• 10.03.1999, 09:49:13
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ÖGB: Kollektivvertrag wird Lauda nicht erspart bleiben

Brauchen Gewerkschaften mehr "Sexappeal"?

Wien (ÖGB). "Gewerkschaften müssen in Zukunft noch mehr Gas geben;
sie müssen schneller, offener, solidarischer werden und ihren
Mitgliedern mehr Mitsprache und Mitbestimmung geben", betonte
Metaller-Chef Rudolf Nürberger bei der ÖGB-Veranstaltung
"Wirtschaft statt Herrschaft" gestern Abend. Teilnehmer der
kontroversiellen Diskussion waren neben Nürnberger, Niki Lauda,
Hans Peter Martin und die Betriebsratsvorsitzende der Caritas
Christine Boller. ++++

Kritik übte Nürnberger an Laudas Unternehmensphilosophie: Es gebe
Mitarbeiter mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Aussehen und
Bildung, dies hätte auch die Wirtschaft zu akzeptieren. Den
Mitarbeiter aus der Retorte gebe es zum Glück noch nicht.
Herrschaft statt Wirtschaft bedeute, wenn 200 Millionen Kinder
Arbeit leisten müssen. Wirtschaft statt Herrschaft verlange
vielmehr eine Verantwortung der Unternehmer gegenüber dem
Menschen.

Nürnberger: "Der Aktionär ist kein rotes Tuch; Unternehmen sollen
Gewinne machen, aber Arbeitnehmer wollen faire und gute
Arbeitsbedingungen sowie gerechtes Einkommen." Die Tatsache, daß
Laudas Flugpersonal noch keinen Kollektivvertrag besitze, dürfe
nicht "Schule machen". Auch für Lauda-Air müsse einen KV geben,
unterstrich Nürnberger.

Lauda skizzierte seine Position so: Die Kostenstruktur des
Unternehmens müsse in einem Verhältnis zum Gewinn stehen. Die
durch einen Kollektivvertrag entstehenden Mehrkosten könne Lauda-
Air nicht verkraften, dies könne auch aus der Bilanz gelesen
werden. Die Marktkonkurrenz sei groß, Flexibilität sei gefordert.

Hans Peter Martin, Autor der Globalisierungsfalle, forderte mehr
"Sexappeal" der Gewerkschaften: Gewerkschaften müßten auch
international schneller agieren, sich globalisieren;
Gewerkschaften müßten Mitglieder stärker motivieren. Gleichzeitig
müsse die europäische Politik für mehr Verteilungsgerechtigkeit
sorgen. Intelligente Regeln auf europäischem Niveau müßten
gefunden werden.

Christine Boller, Betriebsratsvorsitzende der Caritas zur
Problematik: "Das wahre Problem ist, dass viele von ihrem
Einkommen nicht einmal mehr die Miete zahlen können; vor allem
Frauen zählen zu den Verliererinnen." Bollers Kritik: "Unternehmen
leisten keinen fairen Beitrag bei den Steuerleistungen, sie nützen
zwar die Infrastruktur, werden aber bei den Steuerabgaben immer
öfter begünstigt." Es sei höchste Zeit, gegenüber der
wirtschaftlichen Elite eine soziale Macht aufzubauen. Bollers
Befürchtungen: Menschen mit weniger qualifizierten Arbeitsplätzen
werden in Zukunft verlieren. (bfm)

ÖGB, 10. März 1999 Nr. 107

Rückfragehinweis: ÖGB Presse und Öffentlichkeitsarbeit

Mag. Birgit Flenreiss-Mäder
Tel. (01) 534 44/480 Dw.
Fax.: (01) 533 52 93

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