- 03.12.2012, 21:00:31
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TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Damit das Moslem-Sein normal wird", von Wolfgang Sablatnig
Ausgabe vom 4. Dezember 2012
Utl.: Ausgabe vom 4. Dezember 2012 =
Innsbruck (OTS) - Österreich hat seit 100 Jahren ein Islamgesetz,
Muslime gehören zum Straßenbild. Bis zum selbstverständlichen Umgang
mit dem Islam sind aber noch viele Schritte nötig. Profitieren würden
davon alle.
Die größte Leistung Österreichs in Bezug auf den Islam ist eine
historische: Vor genau 100 Jahren, 1912, wurde - noch in der
Monarchie - ein Islamgesetz erlassen, weil nach der Besetzung
Bosnien-Herzegowinas plötzlich 600.000 Muslime unter des Kaisers
Herrschaft lebten.
Heute leben wieder rund 600.000 Muslime in Österreich - unter
völlig anderen Voraussetzungen allerdings: Nicht mehr am Rand des
großen Reiches in der Provinz, sondern mitten unter uns. In den
Schulen, auf den Straßen, in den Märkten ist diese Wirklichkeit schon
lange nicht mehr zu übersehen.
Die Politik hatte auf diese Entwicklung aber lange keine Antwort.
Je mehr Muslime kamen, desto rigider wurde der Umgang. Jedes Kopftuch
im öffentlichen Dienst führte und führt zu Debatten, erst recht jedes
Gebetshaus, wenn nach muslimischer Tradition ein Minarett geplant
ist. Dass Mitte der 1970er-Jahre in Wien eine wirklich orientalische
Moschee mit 32 Meter hohem Minarett gebaut werden konnte, ist heute
unvorstellbar.
Auf der anderen Seite entwickelte sich das religiöse und
kulturelle Leben der Muslime oft abgeschottet von der Gesellschaft
rundherum. Kein Wunder, Religionslehrer und Geistliche - Imame - sind
meist selber Zuwanderer, die in anderen Kulturen aufgewachsen sind
und ausgebildet wurden.
Zum selbstverständlichen Umgang mit dem Islam - und zum
selbstverständlichen Umgang der Muslime mit der österreichischen
Gesellschaft - sind da noch viele Schritte nötig. Dass die
Integration nicht einfach dem Zufall überlassen werden kann, hatte
zwar schon Maria Fekter als Innenministerin erkannt. Mit
Staatssekretär Sebastian Kurz gibt es seit eineinhalb Jahren aber
auch den richtigen Kommunikator für diesen Wandel. Verbindlich, nett,
nicht mit Themen wie Asyl oder Abschiebungen belastet, kann er den
"friendly guy" geben.
Mit dem "Dialogforum Islam" tritt er nun zum Lackmustest der
Umsetzung an. Vor allem das Imame-Studium kann eine Chance sein, dass
Österreich 100 Jahre nach dem Islamgesetz wieder Trendsetter wird. Wo
die deutsche Sprache auch in den Moscheen Standard ist, wo nicht
jeder Imam mit Extremismus-Verdacht belegt wird, wo ein Grundwissen
über die Werte der Mehrheitsgesellschaft vorausgesetzt werden kann,
wird den Populisten der Nährboden entzogen. Profitieren könnten davon
alle - die Mehrheitsgesellschaft genauso wie die Muslime.
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