- 11.04.1999, 10:00:27
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Alexander Smolenski: "Österreich kann mir das Asyl gar nicht verwehren"
Der per Haftbefehl gesuchte Wahlwiener und Chef der Moskauer SBS-Agro-Bank über die Ermittlungen und Chaos in Rußland
Wien (OTS) - Format: Seit vergangenem Mittwoch existiert gegen Sie
ein internationaler Haftbefehl wegen des Verdachts der Geldwäsche.
Rechnen Sie mit Ihrer Verhaftung?
Smolenski: Das ist jederzeit möglich. Ich bin gar nicht überrascht.
Damit habe ich gerechnet. Allerdings haben bisher weder meine Anwälte
in Moskau noch die in Wien den Haftbefehl zu Gesicht bekommen.
Format: Vor vier Wochen schickte die Generalstaatsanwaltschaft Moskau
ein detailliertes Rechtshilfeersuchen nach Wien. Damals ließen Sie
den Ermittlern in Moskau ausrichten, Sie befänden sich auf Kur in
Wien. Stimmt das?
Smolenski: Ich bin seit einem Monat in Wien, weil ich an
Bluthochdruck leide, und habe von meinem Arzt jede Menge Spritzen
bekommen. Man hat eine alte Geschichte, an der nichts dran ist, neu
aufgekocht.
Format: Jener Bankmanager, der Ihnen den Geldwäscheverdacht
eingebrockt hat, wurde im Vorjahr in der Schweiz verhaftet und sitzt
in Moskau hinter Gittern. Die Schweiz, nicht gerade ein
Unrechtsregime, hat ihn ohne Vorbehalte ausgeliefert.
Smolenski: Die Schweiz ist ein Rechtsstaat. Das Problem ist in Moskau
entstanden, weil dort ein immer größeres Chaos herrscht.
Format: Sie haben als einer der sieben mächtigsten Finanzmagnaten
Rußlands den sogenannten Oligarchen, Präsident Boris Jelzin, im
Wahlkampf unterstützt. Seit Jewgeni Primakow das Amt des
Ministerpräsidenten übernommen hat, fehlt Jelzins schützende Hand.
Ist das richtig?
Smolenksi: Nicht nur ich, das ganze Land hat Jelzins schützende Hand
verloren. Man sucht seit dem Amtsantritt von Primakow offenbar nach
Sündenböcken. Er hat ja als ehemaliger Geheimdienstchef genug
Erfahrung mit Desinformation. Ich soll einer dieser Sündenböcke sein.
Er hat offenkundig vor, das ganze Land zu ruinieren. Er zerschlägt
die Ansätze des Kapitalismus. Die Regierungsmitglieder tragen nicht
nur alle die gleichen Anzüge und Krawatten, sie verstehen auch nicht,
daß Privateigentum den Bürgern eine gewisse Freiheit gibt.
Format: Ist Boris Jelzin überhaupt noch ein handlungsfähiger
Präsident?
Smolenski: Ich meine schon. Bei dem jetzt herrschenden Durcheinander
in Rußland sehe ich weiterhin keinerlei Alternative.
Format: Sie sollen noch vor der Finanzkrise im August
Milliardenbeträge Ihrer Bank auf Konten in Westeuropa, darunter auch
bei österreichischen Banken, gerettet haben.
Smolenski: Ich kenne diese Gerüchte. Es war von Banken in England,
Frankreich und Österreich die Rede. Doch das sind glatte Lügen. Die
Wahrhei= t ist, daß ich durch die Finanzkrise vom 17. August 1998
Milliarden verloren habe: Die Bankengruppe SBS-Agro hatte Kredite bei
Westbanken in der Höhe vo= n 900 Millionen und Einlagen unserer
russischen Sparer von weiteren 500 Millionen Dollar.
Format: Waren auch Kredite österreichischer Banken dabei?
Smolenski: Gott sei Dank nicht. Davor hat mich der liebe Gott
bewahrt. Dies= e 1,5 Milliarden Dollar wurden bis zum letzten Cent in
die russische Wirtschaft investiert.
Format: Sie gelten bis heute als einer der reichsten Russen und
fliegen im eigenen Jet zu Ihrer in Wien lebenden Familie.
Smolenski: Die Augustkrise hat mich beinahe ruiniert. Noch am 1. Juli
1998 war das Aktienpaket der Bankengruppe SBS-Agro laut dem Bericht
eines westlichen Wirtschaftsprüfers 3,8 Milliarden Dollar wert.
Format: Das sind umgerechnet fast fünfzig Milliarden Schilling. Sie
besitzen als Gründer der Bank ein großes Aktienpaket. Sind Sie noch
immer Milliardär ?
Smolenski: Ich habe fast alles verloren. Aber zum Überleben wird es
reichen.
Format: Zurück zum Haftbefehl aus Moskau. Planen Sie unter diesen
Umständen eine Rückkehr nach Moskau?
Smolenski: Ich plane, wenn es mein Arzt in Wien erlaubt, am kommenden
Wochenende nach Moskau zurückzukehren, obwohl ich keinerlei Vertrauen
in die russische Justiz habe. Zumindest in Österreich gehen solche
Scherze wie in Moskau nicht.
Format: Sie haben als Sohn einer vor den Nazis aus Wien geflüchteten
Mutter bereits vor sieben Jahren vergeblich um die österreichische
Staatsbürgerschaft angesucht. Werden Sie es jetzt noch einmal
versuchen?
Smolenski: Ich hatte damals keine Lust, so viele Papiere auszufüllen.
Aber wenn in Rußland wieder die konservativen Kommunisten an die
Macht kommen, muß ich es wohl tun. Wenn ich die Gewißheit habe, daß
Rußland kein Rechtsstaat mehr ist, dann werde ich in Österreich
leben. Meine Familie lebt seit zehn Jahren in Wien und zahlt brav
ihre Steuern. Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß mir Österreich
das Asyl verwehren kann. Ich weiß allerdings, daß die Behörden alles
versuchen werden, um das zu verhindern.
Format: Wie hoch schätzen Sie die Chance eines Comebacks der
Kommunisten ein?
Smolenski: Ich bin realistisch: Ich fürchte, es sind neunzig Prozent.
Format: Sie setzen Ihre Zukunft als Privatbankier in Rußland also mit
nur zehn Prozent ein?
Smolenski: So ist es. Meine Sympathie für Österreich ist groß, obwohl
die Telefone in meiner Wiener Villa seit einem Jahr illegal abgehört
werden.
Rückfragehinweis: FORMAT
Hannes Reichmann
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