- 21.07.2015, 22:00:01
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TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 22.07.2015, Leitartikel von Peter Nindler: "Auch die Kirche steht in der Pflicht"
Innsbruck (OTS) - Katholische Kirche und Caritas haben in der
Asylfrage eine besondere Verantwortung. Sosehr sie mit Recht eine
menschenwürdige Flüchtlingspolitik einmahnen und zu Recht das
Aufstellen von Zelten als denkbar schlechteste Lösung für die
Unterbringung von Asylwerbern kritisieren (Caritas-Präsident Michael
Landau) - ihre eigene Erwartungshaltung und ihr Engagement liegen
vielfach hinter den Realitäten zurück.
Vor knapp einem Jahr haben Innsbrucks Diözesanbischof Manfred
Scheuer und Caritas-Direktor Georg Schärmer in einem Brief an Pfarren
und Ordensgemeinschaften um eine "beherzte Prüfung" gebeten, ob in
ihrem Bereich Wohneinheiten für Flüchtlinge geschaffen werden
könnten. Im Frühjahr hat der Bischof dann selbstkritisch gemeint,
wenn er sich das Ergebnis zahlenmäßig anschaue, könnten es mehr
Quartiere sein. 320 Plätze sind es bislang. Jede einzelne Unterkunft
ist wichtig, weil sie schlichtweg benötigt wird. Doch insgesamt sind
die Quartiere in den Pfarrhäusern überschaubar. Hier hätte man sich
einen noch größeren Akt der Solidarität erwarten dürfen, ein
Über-den-Schatten-Springen und ein beherztes Bewältigen von
bürokratischen und baulichen Hindernissen.
Aber nicht nur der Klerus ist gefordert, sondern auch die
Pfarrgemeinderäte, die vielfach eine gemeinsame Kraftanstrengung
vermissen lassen. Schon längst hätte der bischöfliche Aufruf in eine
breit angelegte Initiative münden müssen.
Die Situation in der Nachbardiözese Salzburg im Tiroler Unterland
steht deshalb stellvertretend für die unbefriedigende Quartiersuche.
In keinem einzigen Pfarrhof im Bezirk Kitzbühel werden derzeit
Flüchtlinge untergebracht, obwohl die Bürgermeister durchaus
Möglichkeiten sehen. Und wenn die Kirche schon Eigenbedarf anmeldet,
diesen aber seit Monaten nicht realisiert bzw. nützt, dann stellt
sich schon die Frage, wie das mit dem herrschenden Asylnotstand zu
vereinbaren ist. Vielmehr erklärt die Kirche selbst, wie Letzterer
generell möglich ist.
Die Glaubwürdigkeit der Kirche eröffnet sich nicht nur in Worten,
sondern vor allem in Taten. Hier hat sie zweifellos humanitären
Nachholbedarf. Warum? Weil es angesichts der nicht enden wollenden
Flüchtlingsströme Motoren in der Gesellschaft benötigt, die
Asylquartiere bereitstellen und gleichzeitig Bewusstsein schaffen.
Die Kirche ist trotz vieler Sinnkrisen nach wie vor eine wichtige
Instanz. Dieser Aufgabe müsste sie in der Flüchtlingsfrage noch
stärker als bisher nachkommen.
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