• 16.05.2016, 22:00:01
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 17. Mai 2016 von Peter Nindler "Ein Kern ist zu wenig"

Innsbruck (OTS) - Die Partei ist marod, die rot-schwarze
Bundesregierung seit Jahren handlungsunfähig: Eigentlich ist
Christian Kern zu bewundern, dass er sich das antut. Vor allem in
seiner SPÖ sind die vielen jungen Kerns vor ihm nicht alt geworden.

Christian, geh du voran. Die überschwänglichen Vorschusslorbeeren
der Genossen für ihren designierten Parteivorsitzenden und
Bundeskanzler sind fast schon peinlich, weil die meisten
Sozialdemokraten Christian Kern eigentlich nur vom Hörensagen kennen.
Die Situation in der Sozialdemokratie nimmt deshalb schon
schicksalhafte Züge an, offenbar ist der bisherige ÖBB-Chef die
letzte Hoffnung für die Mitglieder. Dass es dann noch einer von außen
richten muss, trifft die Partei und ihre Strukturen allerdings wie
ein Keulenschlag. Die Wahrheit ist allerdings noch desaströser: Die
SPÖ würde nämlich Tausende Kerns benötigen, um endlich aus den
muffigen und überholten Funktionärs-Schablonen herauszukommen.
In den meisten Ländern sind die Sozialdemokraten bereits in ein
politisches Siechtum verfallen, weil die Funktionärsklüngel nach wie
vor ihre eigenen Posten verteidigen und die jungen „Kerns“ abstrafen.
Innsbruck ist ein klassisches Beispiel dafür. Der ehemalige Stadtrat
und Hoffnungsträger Walter Peer wurde so lange von der
sozialdemokratischen Nomenklatura gepiesackt, bis er von sich aus das
Handtuch geworfen hat. Wer sich nicht mit den altgedienten
Funktionären versteinert, wird in der Partei nicht alt. Doch nicht
nur die Innsbrucker SPÖ geht am Stock, auch die Landespartei hatscht
daher – wie auch die SPÖ in Vorarlberg, in Salzburg, in
Oberösterreich oder in der Steiermark.
In den vergangenen Tagen wurde viel über Strategien, Reformen oder
das Verhältnis der SPÖ zur Freiheitlichen Partei geredet, letztlich
geht es jedoch immer um Personen. Denn das Lagerdenken ist längst
vorbei, gefragt sind heute Persönlichkeiten, die glaubwürdig und
kompetent in Sachfragen auftreten, aber gleichzeitig vermitteln, dass
sie etwas für und mit den Bürgern bewegen wollen. „Davon profitiert
dann automatisch die Partei“, meinte die Lienzer SPÖ-Bürgermeisterin
Elisabeth Blanik nach der erfolgreichen Gemeinderatswahl.
Will Christian Kern nicht nur ein Intermezzo in der politischen
Geschichte Österreichs bleiben, so muss er als Bundeskanzler nicht
nur den Stillstand in der Bundesregierung beenden, sondern als
SPÖ-Vorsitzender seine Partei personell erneuern – radikal und rasch;
in allen Ländern, auf allen Ebenen und in allen Institutionen.
Deshalb entspricht das „Christian, geh du voran“ vielmehr einem
Himmelfahrtskommando mit einer ungewissen Zukunft.

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