Presserat: Kommentar von Christoph Biró verstößt gegen Ehrenkodex

176 Personen wandten sich an den Presserat

Wien (OTS) - Der Senat 1 des Presserats beschäftigte sich mit dem Kommentar „Die Stimmung ist ja längst gekippt“ von Christoph Biró, erschienen in der Steiermark-Ausgabe der „Kronen Zeitung“ vom 25. Oktober 2015. Nach Meinung des Senats verstößt dieser Kommentar gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse.

In dem Kommentar, dessentwegen sich 176 Personen an den Presserat gewandt haben, geht es um die gegenwärtige Flüchtlingssituation. Die Stimmung sei längst gekippt, und die Zeit, als die Flüchtlingsströme mit Applaus empfangen wurden, vorbei, da zu viel passiert sei. Sodann heißt es wörtlich: „Wir erfahren von jungen, testosteron-gesteuerten Syrern, die sich äußerst aggressive sexuelle Übergriffe leisten, um es harmlos auszudrücken. Da schlitzen Afghanen in den ÖBB-Waggons die Sitze auf und verrichten nicht nur ihre Notdurft. ‚Da sitzen wir nicht!‘, sagen sie, da sind ja Christen draufgesessen!‘ In den Notquartieren verwenden sie die sanitären Einrichtungen nicht, sondern erledigen ihr Geschäft just daneben und fordern weibliche Hilfskräfte dann auf: Mach’s weg, dazu bist du ja da… Horden stürmen die Supermärkte, reißen die Packungen auf, nehmen sich, was sie wollen, und verschwinden dann wieder.“

Das Verfahren hat ergeben, dass die in dem Kommentar geschilderten Vorfälle auf keinerlei Recherche beruhen. Darüber hinaus hat sich die „Kronen Zeitung“ öffentlich distanziert: Der inkriminierte Kommentar ist als „überspitzt“ und die Tatsachenfeststellungen und Schlussfolgerungen als „nicht restlos überprüfbar“ bezeichnet worden.

Nach Meinung des Senates liegt es auch auf der Hand, dass durch diesen Kommentar Flüchtlinge diskriminiert werden.
Eine in der „Kronen Zeitung“ selbst veröffentlichte Distanzierung oder Entschuldigung ihren Lesern gegenüber ist nicht erfolgt.
Die unrichtigen Tatsachenbehauptungen des Kommentars verstoßen gegen die Punkte 2 (Genauigkeit) und 7 (Schutz vor Pauschalverunglimpfungen und Diskriminierung) des Ehrenkodex.
Der Senat fordert die Medieninhaberin der „Kronen Zeitung“ auf, die vorliegende Entscheidung freiwillig zu veröffentlichen.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND VON MITTEILUNGEN VON LESERINNEN UND LESERN
Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der beiden Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.
Im vorliegenden Fall hat der Senat 1 des Presserats aufgrund von Mitteilungen von Leserinnen und Lesern ein Verfahren durchgeführt (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberin der „Kronen Zeitung“ hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, keinen Gebrauch gemacht.
Bisher hat sich die Medieninhaberin der „Kronen Zeitung“ der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats nicht unterworfen.

Rückfragen & Kontakt:

Tessa Prager, Sprecherin des Senats 1, Tel.: 01/21312-1169

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