- 21.01.2026, 13:33:19
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ASCII-Studie: Hohe US-Abhängigkeit macht Österreichs medizinische Versorgung verwundbar
ASCII-Studie: Hohe US-Abhängigkeit macht Österreichs medizinische Versorgung verwundbar Hohe US-Abhängigkeit: Österreich ist bei zentralen Vorprodukten für Arzneimittel am stärksten von US-Importen abhängig. Weniger kritisch trotz hoher Importmengen: Rohstoffe wie Kohle, Roheisen und Industriegüter wie Halbleiteranlagen, Passagierflugzeuge, PKWs und E-Fahrzeuge. Starker Anstieg in der EU: Handelsabhängigkeiten haben in den vergangenen 15 Jahren deutlich zugenommen - am stärksten gegenüber China, gefolgt von den USA. Österreich und USA: Wechselseitige Abhängigkeiten bei kritischen Hightech-Produkten prägen die transatlantischen Handelsbeziehungen. Strategien zur Reduzierung von kritischen Abhängigkeiten: Absichern kritischer Bereiche, Innovation und Erhöhung der Transparenz in Lieferketten.
Wien, am 21.1.2026 – Die neue US-Sicherheitsstrategie stuft Handelsabhängigkeiten erstmals ausdrücklich als nationales Sicherheitsrisiko ein und verschärft zusätzlich zu den jüngsten Zollvereinbarungen den Druck auf die EU. Eine aktuelle Studie des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) liefert erstmals ein ganzheitliches Bild davon, in welchen Bereichen die größten Abhängigkeiten von US-Importen für Österreich und die EU bestehen. Mittels eines eigens entwickelten Indikatorensystems bewertet die Studie Abhängigkeiten in rund 6.000 Produktkategorien basierend auf den letztverfügbaren bilateralen Handelsdaten für die Jahre 2022 und 2023. Die Studie umfasst auch indirekte Abhängigkeiten, die in anderen Analysen häufig übersehen werden.
„Das derzeit volatile Umfeld aus Zöllen, geopolitischen Spannungen und technologischem Umbruch trifft auf zunehmende strategische Abhängigkeiten der EU – ein toxischer Cocktail, auch für österreichische Unternehmen“, warnt Peter Klimek, Studienautor und Direktor des ASCII. „Am größten ist die Verwundbarkeit dort, wo einzelne US-Lieferanten und Knowhow nur schwer ersetzbar sind – insbesondere bei biomedizinischen Produkten und ausgewählten strategischen Hightech-Komponenten. Ohne eine Reduktion der bestehenden Abhängigkeiten wird jede Störung zum Risiko für die Versorgungssicherheit, und der Wirtschaft droht ein Kollateralschaden.“
Starker Anstieg der Handelsabhängigkeiten der EU gegenüber China und den USA
Die Handelsabhängigkeiten der EU haben seit 2007 deutlich zugenommen – am stärksten gegenüber China, vor allem bei Schlüsselprodukten für die grüne Transformation, gefolgt von den USA, insbesondere bei Dual-Use-Produkten, also Gütern für die zivile und militärische Nutzung wie Halbleiter oder Kommunikationsausrüstungen. Die aktuell größten Handelsabhängigkeiten der EU gegenüber den USA bestehen bei 203 Produktgruppen mit hohem Importvolumen und eingeschränkten Ausweichmöglichkeiten. Dazu zählen (Tier-)Nahrungsmittel wie Sojabohnen und Nüsse, in den USA produzierte Diesel-Plug in-Hybridmodelle sowie Rohstoffe wie Erze und Molybdän-Konzentrate, von denen mehr als die Hälfte der EU-Versorgung aus den USA stammt und die für die Stahl- und Chemieindustrie zentral sind. Erhöhte Abhängigkeiten zeigen sich zudem bei Energieträgern wie Flüssiggas, Kohle und petrochemischen Grundstoffen wie Propan, Butan oder Ethylen, die zentrale Vorprodukte für die chemische Industrie sind.
Österreich und USA: Wechselseitige Abhängigkeiten bei kritischen Hightech-Produkten
Die Handelsbeziehungen zwischen Österreich und den USA zeichnen sich durch eine hohe technologische Spezialisierung aus: Österreich exportiert hochinnovative Investitionsgüter – etwa Präzisionsmaschinen und Halbleiter-Technologien, auf die die US-Industrie teilweise angewiesen ist –, während die heimische Wirtschaft bei pharmazeutischen Wirkstoffen, Spezialchemikalien und ausgewählten Hightech-Komponenten stark von US-Importen abhängt.
„Beide Länder sind auf hochspezialisierte Schlüsselprodukte des jeweils anderen angewiesen. Genau diese enge technologische Verzahnung schafft Verwundbarkeiten – besonders dort, wo Alternativen fehlen und Produktionsumstellungen Jahre dauern“, erklärt Klaus Friesenbichler, Studienautor und Vizedirektor des ASCII.
Österreichs größte Abhängigkeiten bestehen bei medizinischen Produkten
Die größten kritischen Abhängigkeiten für Österreich bestehen bei biomedizinischen Produkten für die Arzneimittelherstellung wie etwa Impfstoffen, Antiseren und Blutprodukten (Importwert: 1,8 Mrd. USD, davon rund die Hälfte aus den USA) sowie bei ausgewählten Spezialhormonen und biotechnologischen Wirkstoffen (580 Mio. USD), die häufig zur Behandlung von Krankheiten wie Asthma oder in Hormonpräparaten und Mitteln zur Fruchtbarkeitsunterstützung eingesetzt werden. Beide Produktgruppen weisen das größte Importvolumen (2,38 Mrd. USD) in Österreich auf und sind für die Medizin unverzichtbar. Diese Abhängigkeiten erhöhen das Engpassrisiko, einerseits durch das hohe Importvolumen, andererseits dadurch, dass viele dieser biomedizinischen Schlüsselprodukte weltweit nur von wenigen US-Herstellern produziert werden, die das entsprechende Knowhow haben. Zwar gibt es teils EU-Alternativen, aber die Ausweichmöglichkeiten sind gering und die Zulassungen komplex – ein Wechsel dauert oft mehrere Jahre.
„Die größten Abhängigkeiten bestehen bei medizinischen Vorprodukten für die Arzneimittelherstellung. Hier treffen hoher Bedarf, komplexe Produktionsprozesse, indirekte US-Abhängigkeiten und eine geringe Zahl internationaler Anbieter aufeinander. Die dadurch entstehenden Risiken für Versorgungssicherheit und Gesundheitswesen machen Österreich besonders verwundbar“, erklärt Peter Klimek, Direktor des ASCII.
Hohe Importabhängigkeit, aber weniger Risiko bei Rohstoffen und Hightech
Weniger kritisch, aber mengenmäßig sehr bedeutend, sind Rohstoffe wie Anthrazit-Kohle (290 Mio. USD) und Roheisen für die Stahlproduktion (112 Mio. USD). Sie zählen zu den am zweithäufigsten importierten Produktgruppen in Österreich. Diese Güter sind jedoch global breiter verfügbar, leichter ersetzbar und können im Ernstfall durch Lagerhaltung besser abgesichert werden. Bei weiteren Produktgruppen ist Österreich zwar mengenmäßig stark von US-Importen abhängig, jedoch weniger verwundbar: Dazu zählen spezialisierte Industriegüter wie Maschinen zur Herstellung von Halbleitern (208 Mio. USD), Passagierflugzeuge (115 Mio. USD) sowie PKWs und Elektrofahrzeuge (270 Mio. USD). Diese Importe sind für heimische Schlüsselindustrien sehr relevant, gelten aber als weniger riskant, da europäische und asiatische Alternativen vorhanden sind, die aufgrund global diverser Anbieterstrukturen kein akutes Risiko darstellen – etwa Airbus anstelle von Boeing oder japanische und niederländische Hersteller bei Halbleiteranlagen.
Strategien zur Reduzierung von kritischen Abhängigkeiten
Österreich kann die größten Abhängigkeiten durch einen kombinierten Ansatz verringern. Dieser muss für jede Produktgruppe maßgeschneidert werden. Konkret empfehlen die Forschenden die Diversifizierung von zentralen Lieferquellen sowie den Aufbau europäischer Produktionskapazitäten etwa bei medizinischen Wirkstoffen und Hightech-Komponenten. Des Weiteren sollte stärker auf technologische Alternativen gesetzt werden, um den Importbedarf zu senken. Ergänzend braucht es strategische Reserven für schwer ersetzbare Rohstoffe, um Engpässe abzufedern. Besonders schwierig bleibt die Reduktion der Abhängigkeiten in der Halbleiter- und Elektronikindustrie: Hier sind globale Anbieterstrukturen extrem konzentriert, sodass langfristige, europäisch koordinierte Strategien notwendig sind.
„Wir brauchen ein gezieltes Derisking – also das Absichern kritischer Bereiche, ohne die wirtschaftlichen Beziehungen zu den USA zu kappen. Dafür ist mehr Transparenz entlang der Lieferketten entscheidend, denn viele Risiken entstehen dort, wo man sie nicht sieht. Nur mit belastbaren Daten und vorausschauenden Strategien können Österreich und die EU ihre strukturellen Abhängigkeiten wirksam reduzieren“, schließt Markus Gerschberger, Studienautor und Vizedirektor des ASCII.
Über die Studie
Die Studie „Transatlantische Handelsabhängigkeiten zwischen Österreich, der EU und den USA: Eine Skizze von Handlungsoptionen“ analysiert mithilfe eines eigens entwickelten Indikatorensystems rund 6.000 Produktkategorien und bewertet deren kritische Abhängigkeiten von den USA. Grundlage dafür sind die letztverfügbaren bilateralen Handelsdaten aus der BACI-Datenbank für die Jahre 2022 und 2023. Link zur Studie: Handelsabhängigkeiten Österreich und USA
Über das Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII)
Das Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) ist ein unabhängiges, weltweit führendes Lieferketteninstitut für interdisziplinäre, datengetriebene Analysen globaler Produktions- und Logistiknetzwerke – mit dem Ziel, resiliente, nachhaltige und zukunftsfähige Lieferketten zu gestalten. Das Institut wurde als Forschungs-Joint Venture vom Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) gemeinsam mit dem Complexity Science Hub (CSH), dem Logistikum der Fachhochschule Oberösterreich und dem Verein Netzwerk Logistik (VNL) gegründet. www.ascii.ac.at
Kontakt für Rückfragen:
Wissenschaft: Peter Klimek, Direktor des ASCII, [email protected], +43 680 11 02 447
Pressesprecherin: Ines Matzelle, [email protected], +43 664 25 41 320
Rückfragen & Kontakt
Presse | Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII)
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Telefon: +43 664 25 41 320
Metternichgasse 8, 1030 Wien
www.ascii.ac.at ;
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