Offener Brief an EU-Agrarkommissar Dr. Franz Fischler

Streichen Sie die "Herodesprämie"!

Wien (OTS) - Sehr geehrter Herr Doktor Fischler,

das Tierhilfswerk Austria (THWA) protestiert im Namen seiner Mitglieder aufs schärfste gegen die aus EU-Kassen gezahlte sogenannte Verarbeitungsprämie für Kälber, der Öffentlichkeit auch als "Herodesprämie" bekannt.

Neuerliche Medienberichte bestätigen die aus Tierschutzsicht unerträglichen Auswirkungen dieser Subventionspolitik. Demnach kaufen "clevere" Viehhändler wenige Tage alte Kälber in Ländern auf, die sich gegen die Verarbeitungsprämie entschieden haben, um sie in langen Transporten in die Länder zu verfrachten, in denen sie dann für die Tötung der Jungtiere aus der EU-Kasse belohnt werden. Da die Tiere für die Tierkörperbeseitigungsanstalten bestimmt sind und damit von den Transporteuren und Schlächtern als Abfall eingestuft werden, wird mit ihnen entsprechend umgegangen. Szenen voller Brutalität und Grausamkeit konnten in neuen Film- und Fotodokumenten festgehalten werden.

Daß Menschen durch Prämienzahlungen dazu ermuntert werden, neugeborenes Leben ohne gewichtigen Grund (z.B. Gewinnung von Nahrungsmitteln) zu vernichten, halten wir grundsätzlich für ethisch inakzeptabel.

Daß eine der barbarischen Seiten des Schlachttiertransportes, nämlich stundenlange Fahrten neugeborener Tiere ohne angemessene Versorgung, von Ihnen in Ihrer Funktion als EU-Agrarkommissar billigend in Kauf genommen wird, ist geradezu peinlich für eine Staatengemeinschaft, die sich selbst für zivilisiert hält und in der sich die Mehrzahl der Bürger als Christen versteht.

Wie sonst ist es zu verstehen, daß von Seiten der EU nichts gegen den seit Ende vergangenen Jahres hinlänglich bekannten "Herodeskälber-Tourismus" unternommen wird. Im Gegenteil, deutsche Landesminister, die ein Ausfuhrverbot für derartige Transporte verhängen, mußten sich sagen lassen, daß solche Maßnahmen dem EU-Recht zuwider laufen und die profitgierigen Kälbertransporte ein Recht auf ihr widerwärtiges Geschäft hätten.

Unverständlich ist in diesem Zusammenhang, daß die sogenannten Frühvermarktungsprämie, die z.B. in Deutschland zur Anwendung kommt, einem französischen Landwirt nicht bezahlt werden kann. Denn an dieses ethische vertretbare Instrument zur Eindämmung des Rindfleischüberschusses sind konkrete Bedingungen geknüpft: Um diese Prämie einfordern zu können, muß das betreffende Kalb die letzten 90 Tage seines Lebens in dem Land, in dem die Prämie beantragt wird, verbracht haben. Eine vergleichbare Regelung, die vorschrieb, daß auch die Verarbeitungsprämie nur für landeseigene Tiere gezahlt wird, wurde von Ihnen abgelehnt, mit der Begründung, bei dem "Herodes-Kälber-Tourismus" handelt es sich nur um Ausnahmen. Eine geradezu zynische Behauptung, wenn man bedenkt, daß alleine aus Deutschland Schätzungen zufolge einige Tausend Tiere wöchentlich zu diesen "Ausnahmen" zählen.

Die Tatsache, daß selbst für Kälber der Fleischrassen die Verarbeitungsprämie in Anspruch genommen werden kann, entbehrt jeder Logik. Fallen Kälber der Milchrassen bei der Milchproduktion zwangsläufig als "Nebenprodukt" an, so läßt sich die Zahl der Fleischrassen-Kälber ganz einfach reduzieren: indem man sie eben gar nicht erst züchtet.

Die Verarbeitungsprämie für Kälber der Fleischrassen trägt, abgesehen von ihrer ethischen Fragwürdikeit, zur allgemeinen Verunsicherung über den Sinn von Subventionen und Prämien im landwirtschaftlichen Bereich bei: Anstatt die Landwirte zum Ausstieg aus einem unrentablen Landwirtschaftszweig zu ermutigen, wird ihnen (wie mit der Bullenprämie auch) ein Anreiz gegeben weiter am Markt vorbei zu produzieren.

Gerade für den österreichischen Staatsbürger ist die Zahlung einer Prämie für das sinnlose Töten von Tieren widersinnig. Laut den österreichischen Landestierschutzgesetzen ist das Töten eines Tieres ohne vernünftigen Grund strafbar. Auf EU-Ebene wird sie belohnt, und das mit Geldern, die zu einem nicht unbeträchtlichen Teil vom österreichischen Steuerzahler aufgebracht werden.

Das THWA fordert Sie nochmals auf, die aus den genannten Gründen für uns inakzeptable Verarbeitungsprämie zu streichen. Sicher lassen sich die dafür bereitgestellten Gelder sinnvoller einsetzen.

Ihrer Stellungnahme entgegensehend verbleibe ich
mit freundlichen Grüßen

Christian Janatsch
Präsident des THWA

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Tierhilfswerk Austria
Tel.: 02243/229 64

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