Die Veröffentlichung von sensiblen Gesundheitsdaten verstößt gegen Ehrenkodex

Wien (OTS) - Der Artikel „Gift-Mörder [64] ist depressiv“, erschienen in der „Kronen Zeitung“ vom 02.11.2016, verstößt nach Meinung des Senats 2 des Presserats gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse. In dem Artikel beschäftigt sich die Autorin mit einem namentlich genannten und auch auf einem Foto gezeigten Mann, der bereits vor mehreren Jahren zu einer lebenslangen Haftstrafe wegen versuchten Mordes verurteilt worden war. Im Jahr 2008 hatte der Betroffene versucht, jemanden durch vergiftete Pralinen zu ermorden. Das Opfer überlebte und liegt – wie im Artikel auch angemerkt – seitdem im Wachkoma. Zudem wird berichtet, dass der Betroffene aufgrund medizinischer Probleme auf die Krankenstation einer anderen Justizanstalt verlegt worden sei; die Probleme werden näher beschrieben („depressiv“, „suizidgefährdet“).

Ein Leser kritisierte, dass der Betroffene in dem Artikel als „Gift-Mörder“ bezeichnet werde, obwohl das Opfer noch am Leben sei und der Täter lediglich wegen versuchten Mordes verurteilt worden wäre. Aus eigener Wahrnehmung prüfte der Senat die Veröffentlichung von Informationen über den Gesundheitszustand des Täters.

Nach Meinung des Senats war die Bezeichnung „Mörder“ zwar nicht ganz korrekt, weil das Opfer noch lebt und der Täter wegen versuchten Mordes verurteilt ist. Das Opfer liegt seither im Wachkoma und kann nicht mehr am Leben teilnehmen. In Anbetracht dessen war die (etwas zugespitzte) Bezeichnung als „Gift-Mörder“ nach Meinung des Senats jedoch vertretbar und daher kein Ethikverstoß. Zudem wurde im Artikel ohnehin darüber aufgeklärt, dass das Opfer nicht verstarb.

Anders hingegen bewertete der Senat die Preisgabe von Gesundheitsdaten des Täters. Der Senat ging nicht davon aus, dass der Täter, der im Artikel mit vollem Namen genannt wird, sein Einverständnis für die Offenlegung seiner Gesundheitsdaten und seiner psychischen Erkrankung gegeben hatte. Aus dem Artikel geht lediglich hervor, dass die Informationen darüber aus dem Krankenakt des Täters stammen. Nach Auffassung des Senats war die Veröffentlichung der Gesundheitsdaten auch nicht von legitimen Informationsinteressen gedeckt. Der Senat stufte den Artikel daher als Persönlichkeitsverletzung ein und stellte einen Verstoß gegen Punkt 5 des Ehrenkodex (Persönlichkeitsschutz) fest.

Zudem forderte der Senat die Medieninhaberin auf, die Entscheidung freiwillig in der „Kronen  Zeitung“ zu veröffentlichen.


SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND EINER MITTEILUNG EINES LESERS bzw. AUS EIGENER WAHRNEHMUNG

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.

Im vorliegenden Fall führt der Senat 2 des Presserats aufgrund einer Mitteilung eines Lesers bzw. auf eigene Initiative ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung und aus eigener Wahrnehmung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob eine Veröffentlichung den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberin der „Kronen Zeitung“ hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, keinen Gebrauch gemacht.

Die Medieninhaberin der „Kronen Zeitung“ hat sich der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats bisher nicht unterworfen.

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Andreas Koller, Sprecher des Senats 2, Tel.: 01-53153-830

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