WIEDERHOLUNG OTS0087 OeNB - Karl Landsteiner Biographie

Wien (OTS) - Karl Landsteiner (1868 - 1943)

Der stille Pionier

Aber eigentlich war er ein Wiener, dessen Wiener Eltern gerade wie gewohnt den Sommerurlaub in nahe gelegenen idyllischen Kurstadt verbrachten.

Dasselbe trifft übrigens auch auf einen anderen berühmten Österreicher zu, auf Max Reinhardt, der fünf Jahre nach Karl Landsteiner in Baden, wo seine Wien Eltern urlaubten, auf die Welt kam (und, wie Landsteiner, 1943 in New York starb). Auf die Frage nach seiner Herkunft antwortete der junge Berliner Charakterdarst Max Reinhardt um die Jahrhundertwende nicht ohne Stolz: "Ich bin ein Wiener von Geburt".

So gibt auch Karl Landsteiner nur ein-, zweimal Baden bei Wien als Geburtsort an sonst immer, der Einfachheit halber und weil es fast stimmt, Wien. Wie in dem handgeschriebenen Curriculum Vitae, das er am 12. Juni 1902 seiner Bewerbung um Habilitation an der Universität Wien beilegt:

Der Gefertigte, geboren in Wien am 14. Juni 1868, besuchte das Staatsgymnasium in Wien und legte daselbst im Jahre 1885 die Maturitätsprüfung mit genügendem Erfolg ab.

Den medicinischen Studien oblag er an der Wiener medicinischen Facultät, an welcher im Jahre 1891 zum Doctor der gesammten Heilkunde promovirt wurde.

Der Gefertigte frequentirte hernach als Hospitant die von Hr. Prof. Kahler geleitete Klinik für interne Medizin und beschäftigte sich dann mit chemischen Untersuchuchungen am Polytechnikum in Zürich und an den Universitäten von Würzburg und München. In den Jahren 1894 und 1895 war der Unterzeichnete Operationszögling an der chirurgischen Klinik des Hr. Prof. Albert in Wien.

Im Jahre 1896 war er als Assistent im hygienischen Universitätsinstitut in Wien thätig.

Seit dem Jahre 1897 fungiert derselbe vom 1. Juli - 30. September d.J. als unbesoldeter vom 30. Sept 1897 bis jetzt als besoldeter Assistent an der Lehrkanzel für pathologische Anatomie der Wiener Universität.

Wien, am 12. Juli 1902, Dr. Karl Landsteiner, Assistent am pathol. anatom. Institut

Als Karl Landsteiner 1868 geboren wurde, war sein Vater fünfzig, die Mutter zweiunddreißig Jahre alt.

Der Vater, Dr. Leopold Landsteiner, war einer der berühmtesten Wiener Journalisten des vorigen Jahrhunderts, vor 1848 Korrespondent für deutsche Blätter in Paris, Redakteur der liberalen Wiener "Presse" seit deren Gründung am 3. Juli 1848, dann Gründer und Herausgeber der "Österreichischen Reichszeitung" und der Wiener "Morgenpost".

Ein genauer, strenger, jeglichem Radikalismus abgeneigter Herr. Wie später sein (einziger) Sohn Karl.

Karl Landsteiner ist sieben Jahre alt, als sein Vater einer Herzattacke erliegt "Lungenödem" steht als Todesursache im Sterberegister und "Seine Seele war edel stark und wahr wie nur bei auserwählten Menschen" steht auf seinem Grabstein auf dem alten jüdischen Währinger Friedhof.

Im Alter von etwas mehr als fünf Jahren ist Karl Landsteiner in die Volksschule eingetreten. Das Mittelschulstudium absolviert er am heutigen Wasagymnasium im neunten Wiener Bezirk, am Staatsgymnasium in Linz und dann wieder am Wasagymnasium, wo er 1885 maturiert. Im selben Jahr inskribiert er an der medizinischen Fakultät der Universität Wien. Sein Hauptinteresse gilt der Chemie. Am Chemischen Institut der Alma Mater Rudolfina entwickelt er erstaunliche Fähigkeiten im Experimentieren. Den Militärdienst leistet er während des Studiums in der Sanitätsabteilung des Garnisonsspitals Nr. 1. Die Vorprüfungen und die ersten zwei Rigorosa werden mit "ausgezeichnet" bewertet, das dritte Rigorosum erstaunlicherweise mit "genügend".

Im Februar 1891 promoviert Karl Landsteiner zum Doktor der gesamten Heilkunde. Schon am 1. Juli erhielt er den militärischen Rang eines Assistenzarztes in der Reserve erster Klasse Rangnummer 5.

Am 4. Dezember 1890, noch während des Studiums, wurde Karl Landsteiner gemeinsam mit seiner Mutter in der Schottenkirche in die römisch-katholische Religionsgemeinschaft aufgenommen.

Zwecks medizinischer Weiterbildung hospitiert er zunächst an der II. Wiener Medizinischen Universitätsklinik bei Professor Otto Kahler, dann studiert er in Würzburg beim späteren Chemie-Nobelpreisträger Emil Hermann Fischer, in Zürich bei dem deutschen Chemiker Arthur Hantzsch und in München beim a.o. Professor für Chemie Eugen von Bamberger. Sowohl Fischer als auch Bamberger publizieren mit Landsteiner, dem "jungen Anfänger", gemeinsame Forschungsergebnisse.

1894/1895 ist Landsteiner "Operationszögling" an der I. Chirurgischen Universitätsklinik in Wien. Noch ist Chloroform hauptsächliches Narkotikum, noch wagt man sich, nach bösen Erfahrungen, nicht an Bluttransfusionen. Noch werden Patienten als "geheilt" entlassen und sind doch unheilbar krank, was Landsteiner, mit den Ergebnissen seiner Experimente vor Augen, leicht erkennt. Und was ihn unermüdlich weiterforschen läßt. Er kennt keinen Sonntag, keinen Feiertag, so gut wie kein Privatleben. Und die Arbeitszeit, die er sich vorschreibt, dauert bis tief in die Nacht hinein.

1896/97 ist Karl Landsteiner Assistent am Hygienischen Institut der Universität Wien und von 1897 bis 1907 Assistent am Pathologisch-Anatomischen Institut.

Zehn Jahre, in denen er nicht nur 3639 Obduktionen vornimmt, sondern auch 75 Arbeiten über von ihm durchgeführte serologische, bakteriologische, virologische und pathologisch-anatomische Experimente und Studien verfaßt. Im Jahr 1900 nur eine einzige. Sie hat den trockenen Titel "Zur Kenntnis der antifermentativen, lytischen und agglutinierenden Wirkungen des Blutserums und der Lymphe". Diese und ihr folgende Arbeiten Landsteiners führen zu dem Schluß daß Blut nicht gleich Blut ist, daß es verschiedene Blutgruppen gibt und daß ein Mensch mit einer bestimmten Blutgruppe nicht das Blut einer anderen Blutgruppe verträgt.

Kein Jubelruf "Ich hab's gefunden!", kein "Aufschrei", der durch die Ärzteschaft durch die Weltpresse geht, weil man jetzt weiß, warum Bluttransfusionen bisher ja lebensgefährlich waren und daß jetzt tausende, abertausende, Millionen Leben gerettet werden können.

Selbst in den Befürwortungen, mit denen Landsteiners Chefs, der Serologe Max von Gruber und der Bakteriologe Anton Weichselbaum, zwei Jahre später Landsteiners Ansuchen an das Ministerium, an der Universität lehren zu dürfen, "ergebenst" unterstützen, wird seine bahnbrechende Entdeckung nur als eine von 18 bemerkenswerten Forschungsarbeiten erwähnt (Er selbst führt 21 an).

Mit 28 gegen 4 Stimmen beschließt das Professorenkollegium am 21. März 1903 beim Ministerium für Kultus und Unterricht um die Erteilung der Venia Legendi (der "Gnade, vortragen zu dürfen") an Landsteiner anzusuchen. Er darf jetzt sein Wissen an Studierende weitergeben. Acht Jahre später "geruhte Seine k. u. k. apostolische Majestät Kaiser Franz Joseph I." Landsteiner "allergnädigst zum unbesoldeten a.o. Professor der pathologischen Anatomie" zu ernennen.

Er hat inzwischen (1908) die Leitung der Prosektur am k.k. Wilhelminenspital übernommen, die er bis 1919 innehaben wird.

Am 6. April 1908 ist seine geliebte Mutter gestorben. Ihre Totenmaske wird imme seinem Schlafzimmer hängen, auch später in Amerika.

Karl Landsteiner wohnt zunächst noch, wie in seinen Studententagen, in der Frankgasse Nr. 6, neben dem Haus der Gesellschaft der Ärzte.

Am 4. November 1916 heiratet er seine langjährige, wesentlich jüngere Braut Leopoldine Helene Wlasto(s), die Tochter des Mesners der Wiener griechisch-orientalischen Kirchengemeinde zum Heiligen Georg, und erwirbt ein Haus in Purkersdorf. Am 8. April 1917 wird ihm der einzige Sohn Ernst Karl geboren. 1918 tritt Helene Landsteiner (in deren Elternhaus altgriechisch gesprochen wird) dem Gatten zuliebe aus ihrer Glaubensgemeinschaft aus.

Das Leben in Wien wird in den letzten Kriegsjahren und in den ersten Nachkriegsjahren unerträglich hart.

Landsteiner hat eine Ziege angeschafft, um genug Milch für sein Kind zu haben. Eigenhändig pflückt er Kräuter als Zusatz- und Frischnahrung für Ernst Karl.

Eines Nachts, 1919, brechen Holzsammler den Bretterzaun vor Landsteiners Haus ab, um ihn als Brennholz zu verwenden.

Zweifel an einer gesicherten Zukunft für sich und seine Familie im verarmten Nachkriegsösterreich und die Unmöglichkeit weiterer wissenschaftlicher Forschung veranlassen den empfindsamen Forscher dazu, Wien den Rücken zu kehren.

Als 1919 die Stelle eines Prosektors im kleinen Krankenhaus R.K. Ziekenhuis in Den Haag frei wird, bewirbt er sich und erhält sie. Freilich muß er, um seine Familie erhalten zu können, dazuverdienen und arbeitet nebenbei in einer kleine medizinischen Firma an der Herstellung von Alttuberkulin.

Und seine Arbeitsbedingungen im Krankenhaus? Ein Augenzeuge berichtet: "Er erledigte die in einem Chemie-Laboratorium anfallende Routine-Arbeit, untersuchte Harn- und Blutproben, machte Wassermann-Tests und mikroskopische Untersuchungen, all das, unterstützt nur von einer geistlichen Schwester und einem Diener, in einem Raum, der auch für andere Zwecke benützt wurde; jeder Arzt, der eine Harnprobe brauchte oder eine von der Schwester zubereitete Tasse Kaffee oder nur einen Schwatz mit Landsteiner, trat zwanglos ein. Lauter reizende, honette Leute, sie mögen Landsteiner sehr, aber sie treiben ihn zur Verzweiflung. Er versucht's zu verbergen, aber er muß um jede Viertelstunde, in der er ungestört arbeiten kann, kämpfen."

Unbeirrt und unermüdlich forscht Karl Landsteiner weiter. Er bewohnt mit seiner Familie ein Haus mit Rosengarten am Meer in Scheveningen, und als ihn das Rockefeller-Institut für medizinische Forschung 1923 einlädt, seine Tätigkeit auf Lebensdauer in New York fortzusetzen und man ihn nach seinen Wünschen fragt ist der erste Wunsch: "Ein kleines Häuschen mit einem Rosengarten am Meer". Ein Wunsch, der unerfüllt bleibt. Dr. Landsteiner lebt und arbeitet im New Yorker Asphaltdschungel.

Und ist oft sehr unglücklich. Er muß sein Klavier verkaufen, weil sein - übrigens virtuoses - Klavierspiel die Nachbarn beim Radiohören stört. Die Kollegen können seinen Kummer oft nicht ergründen. Harvard-Professor für Immunologie Hans Zinsser, der auf Besuch kommt, sagt kameradschaftlich-herzlich: "Weißt Du, Karl, du bist ein alter Raunzer!"

Karl Landsteiner forscht und arbeitet weiter. Wie ein Besessener.

1930 erhält er auf Vorschlag von Julius Wagner-Jauregg, dem Medizin-Nobelpreisträger 1927, für die am Beginn des Jahrhunderts gemachte Entdeckung der Blutgruppen den Nobelpreis für Medizin. Dabei erscheinen ihm seine Forschungsergebnisse über Antikörper und Antigene viel wichtiger.

Seinem Schüler und Mitarbeiter Philip Levine vertraut er nach der Verleihung an daß es ihm lieber gewesen wäre, den Nobelpreis für seine Beiträge zur chemische Grundlage serologischer Reaktionen erhalten zu haben.

In seiner Rede vor dem Nobelpreis-Komitee und den Ehrengästen in Stockholm, der er den Titel "Über individuelle Unterschiede des menschlichen Bluts" voransetzt, führt Landsteiner seine Entdeckung der Blutgruppen und spätere von ihm und sein Mitarbeitern erzielte Forschungsergebnisse als Beweis dafür an, daß es entgegen der bis zur Jahrhundertwende vorherrschenden Meinung nicht nur zwischen verschiedenen Arten, sondern auch innerhalb ein und derselben Art eine Unzahl von Strukturdifferenzen gibt, die, etwa bei Bluttransfusionen, von ungeheurer Wichtigkeit sind. Er postuliert, daß es außer eineiigen Zwillingen kaum zwei Individuen mit der gleichen Zellstruktur gibt.

Wiederholt weist er in diesem Vortrag auf die Verdienste seiner Mitarbeiter Merrill Chase, James van der Scheer, Clara Ida Nigg, Philip Levine und Alexander Solomon Wiener hin.

Diese verschworene Gemeinschaft, die ihm den Spitznamen "Chief" verliehen hat (was in der amerikanischen Umgangssprache sowohl Boss als auch Häuptling bedeutet), vergöttert ihn, obwohl er seinen Mitarbeitern alles abverlangt, ihnen erbarmungslos seine rastlose, peinlich genaue Arbeitsweise aufzwingt. Jedes Experiment, über das sie ihm berichten, muß, auch wenn sie es für nebensächlich halten, vor seinen Augen wiederholt werden ...

Nach dem Nobelpreis gibt es jede Menge weitere Ehrungen für Karl Landsteiner. Die englische Universität Cambridge, die Freie Universität Brüssel und die amerikanische Harvard University verleihen ihm die Ehrendoktorwürde; weitere Universitäten in Welt folgen dem Beispiel; leider keine in Österreich. Die einzige Ehrung in der Heimat, über die er sich freuen darf, ist die Ehrenmitgliedschaft bei der Wiener Gesellschaft der Ärzte. Er erhält auch die Mitgliedschaft, meist die Ehrenmitgliedschaft, der Deutschen Akademie der Naturforscher, der Société Belge de Biologie, der American Philosophical Society, der New York Academy of Medicine, der American Society of Naturalists, der Pathological Society of Philadelphia, der Harvard Society, der Royal Society of London, der Pathological Society of Great Britain and Irel der Royal Society of Medicine, der Medical Chirurgical Society of Edinburgh, der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften, der Schwedischen Akademie Medizinischen Gesellschaft, der Dänischen Akademie der Wissenschaften und der italienischen Reale Academia della Scienza.

Außerdem wird Karl Landsteiner zum Mitglied der Französischen Ehrenlegion und der Französischen Akademie der Wissenschaften ernannt.

In der österreichischen Heimat kommt er erst spät zu Ehren.

1951 wird an der Außenwand der Prosektur des Wiener Wilhelminenspitals, Landsteiners Wirkungsstätte von 1907 bis 1919, eine von der Stadt Wien "ihrem großen Sohn" gewidmete Gedenktafel angebracht.

Am 28. August 1961 enthüllt Universitätsprofessor Dr. Hermann Chiari, Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften und Vorstand des Pathologisch-Anatomischen Instituts, in dessen Laboratorium Karl Landsteiner seine bahnbrechenden Experimente und Entdeckungen gemacht hat, im Arkadenhof der Universität Wien ein Landsteiner-Relief. Ein zweites derartiges Bild wird am selben Tag im Serologischen Laboratorium des Pathologisch-Anatomischen Instituts enthüllt.

Landsteiner-Reliefs finden sich unter anderem auch in der Polio Hall Of Fame in Georgia Warm Springs, U.S.A. (zum Gedenken an den Vorkämpfer gegen die Kinderlähmung), in Würzburg, in Erfurt und in Chicago.

Obwohl Karl Landsteiner 1929 die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hat, wird er nie völlig Amerikaner. Besonders wenn er -was selten vorkommt - in Wut gerät, bedient er sich der deutschen Muttersprache. 1933, bei einem Urlaub in Tirol, wünscht er sich, wahrscheinlich nur einem Impuls folgend, Vorstand des Hygienischen Instituts in Innsbruck zu sein.

In seinem spärlichen Privatleben in New York verzichtet Karl Landsteiner auf Auto, Radio und Telefon. Nicht etwa, weil er etwas gegen moderne Errungenschaften hätte. Er ist ja seiner Zeit weit voraus. Aber er möchte sich abends zuhause ungestört seinen wissenschaftlichen Arbeiten widmen können.

Zur Entspannung liest er gerne heimlich Kriminalromane. Er erachtet es als unter seiner Würde und will nicht dabei ertappt werden.

Unter der Würde eines Mannes, der um die Jahrhundertwende die Blutgruppen entdeckte und die Spezifität der Antigene experimentell untersucht hat. Der wenig später Wassermann-Methode in der Syphilis-Diagnose entscheidend verbessert hat. Der, ebenfalls noch in seinen Wiener Forscherjahren, den Weg zur Gewinnung des Serumsgefunden hat, das Jahrzehnte später dem amerikanischen Forscher Jonas Salk zur Herstellung des Impfstoffs gegen die Kinderlähmung verhelfen wird.

Gemeinsam mit Philip Levine, der sieben Jahre lang sein Assistent am Rockefeller-Institut ist (Levine: "Meine Unterordnung unter Landsteiner war zunehmend angenehm und beständig - wie zwischen einem anhänglichen ,Sohn' und dessen ,Vater'"), findet er 1927 die unter anderm für den Vaterschaftsnachweis bedeutsamen Blutmerkmale M, N und P.

Mit seinem französischen Kollegen, dem Chirurgen, Biologen und Soziologen Alexis Carrell, der seit 1896 am Rockefeller-Institut arbeitet und 1912 für seine Erkenntnisse über das Blutgefäßsystem den Nobelpreis für Medizin und Physik erhalten hat, führt Landsteiner lange Mittagstischgespräche nicht nur über das gemeinsame Fachgebiet, sondern auch über die Wunderheilungen in Lourdes. Er möchte, wie immer, dem Unerforschten auf den Grund kommen.

Bei solchen Gesprächen besteht seine Mittagsmahlzeit meist nur aus einem Apfel.

Sein einziger Sohn, Dr. Ernst Karl Landsteiner, hat an der medizinischen Fakultät der Harvard-Universität promoviert und sich in Rhode Island als erfolgreicher Chirurg etabliert.

1939 beendet der 71jährige Karl Landsteiner seine aktive Mitgliedschaft beim Rockefeller Institute for Medical Research. Das Institut stellt ihm jedoch was ungewöhnlich ist, weiterhin einen kleinen Mitarbeiterstab und ein kleines Laboratorium zur Verfügung. Dort experimentiert Landsteiner weiter und dokumentiert die Ergebnisse seiner Forschungsarbeit in 28 Publikationen. Eine von ihnen enthält in nüchternen Worten den Bericht über eine medizinische Großtat: Dem 72jährigen Karl Landsteiner ist es gelungen, gemeinsam mit seinem Assistent Alexander S. Wiener, den wichtigsten Teilfaktor (medizinisch: Hauptantigen) eines Systems erblicher Blutkörperchenmerkmale des Menschen zu entdecken. Sie nennen ihn nach dem Versuchstier, dem Rhesusäffchen, Rhesusfaktor oder kurz Rh-Faktor. Das Wissen über ihn ist lebenswichtig bei Bluttransfusionen und bei Schwangerschaften.

Karl Landsteiner kann auf ein großartiges Lebenswerk im Dienst der Menschheit zurückblicken.

Und studiert im hohen Alter verbissen und verzweifelt Onkologie, um seiner geliebten Frau helfen zu können, die von den Ärzten aufgegeben worden ist.

Helene Landsteiner ist an Schilddrüsenkrebs erkrankt und Karl Landsteiner bietet in seinem kleinen Laboratorium all seine Fähigkeiten und sein Wissen auf, um ihr Leben zu retten.

Der Überarbeitung und der schließlichen Erkenntnis, daß sein Bemühen hoffnunglos ist, hält er nicht stand. Am 26. Juni 1943, kurz nach seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag erleidet er in seinem Laboratorium einen schweren Herzanfall, zwei Tage später stirbt er.

Am 25. Dezember 1943 stirbt seine Frau.

Auf der Massachusetts vorgelagerten Insel Nantucket, wo Karl Landsteiner mit den Seinen viele beschauliche "Arbeitsurlaube" verbracht hat, finden Karl und Helene Landsteiner ihre letzte Ruhestätte.

"Ein echtes Genie und einer der schöpferischesten Männer unserer Zeit." schreibt sein Schüler und Mitarbeiter Philip Levine, "Karl Landsteiner, wahrscheinlich einer der größten Wissenschaftler seiner Zeit und aller Zeiten".

Karl Landsteiner - in Kürze

KARL LANDSTEINER, am 14. Juni 1868 als Sohn des prominenten Journalisten Dr. Leopold Landsteiner in Baden bei Wien geboren, war, nach einem Bonmot, "der einzige Mediziner, der Einstein nicht nur studiert, sondern auch verstanden hat".

1891 promovierte er an der Universität Wien zum Doktor der gesamten Heilkunde. Sein Hauptinteresse galt von Anfang an der Chemie.

Unermüdlich forschend, entdeckte er 1900/1901 bei einem seiner vielen Experimente im Laboratorium des Wiener Pathologisch-Anatomischen Instituts die Tatsache, daß es mehrere Blutgruppen gibt und ermöglichte damit lebensrettende Bluttransfusionen.

Er verfeinerte die Wassermann-Methode bei der Syphilis-Diagnose und fand den Weg zur Herstellung des Serums, der Jahrzehnte später dem amerikanischen Forscher Jonas die Herstellung des Impfstoffs gegen Kinderlähmung ermöglichte.

1903 habilitierte er an der Wiener Universität, seit 1911 war er a.o. Universit Von 1908 bis 1919 leitete er die Prosektur am Wiener Wilhelminenspital.

1919-1923 war er Prosektor in einem kleinen Spital in Den Haag, 1923 lud ihn da Rockefeller-Institut für medizinische Studien ein, seine Forschungsarbeit auf Lebenszeit in New York fortzusetzen.

1930 wurde ihm auf Vorschlag von Julius Wagner-Jauregg für seine zu Beginn des Jahrhunderts gemachte Entdeckung der Blutgruppen der Nobelpreis für Medizin verliehen. Er allerdings hält seine Arbeiten auf dem Gebiet der Immunologie und seine Erkenntnisse über Antigene und Antikörper für wichtiger.

Gemeinsam mit Philip Levine entdeckte er 1927 die unter anderem für den Vaterschaftsnachweis bedeutsamen Blutmerkmale M, N, P, gemeinsam mit Alexander S. Wiener entdeckte er 1940 den bei Bluttransfusionen und Schwangerschaften entscheidenden Rhesusfaktor.

In seinen letzten Jahren studierte er Onkologie, um seiner an einem bösartigen Schilddrüsengeschwür erkrankten Gattin Helene helfen zu können. Erschöpft und verzweifelt erlitt er am 26. Juni 1943, kurz nach seinem 75. Geburtstag in seinem Laboratorium einen Schlaganfall und starb zwei Tage da Seine Frau überlebte ihn um ein halbes Jahr.

QUELLEN:

P. Speiser/F.G. Smekal, "Karl Landsteiner". Verlag Blackwell/Ueberreuter Wissen Berlin 1990

Encyclopaedia Britannica

Pia Maria Plechl, "Karl Landsteiner". In "Große Österreicher", Ueberreuter, Wien, 1985

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