Lohnnebenkosten steigen weiter

Lamel: 100-Prozent-Grenze teilweise bereits überschritten Kessler: Mit einer Wertschöpfungsabgabe wäre nichts gewonnen

Wien (PWK) - "Die Lohnnebenkosten sind 1996 abermals gestiegen, obwohl im Koalitionsabkommen festgeschrieben wurde, daß zumindest die Lohnnebenkosten des produzierenden Sektors stabil gehalten werden müssen", bemerkte Heinz Kessler, Obmann der Bundessektion Industrie, bei der Präsentation der Erhebungsdaten der Wirtschaftskammer Österreich zu den Arbeitskosten 1996 im Rahmen einer Pressekonferenz der Bundessektion Industrie. Bezugnehmend auf die letzten Äußerungen des Bundeskanzlers stellte Kessler auch fest, daß entgegen der Meinung des Bundeskanzlers eine Diskussion über zu hohe Lohnnebenkosten nicht eine Aufforderung zur Abschaffung des Systems sozialer Sicherheit und Solidarität darstellt, sondern daß die Lohnnebenkosten einfach wegen ihrer Höhe aus der Debatte zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit und der Beschäftigung nicht ausgeklammert werden können. ****

Joachim Lamel, Syndikus der Bundessektion Industrie, untermauerte diesen Vorwurf mit handfestem Datenmaterial. Für die Industriebeschäftigten (Arbeiter und Angestellte) sind die Lohnnebenkosten von 97,1 Prozent im Jahr 1993 auf 98,6 Prozent im Jahr 1996 gestiegen. Für heuer wird mit rund 99,0 Prozent zu rechnen sein. Bei den Arbeitern wurde bereits 1993 die 100-Prozent-Grenze überschritten. Der Lohnnebenkostensatz für Arbeiter stagniert seither auf diesem hohen Niveau und betrug 1996 100,7 Prozent. Bei den Angestellten hingegen wachsen die Lohnnebenkosten noch immer deutlich. Sie haben sich von 93,1 Prozent im Jahr 1993 auf 96,4 Prozent in der Erhebung 1996 erhöht. Der internationale Vergleich für die Lohnnebenkosten der Arbeiter zeigt Österreich an der Spitze vor Ungarn (100,0 Prozent) und Italien (99,2 Prozent). In Deutschland, das bei den Gesamtarbeitskosten um 25 Prozent über den Arbeitskosten eines österreichischen Arbeiters liegt, beträgt der Lohnnebenkostensatz 79,4 Prozent. Hohe Lohnnebenkosten belasten die Arbeitskosten, welche die Lohnstückkosten entscheidend beeinflussen. Die Lohnstückkosten wiederum sind ausschlaggebend für die internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Strukturell ergeben sich gegenüber der letzten Erhebung für 1993 keine größeren Unterschiede: Rückgängen bei Abfertigungen und Krankengeld stehen Zunahmen bei den gesetzlichen Sozialleistungen und anderen Positionen gegenüber. Vor allem die Kommunalabgabe im Jahr 1994 hat massiv zur Erhöhung beigetragen. Im längerfristigen Vergleich ist neben gesetzlichen Sozialleistungen und der Kommunalabgabe vor allem der Aufwand für bezahlte Ausfallzeiten gestiegen. Bei den freiwilligen Sozialleistungen zeigt sich eine Umschichtung zu betrieblichen und überbetrieblichen Altersversorgungssystemen. Spitzenreiter bei den Lohnnebenkosten ist die Erdölindustrie mit 185,2 Prozent, gefolgt von den Gas- und Wärmeversorgungsunternehmen (121,4 Prozent). Schlußlicht bildet die Sägeindustrie mit 83,9 Prozent.

Die Arbeitskosten je Industriebeschäftigten betrugen 1996 pro geleisteter Stunde 330,70 Schilling. "Wir werden nicht müde werden, eine Senkung der Lohnnebenkosten einzufordern, auch wenn dies dem Bundeskanzler möglicherweise mißfällt", zeigte sich Kessler kämpferisch. International liegt Österreich hinsichtlich des Lohnnebenkostensatzes an der Spitze der westlichen Industrienationen. Die Arbeitskosten liegen zwar in Deutschland, der Schweiz und Belgien noch über unserem Satz, der Abstand wird aber nicht größer, sondern kleiner. "Ganz zu schweigen von den Arbeitskosten in den östlichen Nachbarstaaten", ergänzte Lamel. Vor allem die Exportindustrie ist dramatisch betroffen.

Bedenklich stimmt auch der neuerliche Anstieg der ohnedies bereits hohen gesetzlichen Sozialleistungen. Sozialpolitik kann nicht additiv gesehen werden. Die Einführung neuer Maßnahmen darf nicht erfolgen, ohne bestehende Regelungen auf ihre Sinnhaftigkeit und Berechtigung zu prüfen. Die Höhe der Lohnnebenkosten im Verhältnis zum Lohn und Gehalt begünstigt überdies den Pfusch und beeinträchtigt somit die Beschäftigung.

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