• 26.07.2013, 10:07:00
  • /
  • OTS0034 OTW0034

Von Parlamentsstenographen, Journalisten und anderen Genies

Dem "Stenographendirektor" Josef Fleischner zum 150. Geburtstag

Utl.: Dem "Stenographendirektor" Josef Fleischner zum 150.
Geburtstag =

Wien (PK) - "Es war, trotz vielem, was dagegen spricht, Kakanien
vielleicht doch ein Land für Genies", schreibt Robert Musil in seinem
Roman "Der Mann ohne Eigenschaften". Wir wissen nicht, ob er dabei
auch an den Parlamentsstenographen Josef Fleischner dachte, wollen es
aber nicht ausschließen, schon gar nicht in diesen Tagen, in denen
sich der Geburtstag des bedeutenden "Stenographendirektors", wie sich
Fleischner in seinen Memoiren selbst apostrophierte, zum 150. Mal
jährt. Anlass genug für die ParlamentsstenographInnen des Hohen
Hauses und die RedakteurInnen der "Parlamentskorrespondenz", einer
bemerkenswerten Persönlichkeit aus der Geschichte ihres Berufes zu
gedenken. Josef Isidor Fleischner, geboren am 31. Juli 1863 in eine
jüdische Familie in Brünn, hatte nach der Matura einen "Kurs zur
Heranbildung von Kammerstenographen" im Parlament absolviert und
dabei seine Lebensaufgabe gefunden. Noch keine 18 Jahre alt, bewährte
sich Fleischner im November 1880 erstmals als "Hilfsstenograph" im
Reichstag, entwickelte sich rasch zu einem leistungsfähigen
Parlamentsstenographen sowie brillanten Parlamentsberichterstatter
und avancierte 1899 zum Direktor des "Stenographen-Bureaus", eine
Position, die auch die Schriftleitung der "Reichsrats-Korrespondenz"
umfasste. Diese Besonderheit des österreichischen Parlamentarismus
erwähnt Musil im Kapitel 81 seines Romans, wo er notiert, dass "die
Parlamentsstenographen mit den Zeitungsberichterstattern verwachsen
sind".

Das Lebenswerk eines Beamten

Als Chef der Parlamentsstenographen und Parlamentsredakteure
engagierte sich Fleischner tatkräftig für den stenographischen
Nachwuchs, baute die Ausschussberichterstattung der
"Reichsratskorrespondenz" aus, intensivierte den Kontakt zu den
Zeitungen und sorgte unter anderem auch für eine rasche ungarische
Übersetzung der Berichte über die "Delegationen", die gemeinsamen
Verhandlungen des ungarischen und des österreichischen Parlaments.
Regierungsmitglieder und Ministerpräsidenten suchten regelmäßig Josef
Fleischners Rat in Presseangelegenheiten und selbst Kaiser Franz
Josef I. ließ sich von Josef Fleischner persönlich und ausführlich
über die Entwicklung der Parlamentsstenographie und des
parlamentarischen Pressewesens informieren.

Josef Fleischners Lebenswerk ist erstaunlich: In 43 Dienstjahren von
1880 bis 1923 nahm der Parlamentsstenograph und Redakteur an 3.600
Sitzungen der Kammern des Reichsrates, der Konstituierenden
Nationalversammlung sowie des National- und Bundesrats der Ersten
Republik teil. 180.000 Druckseiten umfassen allein die - im Internet
via Alex zugänglichen - Protokolle dieser Sitzungen, dazu kommen die
Berichte aus den Ausschüssen, deren Zahl jene der Plenarsitzungen um
ein Vielfaches übersteigt, sowie Fleischners stenographische und
journalistische Arbeit in den Landtagen von Niederösterreich,
Kärnten, Mähren und Schlesien, nicht zuletzt beim Aufbau von
"Landeskorrespondenzen".

Besonderes Verdienst erwarb sich Josef Fleischner in seinem rastlosen
Bemühen, den Parlamentsstenographen, die als intellektuelle Taglöhner
zunächst nur stundenweise entlohnt wurden und ohne jede soziale
Absicherung arbeiteten, eine feste Anstellung zu erkämpfen.
Aufgeschlossene Abgeordnete und der Präsident des Abgeordnetenhauses,
Franz Smolka, unterstützten die Übernahme der Parlamentsstenographen
und Redakteure in den Beamtenstand, was vor der Jahrhundertwende
gelang. Knapp vor dem Ersten Weltkrieg erreichte Fleischner dann die
Gleichstellung der durchwegs akademisch gebildeten
Parlamentsstenographen mit den Juristen des Hauses. Voraussetzung
dafür war die Überwindung der Ansicht, Stenographieren sei eine
minder zu bewertende "mechanische" Tätigkeit. Josef Fleischner
brachte die klassische Auffassung Franz Xaver Gabelsbergers zur
Geltung, der die Parlamentsstenographie als eine "Kunst" beschrieb,
deren Ausübung komplexe intellektuelle Fähigkeiten und
überdurchschnittliches politisches, wirtschaftliches, juristisches
und historisches Wissen voraussetzt.

Höchste Anerkennung ...

Im Jahr 1923 verabschiedete Bundespräsident Michael Hainisch Josef
Fleischner persönlich in den Ruhestand und beförderte den bereits
vielfach ausgezeichneten Beamten zum "Sektionschef". Fleischners
Memoiren mit dem Titel "Parlamentsgeschichten. Aus den Erinnerungen
eines Stenographendirektors" (Wien 1925) geben dem Leser - zum Teil
auch vergnügliche - Einblicke in die "Stenographenwerkstätte", in die
Parlamentsberichterstattung sowie in das politisch-parlamentarische
Leben während der letzten Jahrzehnte der Habsburgermonarchie und am
Beginn der Republik Österreich. Als das zentrale politische Thema
dieser Zeit sah der kaiserlich-königliche Beamte Josef Fleischner die
Entwicklung des Wahlrechts an. Fleischner schildert den großen
Demonstrationszug für das allgemeine Wahlrecht am 28. November 1905,
der das Parlamentsgebäude an der Wiener Ringstraße passierte, als
Ministerpräsident Gautsch im Abgeordnetenhaus die Regierungsvorlage
für das allgemeine (Männer-)Wahlrecht einbrachte. Fleischner
dokumentiert auch das hohe Niveau der sich anschließenden Debatte zum
allgemeinen Wahlrecht, das im Jahr 1907 den Durchbruch zur modernen
Massendemokratie in Österreich brachte und einige Jahre später, am
Beginn der Republik, mit dem Frauenwahlrecht komplettiert wurde.

... und ein tragisches Ende

Das Leben des angesehenen Sektionschefs i.R. Josef Isidor Fleischner
endete tragisch. Nach dem "Anschluß" Österreichs an das
nationalsozialistische Deutschland wurde Fleischner, der bereits 1894
aus dem Judentum ausgetreten und in der Folge zum Katholizismus
konvertiert war, "aus rassischen Gründen" verfolgt. Er verlor seine
Wohnung in der Josefstadt, musste den Zunamen "Israel" annehmen und
wurde am 20. August 1942 aus einer der so genannten "Sammelwohnungen"
in der Novaragasse 41/7 in das KZ Theresienstadt deportiert. Dort
starb der Achtzigjährige am 8. Jänner 1943 an den Folgen einer durch
Phlegmone (Gewebsentzündung) verursachten Blutvergiftung.

Im Zuge der Restitutionsbemühungen der Museen der Stadt Wien wurde
festgestellt, dass sich unter den "bedenklichen" Erwerbungen aus der
NS-Zeit auch 12 Fotos und 1 Zeitungsausschnitt der "Sammlung Josef
Isidor Fleischner" befanden. Die Objekte wurden nach erfolgter
Restitution von den Museen der Stadt Wien erworben. (Schluss)
fru/Gra/sox

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | NPA

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel