- 05.06.2016, 22:00:16
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Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 6. Juni 2016; Leitartikel von Peter Nindler: "Ein Milchdialog ist zu wenig "
Innsbruck (OTS) - Das Selbstverständnis der Funktionäre im
VP-Bauernbund und in der Landwirtschaftskammer zielt nach wie vor auf
das Bewahren von Strukturen ab, die längst bröckeln. Deshalb reicht
es nur für einen Milch- und für keinen Zukunftsdialog.
Es ist Zeit, eine Zukunftsdiskussion zu führen, keinen
Milchdialog; über Leistungen der Landwirtschaft und die Abgeltungen
für die Bauern. Emotionslos. Angesichts der vom Land Tirol gewährten
Zinsstützungen von 770.000 Euro als Überbrückungshilfe wegen
niedriger Milchpreise diskutieren erstmals auch die Bauern
untereinander. Denn nicht wenige halten diese Vorgangsweise für
falsch, weil sie vor allem Landwirte unterstützt, die
mitverantwortlich für den Milchsee und überbordende
Leistungssteigerungen in vielen Agrarbereichen sind. Der
ÖVP-Bauernbund rechtfertigt die Hilfestellung vom Land sogar als
notwendigen Sozialtransfer, um damit in Tirol weiter eine
flächendeckende Land- und Almwirtschaft zu sichern.
Die Zielformulierung steht außer Streit, doch der Weg dorthin muss
definiert werden. Bauernbund und -kammer sind noch zu sehr im
Besitzstandsdenken verhaftet, es wird verteidigt und schöngeredet,
während sich rechts und links die Welt verändert.
Agrargemeinschaftsdebatte, Probleme mit den Almfutterflächen,
sinkende Erzeugerpreise oder Bodenpolitik – für den Bauernbund waren
und sind immer die anderen schuld. Gleichzeitig wurden Jahre
verschlafen, die Bioproduktion ging dramatisch zurück, erst zuletzt
hat sie wieder zugelegt. Weil der Feinkostladen doch bessere Preise
ermöglicht. Tirol leistet sich ein Agrarmarketing – doch wo ist es in
der Milchkrise?
Es fehlt schlichtweg die Strategie. Viele Bauern investierten, um
über die Menge ein größeres Ertragsvolumen zu erzielen. Doch der
Aufwand für Kraftfutter etc. frisst ihnen nicht erst seit der
Milchkrise die Mehreinnahmen auf. Und wochenlang wird mit dem seit
Jahren bekannten Bauernbund-Muskelspiel über Freizeitwohnsitze auf
Bauernhöfen diskutiert, als ginge es ums Überleben der Bauern, obwohl
längst das Milchgeld am Selbstwertgefühl der Landwirte rüttelt.
Mit rund 120 Millionen öffentlichen Förderungen werden die
Leistungen der Tiroler Bauern auch für die Kulturlandschaft jährlich
abgegolten. Das ist mehr als gerechtfertigt. Ein finanzieller Anreiz,
um weniger Milch zu liefern, wäre jedoch der falsche Ansatz,
zukunftsfit zu werden. Vielmehr benötigt es Unterstützung für
Innovationen, neue Produktpaletten und regionale Kooperationen. Und
Förderungen sollte die öffentliche Hand damit verknüpfen, dass wie
bei der Milch nicht zu viel geliefert wird. Dass Bauern zuerst
subventioniert werden, dann zu viel Milch produzieren und letztlich
Zinsstützungen als „Sozialtransfer“ erhalten, weil die Preise im
Keller sind – dafür hat niemand mehr Verständnis.
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