- 07.01.1998, 13:04:37
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Wirtschaft: ÖGB-Vorschläge zur Lehrausbildung kontraproduktiv
Tichy-Schreder fordert finanzielle und bürokratische Entlastung der Betriebe bei der Lehrlingsausbildung
Wien (PWK) - "Mit dem geforderten Ausbau von selbständigen
Ausbildungseinrichtungen für Jugendliche und der Einrichtung einer
Berufsfachschule will die Gewerkschaft offenbar entgegen aller
Beteuerungen die erfolgreiche duale Lehrlingsausbildung in Betrieb
und Berufsschule torpedieren", kritisiert die Vizepräsidentin der
Wirtschaftskammer Österreich, Ingrid Tichy-Schreder, entsprechende
Vorschläge von ÖGB und AK: "Das sogenannte "triale System", das die
Arbeitnehmervertreter anstreben, bedeutet nichts anderes als die
Nutzung aufgeblähter Berufsschulkapazitäten und teurer
Lehrwerkstätten. Hier sollen Milliardenbeiträge aus dem
Arbeitsmarktbudget in fragwürdige Jugendbeschäftigungsprogramme
gepumpt werden. Das ist zur Ausbildungssicherung kontraproduktiv."
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Im trialen System rechnet das AMS mit ca. 18.000 Schilling an
Kosten pro Lehrling und Monat. Diesem Betrag stehen praktisch keine
Kosten für die Öffentlichkeit bei der normalen Lehrlingsausbildung
seitens der Betriebe gegenüber, da diese die Ausbildungskosten und
auch die Lehrlingsentschädigung voll tragen. Tichy-Schreder: "Das
einzig positive am "trialen System'ist, daß es die enorme
Ausbildungsleistung der Betriebe in der Lehrlingsausbildung sichtbar
macht. Und es zeigt auch, wie kostengünstig die Lehrlingsausbildung
in Österreich für Staat und Gesellschaft ist. Ich habe aber wenig
Verständnis für ein Ausbildungsprogramm, das einerseits primär ein
Beschäftigungsprogramm für das bfi, für Berufsschulen und
Lehrwerkstätten darstellt und andererseits - noch dazu vom Markt
abgekoppelt - vor allem dort Jugendliche ausbildet, wo
Schulkapazität, nicht aber eine Nachfrage des Arbeitsmarktes besteht.
Das wird direkt in eine Jugendarbeitslosigkeit münden."
Abgelehnt wird von Tichy-Schreder auch die nach wie vor von der
Gewerkschaft geforderte Ausbildungsabgabe für Betriebe, die selbst
nicht ausbilden: Diese Strafsteuer vernichte bloß Lehrstellen,
schaffe neue Ungerechtigkeiten und eine neue Umverteilungsbürokratie.
Niemand werde neue Lehrstellen schaffen, nur weil er sonst eine
Abgabe zu zahlen habe. Im Gegenteil: Die hohe Abgabenlast der
Wirtschaft ist eine der Ursachen für den Verlust von Arbeits- und
Ausbildungsplätzen.
Nachdenklich stimmt Tichy-Schreder, daß der ÖGB mit Ausnahme der
Entwicklung neuer Lehrberufe keine strukturelle Reform der
Lehrlingsausbildung anstrebt, die es den Betrieben erleichtert,
zusätzliche Lehrplätze anzubieten. Die Wirtschaft hat dagegen ein
Alternativprogramm entwickelt, bei dessen Verwirklichung genügend
Lehrplätze für alle ausbildungsfähigen und -willigen Jugendlichen in
Österreich angeboten werden können:
* Schaffung einer Teillehre für Jugendliche, die (noch) nicht
lehrvertragsreif sind;
* dreimonatige WIFI-Kurse, die Jugendliche lehrvertragsreif
machen;
* Akquisitionsberater bei den Lehrlingsstellen, die neue
Lehrausbildungskapazitäten erschließen;
* Refundierung der Lehrlingsentschädigung für die Zeit des
Berufsschulbesuches für alle Betriebe anstelle des derzeitigen
Wildwuchses an Subventionen und Förderungen von AMS und Ländern;
* spezieller Steuerabsetzbetrag für die Lehrlingsausbildung;
* leichtere Lösbarkeit von Lehrverträgen bei Aufrechterhaltung des
legitimen Schutzes der Lehrlinge;
* Schaffung neuer Lehrberufe;
* flexiblere gesetzliche Bestimmungen, welche die Ausbildung
erleichtern und nicht wie bisher (Berufsausbildungsgesetz) erschweren
und bürokratisieren.
(Schluß) RH
Rückfragehinweis: Abteilung für Bildungspolitik
Dr. Georg Piskaty
Tel: 50105/DW 4073
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