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PRESSEMITTEILUNG ZUM NATIONALFEIERTAG: Wie unabhängig sind wir im Umgang mit Schwäche und Endlichkeit
PRESSEMITTEILUNG ZUM NATIONALFEIERTAG Wie unabhängig sind wir im Umgang mit Schwäche und Endlichkeit? Mödling, 22. Oktober 2026 - Zum Nationalfeiertag erinnert der Landesverband Hospiz Niederösterreich an die Aktualität von Erwin Ringels Gesellschaftskritik und daran, dass sich die Reife einer Gesellschaft auch an ihrem Umgang mit schwer kranken und sterbenden Menschen zeigt.

Sehr geehrte Damen und Herren, Liebe Medienvertreterinnen und Medienvertreter,
wenn am 26. Oktober in Österreich die Flaggen wehen, feiert das Land seine staatliche Unabhängigkeit und sein Selbstverständnis als freie Republik. Doch wie steht es um die innere Verfassung der Gesellschaft, wenn Menschen schwer erkranken, abhängig werden und sich ihr Leben dem Ende zuneigt?
Der Wiener Arzt und Tiefenpsychologe Erwin Ringel beschrieb 1984 in seinem viel beachteten Werk „Die österreichische Seele“ gesellschaftliche Muster, deren Auswirkungen bis heute spürbar sind: eine Erziehung zur Anpassung, das Gebot des klaglosen Funktionierens und eine tief verwurzelte Kultur der Verdrängung. Angesichts von Krankheit, Pflegebedürftigkeit und Endlichkeit erscheinen seine Beobachtungen ebenso aktuell wie in der Debatte über den assistierten Suizid.
Die Schattenseiten des „Bravseins“
Ringel setzte sich kritisch mit einer Erziehungstradition auseinander, in der Anpassung häufig höher bewertet wurde als Selbstbestimmung und emotionale Offenheit. Viele Menschen lernten früh, nicht aufzufallen, belastende Gefühle zu verbergen und vor allem „brav“ zu sein. Anerkennung und Selbstwert waren eng mit Leistung, Gehorsam und Funktionieren verbunden. Wer Schwäche zeigte oder den Erwartungen nicht entsprach, musste befürchten, an Wertschätzung zu verlieren.
„Diese tief verankerten Prägungen können bis ins hohe Alter fortwirken. Besonders deutlich treten sie hervor, wenn Krankheit oder Pflegebedürftigkeit die vertraute Selbständigkeit einschränken. Der Wunsch, niemandem zur Last zu fallen, führt am Krankenbett nicht selten zu Einsamkeit: Ängste, Schmerzen und Bedürfnisse werden verschwiegen, Hilfe wird nur widerstrebend angenommen“ so Petra Kozisnik, BSc, Geschäftsführerin Landesverband Hospiz Niederösterreich.
Zugleich setzt eine hoch technisierte Medizin körperlichem Abbau häufig immer neue Behandlungen entgegen – auch dann, wenn Heilung nicht mehr möglich ist und andere Bedürfnisse in den Vordergrund treten. Mitunter gerät dabei der Mensch mit seinen Ängsten, Beziehungen und existenziellen Fragen aus dem Blick. Die eigene Endlichkeit wird aus dem Alltag verdrängt und an Institutionen des Gesundheitswesens delegiert.
Ein geschützter Raum für Schwäche und Würde
Genau hier setzt Hospiz und Palliative Care an. Sie steht für einen offenen und menschlichen Umgang mit Endlichkeit, Abhängigkeit und Verletzlichkeit – sowohl in der Gesellschaft als auch im Gesundheits- und Sozialwesen.
Palliativstationen, stationäre Hospize sowie mobile Palliativ- und Hospizteams schaffen geschützte Räume, in denen das lebenslange Gebot der Anpassung außer Kraft treten darf. „Die Botschaft an schwer kranke Menschen lautet: Sie müssen nicht mehr stark sein. Sie müssen nicht mehr funktionieren. Sie dürfen ihren Tagen mehr Leben geben“, so Petra Kozisnik.
Professionelle und ehrenamtliche Begleiterinnen und Begleiter geben Ängsten, Trauer und ungelösten Lebensfragen Raum. Dadurch kann sich die enge Verbindung von Selbstwert und Leistungsfähigkeit lösen. Betroffene erfahren, dass sie auch in Hilflosigkeit und Abhängigkeit angenommen bleiben. An die Stelle des jahrzehntelangen Schweigens kann eine ehrliche Auseinandersetzung treten – mit dem eigenen Leben, mit Beziehungen und mit dem bevorstehenden Abschied.
Innere Reife statt bloßer Fassade
Die Reife einer Gesellschaft bemisst sich nicht allein an Parade-Leistungen, oder der Festbeflaggung am Nationalfeiertag. Sie zeigt sich darin, wie ehrlich und würdevoll sie mit Verletzlichkeit, Abhängigkeit und Sterben umgeht.
Hospiz- und Palliativkultur kann eine tödliche Erkrankung nicht heilen. Sie kann aber dazu beitragen, Menschen vom Druck des „Funktionerenmüssens“ zu entlasten. Sie ermöglicht Nähe, Selbstbestimmung und Lebensqualität bis zuletzt und schafft die Voraussetzungen dafür in Würde Abschied zu nehmen.
Vier Jahrzehnte nach seinem Erscheinen hat „Die österreichische Seele“ von Erwin Ringel nichts von ihrer Anregungskraft verloren. Gerade zum Nationalfeiertag lohnt sich die erneute Lektüre: nicht als rückwärtsgewandte Diagnose, sondern als Einladung, gesellschaftliche Prägungen zu erkennen und über unser Verhältnis zu Schwäche, Abhängigkeit und Endlichkeit neu nachzudenken. „Äußere Unabhängigkeit ist ein hohes Gut. Innere Freiheit zeigt sich dort, wo Menschen nicht mehr funktionieren müssen, um ihren Wert und ihre Würde zu behalten“, resümiert Petra Kozisnik.
Über den Landesverband Hospiz NÖ
Der Landesverband Hospiz NÖ wurde 2001 als gemeinnütziger Verein mit Sitz in Mödling gegründet. Als Dachorganisation ist der Landesverband Hospiz NÖ mit allen Hospiz- und Palliative Care Angeboten und Initiativen in Niederösterreich eng verbunden und fungiert als Botschafter für einen guten und würdevollen Umgang mit dem Leben und dem Sterben. Kernkompetenzen sind die kontinuierliche Qualitätsentwicklung in der niederösterreichischen Hospiz- und Palliativversorgung sowie die Sensibilisierung der Öffentlichkeit und Gesundheitsversorgung für Hospiz und Palliative Care.
Wesentlich ist es, sicherzustellen, dass alle Menschen – unabhängig von sozioökonomischem Hintergrund – Zugang zu qualitativ hochwertiger Hospiz- und Palliative Care bekommen.
Sterben betrifft uns alle. Sprechen wir darüber. Weitere Informationen: www.hospiz-noe.at
Bei weiteren Fragen, stehe ich Ihnen jederzeit sehr gerne zur Verfügung!
Beste Grrüße
Eva Nahrgang
Rückfragen & Kontakt
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Mag. Eva Nahrgang
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E-Mail: [email protected]
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