Handke im einzigen Interview nach der serbischen Reise über: Milosevic, albanische Flüchtlinge, seine Liebe zu Serbien und seine Kritiker.

Wien (OTS) - Peter Handke, österreichischer Autor von Weltrang, nimmt in einem sechs Seiten langen Exklusivinterview für die morgen erscheinende Ausgabe des Wochenmagazins NEWS zum Bombardement der Nato, zur Kosovo-Krise und zu den Angriffen der Kritik auf sein Werk Stellung.

Handke über die Kritik an seiner Person:

Handke: Alles, was nicht häßlich und schmutzig antiserbisch ist, muß sich heute gefallen lassen, als proserbisch bezeichnet zu werden. Für mich ist das Antiserbentum, das als Hauptschmutzstrom gegen ein Volk auftritt, ein Schimpfwort wie Antisemit geworden. Die Antiserben sind für mich auf andere Weise genauso übel und unerträglich wie die Antisemiten in ihrer schlimmsten Zeit. Ich bin nicht pro, ich bin mit den Serben, physisch, historisch, herzlich, gedanklich, mit den Füßen, mit den Händen. Da ist kein Moment Spiel dabei. Das ist Schwerkraft, Durchlässigkeit, Blick. Ich brauche nicht mehr von der Liebe zu schwafeln. Ich bin mit ihnen. Und deswegen bin ich hier, in der Nähe von Paris, unruhiger als dort.

Handke über die sozialistischen Nato-Regierungen:

Handke: Dieser Spanier von der Nato, dessen Namen ich nicht über die Lippen bringe, erklärt als Ausrede für den Krieg: "Ich kann kein schlimmer Mensch sein, denn ich bin ein Achtundsechziger." Der amerikanische Dreckskerl, der englische Kunstturner, alle diese Verbrechertypen gehören der Generation an, die uns "Make love not war" vorgesungen hat. Deshalb, so erklären sie, können sie keine Kalten Krieger sein. Und jetzt sage ich Ihnen: Ich ziehe Kalte Krieger diesen verfehlten Hippies tausendmal vor. Brechts Spruch "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch" trifft heute auf die "Flower-Power"- und "Make love not war"-Grünen zu. Nach landläufiger Meinung sind die Kreaturen, die aus dem Schoß krochen, die Rechtsradikalen. Aber die sind für mich Totgeburten, gefährlich nur wie Leichengift. Für mich ist das, was aus dem Schoß kroch, etwas anderes: die Grünen, der Typ, der Bundeskanzler ist, und der Bombenminister. Das ist das grausig-ewige Deutschland.

Handke über Journalisten:

Handke: Ich sehe bei diesen Typen seit langem keine Arbeit mehr. Ich war in Jugoslawien, und ich habe zu dieser Zeit auch gearbeitet. Aber die Journalisten und Politiker? Ist Killen denn eine Arbeit? Diese Zeitungsratten verdienen mit ihrer Nichtarbeit, mit ihren Fertigsätzen und Fertigbildern ein Heidengeld. Für diese mechanische Killerei und Schweinerei bekommen sie auch noch eine Pension. Unter den tausend Skandalen ist das einer der schlimmsten. Andererseits habe ich gerade in "Le Monde" gelesen, daß sich jetzt viele Fotojournalisten weigern, in diese Flüchtlingsgesichter zu fotografieren. Sie fotografieren lieber die Fotografen, die in Großaufnahme in diese seltsame Mischung aus Erschöpfung und Verzweiflung hineinfotografieren. Man sollte dazu auch Tonaufnahmen machen, was die Dolmetscher zu den Flüchtlingen sagen und wie diese Fotos zustande kommen. Der ganze Großmarkt der Welt ist Information. Deshalb kann man mit Bildern und Worten am meisten schwindeln und am meisten verdienen.

Handke über die Verrisse zu seinem eben publizierten Stück "Die Fahrt im Einbaum" (Uraufführung am 9. Juni im Burgtheater):

Handke: Ja, in der "Zeit" und in der "Frankfurter Rundschau". Würde ein Sport- oder Lokalreporter eine Landwirtschaftsausstellung oder ein Radrennen so grundfalsch wiedergeben, würden die sofort entlassen. Aber Kulturleute oder politische Journalisten dürfen jedes Zeug schreiben. Einer schreibt, der Verlag hat das Buch früher herausgebracht, um Geld zu verdienen, ohne zu wissen, daß es seit Winter für diesen Termin angekündigt war. Der Tatbestand der Verleumdung ist damit erfüllt. Es wird erzählt, ich hätte das Massaker von Srebrenica geleugnet, obwohl diese Sätze im Stück ein Irrer sagt. Der Lohnjournalismus ist kein Beruf mehr. Wenn es wieder einer werden soll, müßte man langsam auf dem Lokal - und Sportjournalismus aufbauen. Ich habe das im "Nachmittag eines Schriftstellers" beschrieben: Das Werk ist unabnutzbar. Es ist aus Luft gemacht und kann höchstens verzögert werden. Ich selbst habe ja nicht den Funken einer Chance gegen den Journalismus. Aber andererseits hat der Journalismus keinen Funken Chance gegen mich. Was mich schmerzt, ist Jugoslawien.

Handke über Milosevic:

Handke: Ich kenne Slobodan Milosevic überhaupt nicht. Ich höre nur immer, daß er ein Diktator und ein Schlächter ist. Ich glaube, das Problem ist, daß niemand diesen Mann kennt. Man mag mir das jetzt auslegen, wie man will. Aber er ist der gewählte Präsident Jugoslawiens und hat das Territorium des Staates zu verteidigen. Jeder an seiner Stelle in den letzten 10 Jahren hätte genauso handeln müssen wie er. Ihm blieb keine Wahl. Man wirft ihm immer wieder vor, daß er 1989 auf dem Amselfeld zu einer Million Serben, die dort gefeiert haben, gesagt hat: "Niemand mehr wird euch schlagen." Man sagt, da komme der Nationalismus der Serben her. Ich sage aber: Die Serben waren und sind das am wenigsten nationalistische Volk auf dem Balkan. Das serbische Land hat am meisten Minderheiten, Zigeuner, Ungarn und Albaner. Sicher hat Tito den Albanern 1974 eine so große Autonomie gegeben wie keiner Volksgruppe in Europa. Sicher wäre es nötig gewesen, daß Jugoslawien den Kosovo-Albanern gleich bei Beginn des Bosnien-Kriegs die Autonomie von 1974 zurückgibt. Das war den Albanern aber nicht genug - sie wollen ihren Staat, denn unter 20 Albanern im Kosovo ist vielleicht ein Serbe, wenn er sich heranwagt. Nur sind die Kosovo-Albaner mit ihrem Parallelstaat gescheitert, die Zertifikate ihrer Parallelschulen wurden nirgendwo in Europa anerkannt, denn das war absolut kindisch. Und diese Kinderei führte zur Gewalt. Die albanische Bevölkerung im Kosovo besteht aus Bauern in Dörfern und aus einer anderen Bevölkerung, den Clans, die in riesigen Gutshöfen mit fast großstädtischem Getriebe leben. Und von dieser Clanbevölkerung ging der Krieg aus, oder die Befreiung, wie Sie wollen. Ich war vor drei Jahren in einer kleinen Stadt. Da gab es noch eine einzige serbische Gaststätte, und die war berühmt dafür, daß dort der erste Terrorakt dieser wunderbaren Organisation, deren Namen ich nicht nenne (die UCK, Anm.), stattgefunden hat. Zwei Wochen vorher ging in der Straße das Licht aus, und da kamen vermummte Leute zur Tür herein und haben in einer Minute fünf Leute erschossen. Und man hat auch noch gesagt, die Serben hätten das selber provoziert.

Handke über die Zerstörumg des Autowerks Kragujevac:

Das ist nicht einfach ein Autowerk bei Kragujevac. Das ist eine Märtyrerstadt, die schlimmstverletzte im Zweiten Weltkrieg, in der Hunderte Schüler als Vergeltung für einen Partisanenangriff erschossen wurden. Dann wurde dort nach dem Krieg ein wunderschönes Werk gebaut, das industrielle Zentrum, das Herz Jugoslawiens. Und unter dem Vorwand, daß da auch Pistolen hergestellt wurden, hat die Nato dieses Werk bombardiert und einer ganzen Region die Arbeit zerstört, und dazu alle Werkzeuge. Man sagt ja: Der Mensch hat begonnen, ein Mensch zu werden, als er sich das Werkzeug angeeignet hat. Außerdem hat man dort das Heizkraftwerk zerstört, das die Haushalte von 150.000 Leuten versorgt hat. Ein weiteres Heizkraftwerk stand auf freiem Feld in Krusevac. Man sieht nur noch die Röhren, die in die Stadt führen, und man fragt sich: warum? Es wurde schon einmal zerbombt, und dann noch einmal. Ein Mönch im Kloster Studeniza hat zu mir gesagt: Das ist wie die Ustascha im Zweiten Weltkrieg, als sie die Juden und Serben ermordet haben. Die kamen dann wieder, um die Leichen nochmals zu töten. - Unter diesen Killern waren übrigens viele Franziskanerpater, und man muß dem Papst immer übelnehmen, daß er den Kardinal Stepinac, der sich im Krieg gegen das Volk der Serben ausgesprochen hat, vor ein paar Monaten seliggesprochen hat. - Oder nehmen wir die Schulen. Warum zerbombt man die Schulen auf dem Land? Die Kinder Jugoslawiens gehen nicht mehr in die Schule! Es ist alles vermischt: Krieg, Kindergeburtstag, Weintrinken und Kassettenbomben, die im Gras liegen wie Fallschirme und in die Luft gehen, wenn die Kinder sie aufheben. Und warum bombt man die Brücken? Der deutsche Bombenheini sagt, man habe die Brücken in Novi Sad gebombt, weil die für den Greuel im Kosovo bestimmt waren. Aber der ist 500 Kilometer entfernt! Ich bin bereit, denen allen Zyankali zu schicken. Für mich ist das Weiße Haus nicht mehr das Weiße Haus, sondern das Herz der Finsternis, und ich schlage vor, das Oval Office zur Bombenform zu verlängern.

Handke über das Kosovo:

Handke: Niemand weiß, was im Kosovo passiert, denn niemand kann hinein. Was aber gewußt wird, ist das Sterben der Zivilisten in Jugoslawien. Ich höre von Massenvergewaltigen und Vertreibungen, und es steht auch immer: Wir können das zwar nicht beweisen, aber es wird sicher bewiesen werden. Ich habe da ein sprachkritisches Formbewußtsein, das mir sagt: Etwas ist falsch. Oder daß man von den "Deportierten" spricht. Für mich ist das eine Entwertung des Judenelends. Die Flüchtlinge, da die ankommen, die Vertriebenen, sagen doch wörtlich alle das gleiche. Muß das deshalb glaubhaft sein? Man kann den Spieß auch umdrehen und sagen: Vielleicht könnte es deshalb auch unglaubhaft sein. Im übrigen ist die Geschichte von den gottjämmerlich von einer Grenze zur anderen Irrenden "covered", gedeckt von jedem Medium. Allerdings nicht immer in gleichem Maß. Als von der Nato nach einem weiteren "tragischen Irrtum" 72 Leute in einem Flüchtlingszug geschlachtet wurden, abgeknallt von Computertypen, dachte ich: Jetzt wird dieser Krieg doch aufhören. Nichts da. Erst hat der deutsche Zuschlagsminister gesagt, das waren die Serben, denn sie haben die Bevölkerung als Schutzschilde benutzt. Dann haben sie zugeben müssen, daß es nacktes Killen war.

Handke auf die Frage, warum flüchten die Albanre aus dem Kosovo:

Handke: Woher soll ich das wissen? Ich vermute, daß dort eine Art allgemeiner Panik stattfindet. Ein alter serbischer Mönch aus der Nähe von Pristina hat mir erzählt, als die Nato-Bomben fielen, ist rundherum von der albanischen Seite die Beschießung der serbischen Häuser losgegangen, weil die dachten, wir unterstützen die Nato als Bodentruppen. Und da, sagt er, sei die Polizei natürlich vorgegangen. Das Kosovo war in den ersten Tagen neben Belgrad und Novi Sad das Bomben- und Raketenziel. All das greift mit Psychose und Angst ineinander. Und warum soll man nicht auch sagen, was sich jeder vernünftig denkende Mensch vorstellen kann: daß die Bomben den Exodus verursacht haben? Und wer kann der Polizei und Armee eines Staates verdenken, daß sie gegen eine terroristische Organisation losgehen? Ich möchte einmal sehen, ob da ein anderer Staat auf Erden sich nicht ebenso verhält. Übrigens gibt es ja auch serbische Kosovo-Flüchtlinge. Man sollte vielleicht versuchen, auf den Karten den vierten Pfeil in Richtung Serbien hinzuzufügen, unter all diesen panisch von Grenze zu Grenze Irrenden. Vielleicht fügt auch jemand hinzu, wie viele Albaner friedlich in Belgrad leben. Aber es genügt, daß der Kiosk eines Albaners angerempelt wird, und es steht in allen Zeitungen der Welt. Als vor drei Jahren in Belgrad ein Zigeunerjunge von Skinheads erschlagen wurde, war das der "New York Times" sechs Spalten wert. Aber wenn es ein Land gibt, in dem sich die Zigeuner geschützt fühlen, ist das Serbien. Und dann kommen solche Pressemeldungen aus den USA, wo täglich Menschen hingerichtet werden. Ich weiß nicht, ob in Belgrad in den letzten 20 Jahren jemand hingerichtet wurde. Natürlich gibt es in Serbien Dinge, die man kritisieren kann. Aber ich bin dort immer Gast gewesen und kein Journalist, der hingeht, um zu kritisieren. Natürlich werden auch dort, wie bei uns, viele Politiker nur an Machtspielen Interesse haben. Nicht einmal an Macht, denn die ist heute von Personen nicht mehr abhängig, nur noch von Sachzwängen, Apparaturen und Waffen. Die meisten Politiker kommen mir wie Traumtänzer auf den Trampolinen der Macht vor. Sie bedienen nur noch die Vernichtungsmaschinen der Macht.

Handke über das Gefühl, einen Bombenabwurf zu erleben:

Handke: Es ist, als stünden Sie in einem Trockengewitter, knapp bevor es beginnt. Es ist diesig und schwül, und auf einmal geht der Donner los. Die Luft wird ein bißchen heller, und zugleich geht dieser Knall los, der fünf Kilometer von Ihnen einschlägt und den Sie doch unmittelbar durch Ihren Körper gehen fühlen, durch den Kopf und das Herz, herzzerreißend. Er ist messerscharf, und zugleich erfüllt er den ganzen Raum. Man fühlt sich getroffen, obwohl man nicht getroffen wurde. Natürlich sagen die Journalisten: Was ist das gegen die Toten im Kosovo? Aber ich will Menschen nicht aufrechnen. Ich will nicht wissen, wie viele Ärmste der ärmsten Menschen in Serbien von den Gutmenschen der Nato ermordet worden sind. Und was allein dieser Knall für ein Kind bedeutet. Jeder, der nur ein bißchen denkt, weiß, daß dieser Krieg gegen jedes Recht losgegangen ist. Ich kann auch das Wort Ethik nicht mehr aushalten. Es ist ein anderes Wort für Willkür geworden. Sogar gewissenhafte Denker wie Jürgen Habermas kommen plötzlich mit Adverbien, wo man spürt, daß sie überhaupt nichts mehr denken. "Zweifellos moralisch berechtigter Angriff." Zweifellos ist das meistgebrauchte Wort der Leute, die voll von Zweifeln sind. Oder im selben Artikel: "Jugoslawien pocht neurotisch auf seine Souveränität." Ich möchte gern sehen, was geschieht, wenn einer schreibt: "Österreich pocht neurotisch auf seine Souveränität." Dieser Denker hat mit diesen zwei Adverbien sein ganzes Denkleben verfehlt.

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