"Gefangen im Irrsinn"

Gehören alle psychisch Kranken in den "Käfig"?

Wien (OTS) - Zum Artikel "Gefangen im Irrsinn" in News Nr. 7 vom
12. Februar 1998 nehme ich als Geschäftsführer des Vereins für Sachwalterschaft und Patientenanwaltschaft, der die Patientenanwaltschaft nach dem Unterbringungsgesetz durchführt, Stellung:

In Österreich erfolgen pro Jahr etwa 40.000 Aufnahmen von Personen in psychiatrische Krankenhäuser (manche Personen werden mehrmals aufgenommen). Dabei kommt es nur teilweise zu zwangsweisen Unterbringungen. 1996 wurde laut Statistischem Zentralamt 11.268 mal eine zwangsweise Unterbringung ausgesprochen.

Derzeit wird in der Öffentlichkeit ein zumindest irreführendes Bild von der österreichischen Gesetzeslage vermittelt. Die existierenden Regelungen werden nur ansatzweise benannt, und somit entsteht sehr leicht ein verzerrtes Abbild des Unterbringungsgesetzes, das die zwangsweisen Aufenthalte und Beschränkungen in einer Psychiatrie regelt.

Die zwangsweise Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus ist im Unterbringungsgesetz - trotz mancher gegenteiliger Aussagen -klar vorgesehen und geregelt.

Dieses Gesetz ermöglicht nicht nur eine angeordnete, sondern auch eine auf Wunsch des Patienten zu erfolgende Unterbringung im psychiatrischen Krankenhaus.

Jemanden im psychiatrischen Krankenhaus gegen oder ohne seinen Willen unterzubringen ist zulässig, wenn psychische Krankheit und Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegen und gleichzeitig eine andere Form der Betreuung, etwa durch soziale Dienste, unmöglich ist.

Die Entscheidung, ob ein Patient gegen seinen Willen im Krankenhaus bleiben muß, also untergebracht wird, treffen die dortigen Fachärzte. Nach ihrer Aufnahmeentscheidung ist die Maßnahme gerichtlich zu überprüfen.

In diesem Verfahren wird der Patient von einem Patientenanwalt des Vereins vertreten,der als Sprachrohr des Patienten dessen Rechte und Interessen wahrnimmt, allerdings keine Entscheidungsbefugnis bezüglich Aufenthalt und Behandlung des Patienten hat.

Der zuständige Richter ist nach dem Erstkontakt mit dem von den Ärzten "angehaltenen" Patienten verpflichtet, binnen 14 Tagen bei einer mündlichen Tagsatzung die Zulässigkeit der Freiheitsbeschränkung neuerlich zu überprüfen. Dazu muß er einen anstaltsunabhängigen psychiatrischen Sachverständigen beiziehen. Die Dauer der Unterbringung wird in der mündlichen Verhandlung festgelegt: dabei ist vorgesehen, daß bei einer Unterbringung über drei Monate eine neuerliche Überprüfung durch das Gericht stattzufinden hat.

Bei einem Drittel aller Unterbringungen erfolgt die Beendigung der Unterbringung durch die Anstaltsärzte schon vor dem Erstkontakt durch den Richter. Das bedeutet, daß die Psychiater die Entscheidung über eine Entlassung oft selber treffen, jedenfalls immer in die Entscheidungsfindung einbezogen sind.

Die Betreuung und Behandlung von Menschen mit psychischen Krankheiten ist ein sensibler Bereich. Sehr oft treffen hier Interessen der Angehörigen, Betroffenen und ihrer gesetzlichen Vertreter und die Erfahrungen der Ärzte und des Pflegepersonals hart aufeinander. Besonders schwierig wird es allerdings, wenn Psychiatrie und Justiz über den Verbleib (Strafvollzug, Maßnahmenvollzug oder psychatrische Anstalt) psychisch kranker Straftäter uneinig sind. Unserer Erfahrung nach hilft es aber nur wenig, die Patienten oder Gefangenen einander gegenseiteig zuzuspielen.

Auf beiden Seiten wird wohl mehr Auseinandersetzung mit der aktuellen Betreuungssituation nötig werden. Denn nur die Verbesserung der Situation in den einzelnen Anstalten kann vermeiden, daß der Aufenthalt sowohl für das betreuende Personal als auch für die Insassen unerträglich wird.

Es soll aber auch die Situation außerhalb der psychiatrischen Anstalt beleuchtet werden. Hier fehlen nachgehende Betreuungseinrichtungen, die mit der stationären Psychiatrie vernetzt arbeiten. Die Antwort, alle psychisch kranken Menschen -prophylaktisch - lebenslang einzusperren, um den restlichen Teil der Bevölkerung zu schützen, würde die Straßen leeren. Gehen doch Schätzungen davon aus, daß bis zu 20 % der Bevölkerung psychisch krank sind oder zumindest psychische Probleme haben.

So kann auch die Auseinandersetzung mit den entsetzlichen Gewalttaten eine Chance bieten, dieses sensible Thema differenziert zu betrachten. Wenn dabei alle psychisch Kranken pauschal als "Zeitbomben" bezeichnet und an den medialen Pranger gestellt werden, ist das alles andere als hilfreich.

Rückfragen & Kontakt:

Verein für Sachwalterschaft und
Patientenanwaltschaft
Dr. Peter Schlaffer
Tel.: 01/982 58 68/22 oder
0664/4503074

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