Hierarchie der NS-Opfer. So werden gegenwärtig in zahlreichen Städten Schoa-Mahnmale zur Erinnerung an die ermordeten Juden der jeweiligen Stadt, des Landes oder auch ganz Europas (Berlin) errichtet. Über den Einbezug anderer Opfergruppen in die Mahnung wurde in Wien nicht, in Berlin kaum diskutiert. Der US-amerikanische Holocaust-Forscher Daniel Goldhagen plädierte in der "Zeit" für die Errichtung zahlreicher Mahnmale, auch für die anderen Opfergruppen, vor allem für die von der öffentlichen Erinnerung fast völlig ausgeschlossenen Homosexuellen.

Ztl: Die "Ergänzung" des Mahnmals am Morzinplatz durch das ÖLSF

Leopold Grausams Denkmal am Morzinplatz, dem Ort der ehemaligen Wiener Gestapo-Zentrale, ist ein gutes Beispiel für die langsame Entwicklung des Gedenkens an die NS-Opfer: 1957 wurden gerade mal zwei Winkel - der rote für die "Politischen", der gelbe "Judenstern" für die verfolgten Juden - auf dem Denkmal angebracht.

Während des "Moments der Stille" auf der diesjährigen Regenbogen Parade hat das Österreichische Lesben- und Schwulenforum (ÖLSF) das Denkmal von Leopold Grausam durch einen Balken ergänzt, der an die vergessenen Opfer des Nationalsozialismus erinnert. An diesem Balken befinden sich Darstellungen jener Winkel, die an den Häftlingsuniformen der Konzentrationslager angebracht waren, in jenen Farben, die die Häftlinge als "Asoziale", "Kriminelle", "Zigeuner", "Bibelforscher" oder "Homosexuelle" kennzeichneten (rosa, schwarzer, grüner, violetter und brauner Winkel).

Das weitere Schicksal dieser dringend nötigen Denkmalsergänzung wird zeigen, wie groß die Bereitschaft der öffentlichen Erinnerung geworden ist, dieser Opfer zu gedenken. Dem Gesetz zufolge müßte dieses zusätzliche Zeichen der Erinnerung weggeräumt werden, als Müll, wenn nicht als sachbeschädigende Störung des Stadtbildes. Nur eine politische Intervention Bürgermeister Häupls, der immerhin den Ehrenschutz der heurigen Rrgenbogenparade übernommen hat, könnte die Entfernung des neuen Mahnmals verhindern, eine Intervention, die zeigen würde, das die Stadtregierung die Mahnung an jene vergessenen Opfer des NS-Regimes für wert und wichtig befindet, an die Bevölkerung Wiens weiterzugeben. Eine solche Intervention bedeutete endlich ein offizielles Eingeständnis der Stadt, dieser Verbrechen an Unschuldigen zu gedenken und sie für die Zukunft verhindern zu wollen.

Das Österreichische Lesben- und Schwulenforum (ÖLSF) wird in diesen Entscheidungsprozeß jedoch nicht eingreifen, denn mit der Niederlegung des Balkens am Grausam-Denkmal und der Anteilnahme durch die Zigtausenden TeilnehmerInnen an der Regenbogen Parade wird es den Ort geschaffen haben, an dem der vergessenen Opfer gedacht werden kann - ob mit oder ohne Verbleib der Denkmals-Ergänzung.

Verbleib oder Nicht-Verbleib werden also zeigen, wie sehr die Stadt Wien bereit ist, auch die Verfolgung und Ermordung von sogenannten Lesben und Schwule zuerst "Asozialen", "Kriminellen", Sinti und Roma, Lesben und Schwulen öffentlich zu bereuen und wie sehr sie sich einsetzt, auch jene Opfer in ihre öffentliche Erinnerung miteinzubeziehen.

Idee: Hannes Sulzenbacher
Entwurf und Durchführung: Österreichisches Lesben- und Schwulenforum (ÖLSF) und Regenbogen Parade (CSD Wien)
Künstlerische Ausführung: Karin Krahl

(Schluß)

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