Veröffentlichung brutaler Bilder von Bürgerkrieg in Kongo schwerwiegender Ethikverstoß

Wien (OTS) - Der Senat 3 des Presserats beanstandet die Veröffentlichung von 14 brutalen Bildern von Kriegsopfern im Kongo, erschienen in der August/September-Ausgabe 2016 der Straßenzeitschrift „We The People“. Auf den Fotos sind getötete und verstümmelte Menschen zu sehen, zum Teil blutüberströmt und mit klaffenden Hieb- und Stichverletzungen, manche der Opfer sind Kinder. Die Fotos sind mehreren Artikeln beigefügt, in denen es in erster Linie um die Schwierigkeiten eines Asylwerbers aus dem kongolesischen Kriegsgebiet in Österreich geht. Die Hintergründe des Krieges werden nicht genauer beleuchtet.

Ein Leser kritisierte die Veröffentlichung der brutalen Bilder als ethisch bedenklich.Der Medieninhaber von „We the People“ hält in seiner Stellungnahme fest, dass das auf dem Titelbild gezeigte weinende Kind neben einer Leiche die Weltöffentlichkeit anklage. Im Mittelpunkt der Bildberichterstattung stehe die Klage der Opfer gegenüber denjenigen, die Gewalt ausüben.Inhaltlich gehe es in der kritisierten Ausgabe nicht in erster Linie um den Krieg im Kongo, sondern um die Situation eines kongolesischen Asylwerbers in Österreich sowie „dessen subjektive Traumen und das Grauen, welches seine Flucht und den seelischen Schmerz verursachten.“ Der Presserat müsste sich seine Unkenntnis über den Krieg selbst zum Vorwurf machen und nicht die Redaktion anklagen. Der Medieninhaber bringt darüber hinaus vor, dass im Magazin „We The People“ bereits seit mehreren Jahren über den Konflikt im Kongo berichtet werde.

Aus medienethischer Sicht spricht laut Senat nichts dagegen, im Rahmen der Berichterstattung auf die schreckliche Kriegssituation im Herkunftsland eines Asylwerbers einzugehen. Nach Meinung des Senats rechtfertigt dieser Konnex es jedoch nicht, äußerst drastische Bilder aus dem Kriegsgebiet zu veröffentlichen, auf denen viele der Opfer – manche davon Kinder – deutlich zu erkennen sind. Der Senat empfindet die Veröffentlichung der Bilder als ethisch nicht vertretbar: Auf den Bildern werden Leichen und schwer verletzte Kriegsopfer, denen großteils auf brutalste Weise schwerste oder tödliche, die Opfer entstellende Verletzungen zugefügt wurden, unverpixelt, teils im Großformat und mit Fokus auf die entstellten Körperteile in den Vordergrund gerückt. Außerdem werden auch Kleinkinder, deren Schutz besonders weit reicht, unverpixelt gezeigt (siehe die Punkte 6.2 und 6.5 des Ehrenkodex für die österreichische Presse). Dadurch werden die Persönlichkeits- und Intimsphäre sowie die Menschenwürde der Abgebildeten postmortal verletzt (siehe die Punkte 5 (Persönlichkeitsschutz) und 6 (Intimsphäre) des Ehrenkodex für die österreichische Presse).

Zudem kritisiert der Senat, dass sich die Autoren in den Artikeln nicht gründlich mit den Bildern auseinandersetzen und den Lesern nicht die Hintergründe des Konflikts erklären. Dass der Konflikt in früheren Ausgaben von „We the People“ erwähnt und aufbereitet worden sei, hält der Senat nicht für ausreichend. Nicht alle Leser kennen die Artikel der früheren Ausgaben; andere erinnern sich nicht daran. Die Leser stoßen unvorbereitet auf das drastische Bildmaterial und werden über den Krieg im Kongo nicht genauer informiert.

Die Veröffentlichung der schockierenden Bilder könnte allenfalls dazu geeignet sein, die Sensationsinteressen und den Voyeurismus mancher Leser zu befriedigen, auch wenn der Senat davon überzeugt ist, dass dies gerade nicht die Intention der Redaktion war. Der Umstand, dass Bilder über Gräueltaten aus einem Kriegsgebiet die Öffentlichkeit wach- und aufrütteln können, tritt im vorliegenden Fall gegenüber dem Schutz der Menschenwürde der Abgebildeten zurück

Der Senat erkennt in der Veröffentlichung der drastischen Bilder einen schwerwiegenden Verstoß gegen den Ehrenkodex und fordert den Medieninhaber auf, diese Entscheidung freiwillig in dem betroffenen Medium zu veröffentlichen. 

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND EINER MITTEILUNG EINES LESERS

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.

Im vorliegenden Fall führte der Senat 3 des Presserats aufgrund einer Mitteilung eines Lesers ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob eine Veröffentlichung den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Der Medieninhaber des Magazins „We The People“ hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, Gebrauch gemacht.

Der Medieninhaber des Magazins „We The People“ hat sich der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats bisher nicht unterworfen.

Rückfragen & Kontakt:

Alexander Warzilek, GF, Tel.: 01 - 23 699 84 - 01

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | OPR0001