• 17.02.2015, 19:59:27
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Bures: Aus Geschichte des Reichsrats Lehren für die Politik ziehen

Helden und Hochverräter des Parlaments der Monarchie im Zentrum einer Veranstaltung im Hohen Haus

Utl.: Helden und Hochverräter des Parlaments der Monarchie im
Zentrum einer Veranstaltung im Hohen Haus =

Wien (PK) - Der Reichsrat der Donaumonarchie bietet ein Kaleidoskop
Mitteleuropas von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis weit über das
Ende der alten Welt nach dem Ersten Weltkrieg hinaus. Gerade in
seinen Mitgliedern spiegelt sich die wechselvolle Geschichte des
Habsburgerreiches und des mitteleuropäischen Raums - von Bregenz bis
Brody, von Broumov bis Triest und Kotor. Aus Hochverrätern wurden
Minister, aus Helden wieder Hochverräter, und dazwischen finden sich
Papierdiebe, Millionäre, Bankrotteure, Heilige und Betrüger. Eine
Veranstaltung, zu der Nationalratspräsidentin Doris Bures gemeinsam
mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in den
Historischen Sitzungssaal des Hohen Hauses einlud, war heute den
beinahe 3.500 Mitgliedern des Reichsrats aus der Zeit von 1848 bis
1918 gewidmet und beleuchtete dabei vor allem das berufliche,
gesellschaftliche und politische Leben der Parlamentarier während und
nach ihrer Mitgliedschaft im Hohen Haus.

Bures erinnert an Mark Twains Wiener Parlamentsreportagen

Nationalratspräsidentin Doris Bures erinnerte an den US-
amerikanischen Schriftsteller Mark Twain, der zwischen 1897 und 1899
bei seinem Aufenthalt in Wien als interessierter Beobachter des
politischen Geschehens auch einige turbulente Sitzungen des
Reichsrats von der Galerie aus miterlebte. Der exzessive
Obstruktionismus, von dem er in seinen Reportagen wortreich
berichtete, mache anschaulich, in welch ein Chaos ein
unterentwickelter Parlamentarismus und politische Unkultur führen
können, meinte sie. Die Erfahrungen aus dem Reichsrat der Monarchie
seien jedenfalls wichtig für den heutigen Diskurs über die
demokratische Kultur.

Adlgasser berichtet von wechselvollen Parlamentarierschicksalen

Aus der Geschichte des Reichsrats können wir Anregungen finden, die
uns bei der Lösung von Problemen des heutigen Parlamentarismus, so
etwa hinsichtlich der Notwendigkeit von Kompromissen, helfen,
bestätigte auch der Historiker Franz Adlgasser, der vor allem auf die
oft erstaunlichen Karrieren der Reichsratsmitglieder aufmerksam
machte. So saßen im Abgeordnetenhaus von 1848 sechs Parlamentarier,
die wenige Jahre zuvor noch zum Tode verurteilt wurden, vier
Abgeordneten aus 1848 wiederum wurden nach ihrer Flucht in
Abwesenheit zum Tode verurteilt. Im Verlauf des Ersten Weltkriegs
schließlich wurden fünf Abgeordnete zum Tode verurteilt, einer,
Cesare Battisti, wurde tatsächlich hingerichtet. Prominente
europäische Politiker wie Tomas Masaryk oder Alcide De Gasperi
begannen ihre Laufbahn als altösterreichische Parlamentarier.
Adlgasser erinnerte aber auch an zahlreiche Mitglieder des
Reichsrats, die später Opfer des nationalsozialistischen bzw. des
stalinistischen Terrors wurden.

Der Reichsrat als Modell für Europa ?

Die Frage, ob nun der Reichsrat als Modell für das neue Europa
gesehen werden könne, wurde im Rahmen einer Diskussion aufgeworfen.
Der Botschafter Sloweniens, Andrej Rahten, attestierte dem Parlament
der Monarchie zwar, den Leitgedanken der Gleichberechtigung der
Völker vorangetrieben zu haben, ortete aber große Unterschiede
zwischen Theorie und Praxis. So sei es nicht gelungen, über die
Grenzen der Nationalitäten hinweg politische Parteien zu gründen,
auch habe die deutsche Sprache trotz der prinzipiellen
Gleichbehandlung aller Sprachen de facto eine hegemoniale Rolle
eingenommen. Die Präsidentin der Philosophisch-Historischen Klasse
der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Brigitte Mazohl,
hob ebenfalls die Gleichberechtigung der Nationalitäten hervor und
stellte fest, die Art, wie versucht wurde, mit einer äußerst
komplexen Situation umzugehen, könne durchaus als Modell für Europa
dienen. Die Spielregeln haben trotz des mitunter exzessiven
Obstruktionismus funktioniert, befand der Historiker Robert Luft.

Biographisches Lexikon gibt Auskunft über 3.500 Reichsratsabgeordnete

Anknüpfungspunkt der Veranstaltung war das im Oktober 2014 am
Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichteforschung der
Österreichischen Akademie der Wissenschaften erschienene zweibändige
Werk "Die Mitglieder der österreichischen Zentralparlamente 1848-
1918. Ein biografisches Lexikon". Franz Adlgasser rückt darin anhand
von biographischen und parlamentarischen Grunddaten und Angaben zum
familiären Umfeld diese politische und gesellschaftliche
Führungsgruppe erstmals in den Blick der Öffentlichkeit.

Historischer "Abfall" ermöglicht Einblick in den Alltag der
Abgeordneten

Im Rahmen der Veranstaltung stellte die Parlamentsbibliothek in der
Säulenhalle das Februarpatent aus dem Jahr 1861 aus, das darauf
abzielte, ein gemeinsames Parlament für die Gesamtmonarchie zu
schaffen. Gezeigt wurden zudem auch Fundstücke aus dem Historischen
Sitzungssaal, die bei Umbauarbeiten im Jahr 2013 zu Tage traten. Die
Palette dieses historischen "Abfalls" umfasst Redenotizen, alte
Straßenbahnfahrscheine, Ansichtskarten, Bittgesuche, aber auch eine
Original-Bierflasche aus der Zeit um 1930 samt dazugehörigem
Jausensackerl. (Schluss) hof

HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie im Fotoalbum auf
www.parlament.gv.at.

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