- 21.06.2013, 13:28:35
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Prammer begrüßt Restitution von Büchern aus der Parlamentsbibliothek
Parlamentsdirektion ließ Herkunft von 15.000 Bänden überprüfen
Utl.: Parlamentsdirektion ließ Herkunft von 15.000 Bänden überprüfen =
Wien (PK) - Der Kunstrückgabebeirat hat heute die Rückgabe von 37
Bänden aus der Parlamentsbibliothek an 20 RechtsnachfolgerInnen von
Personen und Institutionen empfohlen, die von den Nationalsozialisten
verfolgt worden waren. "Den Empfehlungen des Kunstrückgabebeirates
wird selbstverständlich entsprochen. Diese Bücher sind den
rechtmäßigen Besitzerinnen und Besitzern so rasch wie möglich zurück
zu geben", so Nationalratspräsidentin Barbara Prammer.
Parlamentsgebäude wurde als Gauhaus der NSDAP genutzt
Im Auftrag der Parlamentsdirektion führten 2012 externe Experten des
Vereins für wissenschaftliche und kulturelle Dienstleistungen unter
der Leitung von Harald Wendelin umfassende Recherchen zur Provenienz
der Bücher in der Parlamentsbibliothek durch und dokumentierten die
Ergebnisse in einer Datenbank. Untersucht wurden rund 15.000 Bände
auf im Sinne des Kunstrückgabegesetzes relevante Bestände
(Erscheinungsdatum vor 1945, Erwerb nach dem 30.1.1933). Festgestellt
wurde, dass nach dem Zweiten Weltkrieg auch Bücher an die Bibliothek
übergeben wurden, die aus Beständen stammen, als das
Parlamentsgebäude als Gauhaus der NSDAP genutzt wurde. Die Bibliothek
gab nachweislich ab 1946 Bände an ihre früheren EigentümerInnen
zurück, sofern die vorgefundenen Bücher eindeutig zuzuordnen waren.
Diese Bände sind daher heute nicht mehr vorhanden. Dokumentiert sind
Rückgaben etwa an die Genealogische Gesellschaft Adler, die
Israelitische Kultusgemeinde, das Museum für Volkskunde und den SPÖ-
Parlamentsklub. Es wurden aber auch Bücher aus Gauhaus-Beständen in
die Bibliothek einsigniert. Diese aus dem Bestand herauszufiltern und
unter dem Blickwinkel des Kunstrückgabegesetzes zu untersuchen, war
Aufgabe des externen Forschungsteams.
Folgende RechtsnachfolgerInnen von verfolgten Personen sollen 37
Bände, bzw. 29 Signaturen erhalten: Lily und Edwin Bader, Richard
Beer-Hofmann, Auguste Goldschmid, Siegfried Graubart, Robert
Holzinger, Paul Kisch, Hans Theodor Korolanyi, Felix B. Kraus, Ida
Schnürer, Leopold Singer, Israel Taglicht, Hugo Tannenbaum, die Lese-
und Redehalle jüdischer Hochschüler in Wien, die Bibliothek der
Z.T.V. Avoda, die Trumpeldor-Bücherei Wien - Jugendbund Josef
Trumpeldor, Edmund Weber, die Schwarz-Gelbe Aktion der Jugend im
Reichsbund der Österreicher, der Verein der Vivisektionsgegner sowie
die Israelitische Kultusgemeinde Wien (IKG).
Intensive Suche nach ErbInnen und RechtsnachfolgerInnen
Für die Kontaktaufnahme mit den RechtsnachfolgerInnen bzw. die
Erbensuche wird sich die Parlamentsdirektion an die Israelitische
Kultusgemeinde und den Nationalfonds der Republik Österreich wenden.
Sollten keine ErbInnen bzw. RechtsnachfolgerInnen gefunden werden,
ist geplant, die Bücher an den Nationalfonds zu übergeben und durch
die Parlamentsbibliothek rückzukaufen, analog dem Vorgehen der
Österreichischen Nationalbibliothek.
Die Parlamentsbibliothek hat in einem Fall bereits Hinweise auf die
ErbInnen nach Lily Bader gefunden. Lily Bader, geb. Stern (Wien,
22.8.1893 - New York, 1959), studierte ab 1914 Chemie und promovierte
1918 an der Universität Wien. Ab 1935 übernahm sie von ihrer Mutter
die Leitung der "Stern'schen Mädchen-Lehr- und Erziehungsanstalt".
Die Schule in der Wiener Innenstadt war eine der ersten, die jungen
Frauen eine höhere Bildung ermöglichte. Sie hatte einen
ausgezeichneten Ruf und war im gesamten Raum der Monarchie so
berühmt, dass es Wartelisten für die Aufnahme ins Internat gab und
die Schülerinnen ausgesucht werden konnten. Nach dem Anschluss floh
Lily Bader mit ihrer Familie nach England, wo sie erst als
Hausgehilfin und später als Chemikerin in London tätig war. Nach der
Emigration in die USA im Jahre 1940 bekam sie eine Anstellung als
Lehrerin an der Hudson School in Westchester, New York. Sie verfasste
sogar ihre Memoiren auf Englisch, diese sind 2011 in deutscher
Sprache erschienen. Dorit B. Whiteman, eine Tochter von Lily Bader,
studierte in den USA Psychologie und eröffnete eine eigene Praxis in
New York. Aus ihren Publikationen geht hervor, dass sie ab 1955 bis
zum 5. Mai 2008 eine lange, schmerzliche Reise zurück nach Wien
unternommen hat, die in der Aktion "A Letter To The Stars" ihren
bisherigen Höhepunkt gefunden hat. 2008 wurde Dorit B. Whiteman
gemeinsam mit anderen Holocaust-Überlebenden im Parlament empfangen.
Niemand hat zu diesem Zeitpunkt geahnt, dass ein Buch aus der
Bibliothek ihrer Eltern in den Regalen der Parlamentsbibliothek
steht. Nationalratspräsidentin Prammer würde sich sehr freuen, Dorit
B. Whiteman und ihren Töchtern dieses Buch mit den Politischen
Briefen von Kronprinz Rudolf und dem Exlibris "Der Wunder höchstes
ist..." persönlich zu übergeben.
Die Empfehlungen des Kunstrückgabebeirates sind im Wortlaut auf der
Website der Kommission für Provenienzforschung unter
www.provenienzforschung.gv.at abrufbar. (Schluss) red
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