• 31.07.1998, 13:28:47
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  • OTS0141

Offener Brief an die Medien zum thema Hermann Nitsch (Mag.Alexander Willer)

"Sensibilisierung statt Speciecismus"

Wien (OTS) - Je näher das "Sechstagespiel" des Hermann Nitsch
rückt, desto festgefahrener werden die Fronten. Demos sind geplant,
ebenso wie Gegendemos. Fast hat es den Anschein, als finde das
Spektakel nicht innerhalb der Gemäuer von Schloß Prinzendorf statt,
sondern außerhalb. Seltsame Allianzen werden beschworen oder
vermutet. Rechts und links scheint zu verschwimmen. Es herrscht Chaos
wie einst beim Turmbau zu Babel.

Doch worum geht es - oder besser warum sollte es eigentlich gehen?
Was treibt Tierschützer wie Tierrechtler auf die Barrikaden?

Nebensächlich ist die Frage, wie weit das künstlerische Talent des
Hermann Nitsch reicht. Ob Nitsch den Kuß der Muse erhielt oder
schroff abgewiesen wurde, ist sekundär. Kunst zu definieren, ist
nicht Aufgabe des Tierschutzes. Dies überlassen wir gerne den
Künstlern selbst. Sehr wohl ist es jedoch unsere Aufgabe, dann auf
den Plan zu treten, wenn Leben uns sei es "nur" tierisches zur
höheren Ehre der Kunst geopfert wird.

Nitsch desensibilisiert

In seinem Gastkommentar im "Standard" erklärte Hermann Nitsch, er
wolle mit seinem Orgien Mysterien Theater "dem Tod ins Auge schauen"
bzw. das Leid der Tiere aufzeigen. Durch rituelle Stierschlachtungen
mit anschließender kollektiver Verspritzung des Blutes und
Zertrampelung der Eingeweide wird das Leid der Tiere aber keinesfalls
kritisch aufgezeigt, sondern in exhibitionistischer Weise verhöhnt.
Gegen bares Geld steht es sensationslüstern Personen frei, eine
Katharsis der anderen Art zu erleben. Endlich dürfen sie primal
instincts ausleben, die im Alltag tabu sind. Wem der bungee jump zu
fad ist, die Designerdroge zu gefährlich, der delektiert sich an der
Ausweidung von Tieren. Hermann Nitsch fördert dadurch einen Prozeß
der Desensibilisierung gegenüber Tieren und deren Leid. Durch die
öffentliche Akzeptanz seines Schaffens, wird der Tierschutz weit
zurückgeworfen. Das ist es, wogegen wir kämpfen.

Wider den Speciecismus

Wer gibt der menschlichen Species das Recht, Tiere zu mißbrauchen,
auszubeuten und in vollendeter Form der Präpotenz letztendlich im
Namen der Kunst zu opfern? Gibt es irgendwo eherne Tafeln, worin dies
verankert wäre? Mir sind sie jedenfalls nicht bekannt. Anstatt in die
Zeiten der kultischen Tieropfer zurückzufallen, sollte der große
Sprung gewagt werden. Hic et nunc! Eine Art "Charta der
Menschenrechte" für Tiere muß gefordert, gefördert und verteidigt
werden. Die anthropozentrische Allmachtsanmaßung muß sukzessive
überwunden werden. Menschen MÜSSEN keine Tiere benützen, Künstler
MÜSSEN nicht morden! Tierrechtler für diese Einstellung kurzerhand
ins rechte Eck zu verbannen, ist kontraproduktiv und engstirnig.

Kalokagathia

Zahlreiche Künstler und Denker des antiken Griechenlandes wie der
Renaissance streben das Ideal der Einheit von künstlerischer wie
moralischer Vollendung an. Kalokagathia drückt diese Gesinnung aus.
Ästhetik statt Delektion an Trieben, die in dem Teil unseres
Denkapparates angesiedelt sind, den wir Reptilienhirn bezeichnen.
Progression statt Regression im Empfinden für Umwelt und
Mitgeschöpfe. Das ist es, was die Tierschutzbewegung fordert, nicht
Kuturkampf.

V.E.T.O gegen Nitsch

Das Tierhilfswerk Austria (THWA) führt seit mehreren Monaten eine
Kampagne gegen das "Sechstagespiel". Dazu stehen wir auch in aller
Öffentlichkeit. THWA-Präsident Christian Janatsch fand in
Persönlichkeiten wie dem Alterzbischof von Wien, Franz Kardinal
König, auch honorige Mitstreiter. Und in den vergangenen Tagen gelang
es meiner Wenigkeit eine vorübergehende Sammelbewegung namhafter
Tierschutzgruppen mit der Bezeichnung V.E.T.O. (Vereinte Tierschutz
Organisationen) ins Leben zu rufen, der neben dem THWA u.a.
Humanitas, der Internationale Bund der Tierversuchsgegner, Tierschutz
aktiv Tirol oder der Verein gegen Tierfabriken angehören. Zweck
dieser losen, aber entschlossenen Allianz ist es und wird es sein,
ein Veto gegen Hermann Nitschs Mißachtung tierischer Integrität
einzulegen.

Die Freiheit der Kunst ist ein schützenswertes Gut, noch mehr aber
das Leben an sich. Für die Tiere!

Rückfragehinweis: Mag. Alexander Willer, Kampagnenleiter,
Tierhilfswerk Austria
Tel.: 02243 22964

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