Fall "Mirel D."

Stellungnahme des Österr. Berufsverbandes Dipl. Sozial- arbeiterInnen zu tödlicher Kindesmißhandlung in Wien

Wien (OTS) - Erschütternde Fälle von Kindesmißhandlung, wie jener des einjährigen Mirel D., lösen mit bedauerlicher Reflexhaftigkeit Forderungen nach Strafverschärfung und intensiver Kontrolle gefährdeter Familien aus. Als Berufsvertretung der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, die im Rahmen der Jugendwohlfahrt den Schutz von Kindern als gesetzlichen Arbeitsauftrag bestmöglich gewährleisten wollen, weisen wir darauf hin, daß für die Lösung eines Problems zuerst die Frage nach den Ursachen beantwortet werden muß. Kindesmißhandlung - von körperlicher Bestrafung zur Durchsetzung erzieherischer Ziele bis zur Anwendung brutaler Gewalt - ist Symptom für das Scheitern in dem Versuch, ein Beziehungsproblem zu bewältigen. Kindesmißhandlung ist die Folge von Ohnmacht, Überforderung, Ausweglosigkeit, Isolation, Streß und Druck. Verschärfte Kontrolle und Überwachung, der Ruf nach der "gläsernen Familie", und die Androhung gravierender Konsequenzen im Fall des Scheiterns sind in diesem Kontext kontraproduktiv.

Die Mutter des getöteten Mirel D. wurde von Sozialen Diensten betreut. Mutter und Kind schienen den Umständen entsprechend unauffällig, die möglicherweise bereits zu diesem Zeitpunkt entstehenden Schwierigkeiten waren nicht alarmierend. Dies zeigt einmal mehr, daß auch eine weitere Perfektionierung von Überwachung nicht zwangsläufig jenen kritischen Zeitpunkt erkennen läßt, an dem allgemeine Belastungen zu massiven Schädigungen und zur existentiellen Bedrohung eines Kindes werden. Einzig die Beteiligten selbst können eine derartige Gefahr wahrnehmen und handeln. Letztendlich suchte die Mutter mit ihrem schwerst verletzten Kind Hilfe im Krankenhaus. Die wesentliche Frage muß daher lauten, weshalb dieser Schritt, der zumindest die Vermutung nach Resten von Sorge der Mutter um ihr Kind nahelegt, nicht zu einem früheren - für Mirel eventuell lebensrettenden - Zeitpunkt getan werden konnte.

Jugendämter, Beratungsstellen und Soziale Dienste müssen in Krisensituationen für die Betroffenen eine erreichbare Hilfe sein. Sie müssen auch von jenen Eltern, deren Kinder nicht selbst in der Lage sind, sich an Dritte zu wenden, als Unterstützung wahrgenommen werden können. Angst vor Bestrafung macht dies unmöglich und reduziert die Chancen, Kinder wirksam zu schützen. Die Fachkräfte haben diese Forderung in den vergangenen Jahren vermehrt erfüllt. Sozialarbeiter/Sozialarbeiterinnen in Ämtern und freien Institutionen haben dazu beigetragen, das österreichische Modell wirksamen Kinderschutzes auch im internationalen Vergleich als beispielhaft zu entwickeln. Auch wenn es nicht leicht fällt, muß zur Kenntnis genommen werden, daß tragische Einzelfälle trotz größten Bemühens und verantwortungsvoller Kinderschutzarbeit nicht verhindert werden können. Auch "perfekte Sozialarbeit" stellt keine Garantie gegen Unmenschlichkeit dar. Es wäre jedoch kurzsichtig und dumm, den bestehenden Standard der Hilfsorientierung in Frage zu stellen und durch Rasterfahndungen in Familien, Aufrüstung der entlastenden Nachbarschaftshilfen zu Spitzeldiensten und radikale Strafverschärfungen zu ersetzen. Die Folge daraus wäre ein vermehrtes Gewaltpotential. Die Folge wären mehr tote Kinder.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

DSA Herbert Paulischin, Tel.: 0699/10771077
Vorsitzender des Österreichischen Berufsverbandes Diplomierter
SozialarbeiterInnen Vizepräsident des IFSW (International federation
of social workers)

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NEF/OTS