Alexander Smolenski: "Österreich kann mir das Asyl gar nicht verwehren"

Der per Haftbefehl gesuchte Wahlwiener und Chef der Moskauer SBS-Agro-Bank über die Ermittlungen und Chaos in Rußland

Wien (OTS) - Format: Seit vergangenem Mittwoch existiert gegen Sie ein internationaler Haftbefehl wegen des Verdachts der Geldwäsche. Rechnen Sie mit Ihrer Verhaftung?

Smolenski: Das ist jederzeit möglich. Ich bin gar nicht überrascht. Damit habe ich gerechnet. Allerdings haben bisher weder meine Anwälte in Moskau noch die in Wien den Haftbefehl zu Gesicht bekommen.

Format: Vor vier Wochen schickte die Generalstaatsanwaltschaft Moskau ein detailliertes Rechtshilfeersuchen nach Wien. Damals ließen Sie den Ermittlern in Moskau ausrichten, Sie befänden sich auf Kur in Wien. Stimmt das?

Smolenski: Ich bin seit einem Monat in Wien, weil ich an Bluthochdruck leide, und habe von meinem Arzt jede Menge Spritzen bekommen. Man hat eine alte Geschichte, an der nichts dran ist, neu aufgekocht.

Format: Jener Bankmanager, der Ihnen den Geldwäscheverdacht eingebrockt hat, wurde im Vorjahr in der Schweiz verhaftet und sitzt in Moskau hinter Gittern. Die Schweiz, nicht gerade ein Unrechtsregime, hat ihn ohne Vorbehalte ausgeliefert.

Smolenski: Die Schweiz ist ein Rechtsstaat. Das Problem ist in Moskau entstanden, weil dort ein immer größeres Chaos herrscht.

Format: Sie haben als einer der sieben mächtigsten Finanzmagnaten Rußlands den sogenannten Oligarchen, Präsident Boris Jelzin, im Wahlkampf unterstützt. Seit Jewgeni Primakow das Amt des Ministerpräsidenten übernommen hat, fehlt Jelzins schützende Hand. Ist das richtig?

Smolenksi: Nicht nur ich, das ganze Land hat Jelzins schützende Hand verloren. Man sucht seit dem Amtsantritt von Primakow offenbar nach Sündenböcken. Er hat ja als ehemaliger Geheimdienstchef genug Erfahrung mit Desinformation. Ich soll einer dieser Sündenböcke sein. Er hat offenkundig vor, das ganze Land zu ruinieren. Er zerschlägt die Ansätze des Kapitalismus. Die Regierungsmitglieder tragen nicht nur alle die gleichen Anzüge und Krawatten, sie verstehen auch nicht, daß Privateigentum den Bürgern eine gewisse Freiheit gibt.

Format: Ist Boris Jelzin überhaupt noch ein handlungsfähiger Präsident?

Smolenski: Ich meine schon. Bei dem jetzt herrschenden Durcheinander in Rußland sehe ich weiterhin keinerlei Alternative.

Format: Sie sollen noch vor der Finanzkrise im August Milliardenbeträge Ihrer Bank auf Konten in Westeuropa, darunter auch bei österreichischen Banken, gerettet haben.

Smolenski: Ich kenne diese Gerüchte. Es war von Banken in England, Frankreich und Österreich die Rede. Doch das sind glatte Lügen. Die Wahrhei= t ist, daß ich durch die Finanzkrise vom 17. August 1998 Milliarden verloren habe: Die Bankengruppe SBS-Agro hatte Kredite bei Westbanken in der Höhe vo= n 900 Millionen und Einlagen unserer russischen Sparer von weiteren 500 Millionen Dollar.

Format: Waren auch Kredite österreichischer Banken dabei?

Smolenski: Gott sei Dank nicht. Davor hat mich der liebe Gott bewahrt. Dies= e 1,5 Milliarden Dollar wurden bis zum letzten Cent in die russische Wirtschaft investiert.

Format: Sie gelten bis heute als einer der reichsten Russen und fliegen im eigenen Jet zu Ihrer in Wien lebenden Familie.

Smolenski: Die Augustkrise hat mich beinahe ruiniert. Noch am 1. Juli 1998 war das Aktienpaket der Bankengruppe SBS-Agro laut dem Bericht eines westlichen Wirtschaftsprüfers 3,8 Milliarden Dollar wert.

Format: Das sind umgerechnet fast fünfzig Milliarden Schilling. Sie besitzen als Gründer der Bank ein großes Aktienpaket. Sind Sie noch immer Milliardär ?

Smolenski: Ich habe fast alles verloren. Aber zum Überleben wird es reichen.

Format: Zurück zum Haftbefehl aus Moskau. Planen Sie unter diesen Umständen eine Rückkehr nach Moskau?

Smolenski: Ich plane, wenn es mein Arzt in Wien erlaubt, am kommenden Wochenende nach Moskau zurückzukehren, obwohl ich keinerlei Vertrauen in die russische Justiz habe. Zumindest in Österreich gehen solche Scherze wie in Moskau nicht.

Format: Sie haben als Sohn einer vor den Nazis aus Wien geflüchteten Mutter bereits vor sieben Jahren vergeblich um die österreichische Staatsbürgerschaft angesucht. Werden Sie es jetzt noch einmal versuchen?

Smolenski: Ich hatte damals keine Lust, so viele Papiere auszufüllen. Aber wenn in Rußland wieder die konservativen Kommunisten an die Macht kommen, muß ich es wohl tun. Wenn ich die Gewißheit habe, daß Rußland kein Rechtsstaat mehr ist, dann werde ich in Österreich leben. Meine Familie lebt seit zehn Jahren in Wien und zahlt brav ihre Steuern. Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß mir Österreich das Asyl verwehren kann. Ich weiß allerdings, daß die Behörden alles versuchen werden, um das zu verhindern.

Format: Wie hoch schätzen Sie die Chance eines Comebacks der Kommunisten ein?

Smolenski: Ich bin realistisch: Ich fürchte, es sind neunzig Prozent.

Format: Sie setzen Ihre Zukunft als Privatbankier in Rußland also mit nur zehn Prozent ein?

Smolenski: So ist es. Meine Sympathie für Österreich ist groß, obwohl die Telefone in meiner Wiener Villa seit einem Jahr illegal abgehört werden.

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