Offener Brief an die Medien zum thema Hermann Nitsch (Mag.Alexander Willer)

"Sensibilisierung statt Speciecismus"

Wien (OTS) - Je näher das "Sechstagespiel" des Hermann Nitsch rückt, desto festgefahrener werden die Fronten. Demos sind geplant, ebenso wie Gegendemos. Fast hat es den Anschein, als finde das Spektakel nicht innerhalb der Gemäuer von Schloß Prinzendorf statt, sondern außerhalb. Seltsame Allianzen werden beschworen oder vermutet. Rechts und links scheint zu verschwimmen. Es herrscht Chaos wie einst beim Turmbau zu Babel.

Doch worum geht es - oder besser warum sollte es eigentlich gehen? Was treibt Tierschützer wie Tierrechtler auf die Barrikaden?

Nebensächlich ist die Frage, wie weit das künstlerische Talent des Hermann Nitsch reicht. Ob Nitsch den Kuß der Muse erhielt oder schroff abgewiesen wurde, ist sekundär. Kunst zu definieren, ist nicht Aufgabe des Tierschutzes. Dies überlassen wir gerne den Künstlern selbst. Sehr wohl ist es jedoch unsere Aufgabe, dann auf den Plan zu treten, wenn Leben uns sei es "nur" tierisches zur höheren Ehre der Kunst geopfert wird.

Nitsch desensibilisiert

In seinem Gastkommentar im "Standard" erklärte Hermann Nitsch, er wolle mit seinem Orgien Mysterien Theater "dem Tod ins Auge schauen" bzw. das Leid der Tiere aufzeigen. Durch rituelle Stierschlachtungen mit anschließender kollektiver Verspritzung des Blutes und Zertrampelung der Eingeweide wird das Leid der Tiere aber keinesfalls kritisch aufgezeigt, sondern in exhibitionistischer Weise verhöhnt. Gegen bares Geld steht es sensationslüstern Personen frei, eine Katharsis der anderen Art zu erleben. Endlich dürfen sie primal instincts ausleben, die im Alltag tabu sind. Wem der bungee jump zu fad ist, die Designerdroge zu gefährlich, der delektiert sich an der Ausweidung von Tieren. Hermann Nitsch fördert dadurch einen Prozeß der Desensibilisierung gegenüber Tieren und deren Leid. Durch die öffentliche Akzeptanz seines Schaffens, wird der Tierschutz weit zurückgeworfen. Das ist es, wogegen wir kämpfen.

Wider den Speciecismus

Wer gibt der menschlichen Species das Recht, Tiere zu mißbrauchen, auszubeuten und in vollendeter Form der Präpotenz letztendlich im Namen der Kunst zu opfern? Gibt es irgendwo eherne Tafeln, worin dies verankert wäre? Mir sind sie jedenfalls nicht bekannt. Anstatt in die Zeiten der kultischen Tieropfer zurückzufallen, sollte der große Sprung gewagt werden. Hic et nunc! Eine Art "Charta der Menschenrechte" für Tiere muß gefordert, gefördert und verteidigt werden. Die anthropozentrische Allmachtsanmaßung muß sukzessive überwunden werden. Menschen MÜSSEN keine Tiere benützen, Künstler MÜSSEN nicht morden! Tierrechtler für diese Einstellung kurzerhand ins rechte Eck zu verbannen, ist kontraproduktiv und engstirnig.

Kalokagathia

Zahlreiche Künstler und Denker des antiken Griechenlandes wie der Renaissance streben das Ideal der Einheit von künstlerischer wie moralischer Vollendung an. Kalokagathia drückt diese Gesinnung aus. Ästhetik statt Delektion an Trieben, die in dem Teil unseres Denkapparates angesiedelt sind, den wir Reptilienhirn bezeichnen. Progression statt Regression im Empfinden für Umwelt und Mitgeschöpfe. Das ist es, was die Tierschutzbewegung fordert, nicht Kuturkampf.

V.E.T.O gegen Nitsch

Das Tierhilfswerk Austria (THWA) führt seit mehreren Monaten eine Kampagne gegen das "Sechstagespiel". Dazu stehen wir auch in aller Öffentlichkeit. THWA-Präsident Christian Janatsch fand in Persönlichkeiten wie dem Alterzbischof von Wien, Franz Kardinal König, auch honorige Mitstreiter. Und in den vergangenen Tagen gelang es meiner Wenigkeit eine vorübergehende Sammelbewegung namhafter Tierschutzgruppen mit der Bezeichnung V.E.T.O. (Vereinte Tierschutz Organisationen) ins Leben zu rufen, der neben dem THWA u.a. Humanitas, der Internationale Bund der Tierversuchsgegner, Tierschutz aktiv Tirol oder der Verein gegen Tierfabriken angehören. Zweck dieser losen, aber entschlossenen Allianz ist es und wird es sein, ein Veto gegen Hermann Nitschs Mißachtung tierischer Integrität einzulegen.

Die Freiheit der Kunst ist ein schützenswertes Gut, noch mehr aber das Leben an sich. Für die Tiere!

Rückfragen & Kontakt:

Mag. Alexander Willer, Kampagnenleiter,
Tierhilfswerk Austria
Tel.: 02243 22964

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